LANGZEITSTUDIE: «Jugendliche bauen heute weniger Mist»

Seit 2010 geht die Jugendkriminalität kontinuierlich zurück. Der St.Galler Kriminologe Martin Killias über die Trendwende, ihre Ursachen und sein neustes Buch.

Christoph Zweili
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Der Konsum von Cannabis hat einen direkten Einfluss auf die Jugendkriminalität. (Bild: Marie-Reine Mattera (Photononstop RM))

Der Konsum von Cannabis hat einen direkten Einfluss auf die Jugendkriminalität. (Bild: Marie-Reine Mattera (Photononstop RM))

Mehr Raub, mehr Gewalt, mehr Drogenhandel: Martin Killias (68), ständiger Gastprofessor für Strafrecht, Strafprozessrecht und Kriminologie an der Universität St.Gallen, ist in den letzten 20 Jahren stets dem Mythos von der Abnahme der Jugendkriminalität entgegengetreten. Als Rufer in der Wüste hat er mit einer Langzeit-Studie den umgekehrten Trend zu belegen versucht – mit der Erkenntnis: Jugendgewalt und -kriminalität nehmen unter dem Einfluss von hartem Alkohol und Drogen weiter zu. Jetzt macht er sein Buchmanuskript zum Thema einer vierteiligen öffentlichen Vorlesung an der Universität St.Gallen.

Martin Killias, im Zusammenhang mit Ihrer eigenen Studie ist Ihnen auch schon vorgeworfen worden, dass Sie Panikmache betreiben, um an Gelder für Ihre Forschung heranzukommen.
Das ist absurd. Wenn es so einfach wäre, an Forschungsgelder zu kommen ... mit Panikmache hat das nichts zu tun: Ich habe die Trends zwischen 1990 und 2010 korrekt beschrieben – nicht nur bei den Jugendlichen, sondern auch bei den Erwachsenen. Und ich habe versucht, Erklärungen dafür zu finden. Eine Mehrheit der Forscher und Politiker haben die Lage damals in einer Art kollektiver Realitätsverweigerung schöngeredet.

Aufgrund Ihrer Studie stellen auch Sie nun fest: Die Jugendkriminalität geht seit 2010 zurück. Haben Sie sich geirrt?
Ich habe mich nicht geirrt. Ich habe diese Trendbrüche stets postuliert. Fakt ist, dass die strafrechtlich relevanten Gewaltdelikte von Jugendlichen seit den 1990er-Jahren um ein paar 100 Prozent gestiegen sind. Es war daher blanker Unfug, vor 2010 von einem Rückgang zu reden.

Die strafrechtlichen Urteile von Jugendlichen werden seit 1999 erfasst. Bildet diese Statistik nicht die Realität ab?
Das Datenmaterial ist zwar gut, aber die Realität viel komplexer. Vom Bund erfasst wurden die Fälle, die zu Strafurteilen geführt haben, in der Polizeistatistik sind es die Fälle, die angezeigt wurden. Wir haben aber untersucht, was im sogenannten «Dunkelfeld» geschieht: Jugendliche haben sich über ihre eigene Delinquenz geäussert. Dreimal zwischen 1992 und 2014 befragte das Forscherteam junge Menschen in 35 Ländern rund um den Erdball, welche Delikte sie schon begangen hätten und von welchen sie Opfer gewesen seien. Für die Schweiz zeigt sich, dass die Jugendkriminalität zwischen 2005 und 2012 noch einmal wacker gestiegen ist.

Und wie erklären Sie die rückläufige Tendenz?
Bei den Strafurteilen (siehe Tabelle) gibt es einen Bruch. Da trat die neue Jugendstrafprozessordnung in Kraft – sie hat die Möglichkeiten, ein Verfahren ohne Urteil zu beenden, stark erweitert. Daher rührt wohl der abrupte statistische Rückgang von 2010 auf 2011.

Das erklärt die Verwerfung in der Statistik, aber nicht den Rückgang.
Verkürzt könnte man sagen, dass die Zunahme auf die Ausgehkultur der jungen Generation zurückzuführen war. Das war ein Trend über 20 Jahre – viele sind am Wochenende in die städtischen Zentren gefahren, haben dort Alkohol und Drogen konsumiert. Als direkte Folge stieg die Zahl der Delikte. Dieser Trend ist nun wahrscheinlich gebrochen.

Kiffen heizt die Jugendkriminalität an?
Kiffen korreliert stark mit Delinquenz. Diese Wechselwirkung ist stärker als bei hartem Alkohol.

Kann es sein, dass die Jugendlichen in Ihrer Studie angaben, krimineller zu sein als sie sind?
Das war immer wieder ein Thema. Unser Verdacht war allerdings eher, dass die Jugendlichen gewisse Dinge nicht angesprochen haben. Insgesamt sind die Antworten aber plausibel: Gewalt wird weniger zugegeben als Diebstahl, Drogenkonsum wird häufiger zugegeben als der -handel ...

Wo halten sich denn heute die jungen Leute auf?
Mehr zu Hause vor dem Computer. Die Freizeitgestaltung steht in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Sozialverhalten im öffentlichen Raum.

Sie bauen also weniger Mist als früher?
Ja, das ist so.

Ist diese Trendumkehr ein internationales Phänomen?
Sie ist in allen westlichen Gesellschaften zu beobachten. Nirgends wurde das Nachtleben aber so extrem ausgebaut wie bei uns: Daher war die Zunahme der Gewaltdelikte in der Schweiz besonders steil, dabei gibt es kaum regionale Unterschiede.

Wo steht die Schweiz im internationalen Vergleich?
Früher war die Schweiz ein Land mit wenig Kriminalität. Heute nicht mehr.

Das als Folge des hohen Cannabiskonsums?
Das ist sicher ein wichtiger Punkt. In der Schweiz wird im internationalen Vergleich sehr viel Cannabis konsumiert.

Hängen Migration und Jugendkriminalität zusammen?
Ja. Dabei ist interessant, dass die Unterschiede zwischen den einzelnen Nationalitäten grösser sind als die zwischen Schweizern und Ausländern. Das gilt bei Erwachsenen und Jugendlichen.

Die Integration funktioniert nicht bei allen?
Es gibt grosse Unterschiede bei den Minderheiten. Und ja, die Integration funktioniert nicht bei allen gleich gut.

Warum werden einzelne Jugendliche delinquent und andere nicht?
Das Elternhaus spielt eine Rolle. Aber nicht bei allen gleich: Eine Variable ist die Selbstkontrolle. Sie mag einen kulturellen Hintergrund haben, ist aber auch kirchlich geprägt, etwa im ausgeprägten Moralkodex der Reformierten. Auch das Freizeitverhalten ist wichtig. Ein Schlüsselfaktor ist, wie man aufwächst.

Wie hängen Cannabis, Rausch und Gewalt zusammen?
Cannabis und Alkohol – beide sind gewaltfördernd. Wer häufig Haschisch konsumiert, ist häufig auch betrunken. Der prägendere Faktor ist aber wohl das Kiffen.

Bleibt die Jugendkriminalität auch in den nächsten Jahren ein Thema?
Sie wird immer ein Thema sein, weil auch die Integration der jungen Generation immer ein Thema sein wird. Jugendliche wollen sich stets gegenüber ihren Eltern abgrenzen. Das ist der springende Punkt.
Vorlesungsreihe

«Jugendkriminalität – Trends und neue Fragen», HSG, Raum 01-014, Dienstag (28. Februar, 7., 14., 21. März).

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