LANDESVERWEIS: «Sie verzweifelte fast»

Anwalt Urs Bertschinger hat am Montag ein Begehren gegen die Ausschaffung von Marija Milunovic eingereicht. Ohne Erfolg: Die 17-Jährige wurde am Dienstagmorgen nach Serbien ausgewiesen.

Christa Kamm-Sager
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Marija Milunovic sass schon im Flugzeug, als ihre Mutter über den Flug informiert wurde. (Bild: Facebook)

Marija Milunovic sass schon im Flugzeug, als ihre Mutter über den Flug informiert wurde. (Bild: Facebook)

Interview: Christa Kamm-Sager

christa.kamm@tagblatt.ch

Urs Bertschinger, wurde die superprovisorische Verfügung gegen die Ausschaffung von Marija Milunovic abgelehnt?

Wir sind davon ausgegangen, dass Marija – solange ein Entscheid des Sicherheits- und Justizdepartementes auf das superprovisorische Massnahmebegehren aussteht – nicht ausgeschafft wird. Diese Annahme hat sich leider als falsch herausgestellt: das Migrationsamt hat sich ­keinen Deut um unser Begehren ­geschert. Die Mutter wurde erst informiert über den Flug nach Serbien, als Marija schon im Flugzeug sass.

Wissen Sie, wie es Marija geht?

Marija durfte während der Ausschaffungshaft weder zur Mutter noch zu mir Kontakt aufnehmen. Ich habe dagegen protestiert. Die Kantonspolizei sagte der Mutter, dass es Marija gut gehe. Die Mutter war ohne Informationen ihrer Tochter fast am Verzweifeln. Sie hat schon heute am frühen Morgen den Kontakt zu mir gesucht. Am Nachmittag konnte sich Marija dann telefonisch aus Belgrad melden. Sie sei dort abgeholt worden, habe es aber vorgezogen, in einem Hotel, das ihr bekannt ist, einzuchecken. Sie will nicht beim Vater wohnen, weil sie dem Konflikt mit ihm aus dem Weg gehen möchte. Ich versuche nun möglichst schnell abzuklären, ob Marija in den nächsten Tagen in Liechtenstein als Touristin einreisen kann.

Weshalb hat das Migrationsamt plötzlich in dieser Härte gehandelt?

Es scheint ihnen sauer aufgestossen zu sein, dass Marija die gesetzten Fristen für die Ausreise nicht eingehalten und das ganze Verfahren nicht im Ausland abgewartet hat. Sie hätte schon im November 2014 ausreisen sollen. Dann hat man den Fall einfach liegengelassen, und jetzt plötzlich wird mit der harten Keule gehandelt. Die Grundsätze der Fairness und der schonenden Rechtsausübung wurden meines Erachtens verletzt.

Marija Milunovic stand kurz davor, eine Stelle als Au-pair in Liechtenstein antreten zu können. Sie musste dafür allerdings in Serbien Papiere beschaffen. Jetzt heisst es, wenn sie nach Serbien reisen könne, könne sie auch dort leben.

Marija musste sich in Serbien einen neuen Pass ausstellen lassen, damit sie in Liechtenstein überhaupt das Gesuch für die Au-pair-Stelle einreichen konnte. Der alte Pass war abgelaufen. Das wurde ihr jetzt scheinbar zum Verhängnis. Im vergangenen Dezember waren vom Migrationsamt noch keine Einzelheiten über die Ausschaffung zu erfahren. Jetzt plötzlich wurde sie abgeholt und in Ausschaffungshaft gesetzt und ihr mitgeteilt, dass sie am nächsten Tag ausgeschafft werde. Mir fehlt einfach eine menschliche Komponente im Umgang mit der jungen Frau in dieser schwierigen Situation.

Besteht eine Chance, dass Marija nach der Ausschaffung nach Serbien trotzdem noch die Stelle als Au-pair in Liechtenstein antreten kann?

Wir hoffen das natürlich schwer. Eine Gefahr besteht darin, dass jemand, der ausgeschafft worden ist, grundsätzlich ein Einreiseverbot für den Schengenraum erhält. Ob dies auch für Minderjährige gilt, müsste noch abgeklärt werden. Wir hoffen jetzt darauf, dass Marija als Touristin nach Liechtenstein zurückkehren und dann die Stelle antreten kann.

Wie finanziert die Familie die Anwalts- und Reisekosten?

Ein paar wenige Spenden sind eingegangen, und vom SOS- Beobachter kam eine Kostengutsprache in der Höhe von 5000 Franken. Diese Gelder reichen natürlich bei weitem nicht, um die gesamten Kosten zu decken.