LANDESGERICHT: Im Mordprozess ist alles offen

Freiheit oder lebenslange Haft: Für den 28-jährigen Dominikaner geht es am Montag um alles oder nichts.

Christiane Eckert
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Der gewaltsame Tod der jungen Frau am 4. November 2015 in Frastanz war ein aussergewöhnlich schreckliches Verbrechen: Die Schwangere wurde erwürgt und nachträglich in Brand gesteckt. Aussergewöhnlich ist auch der Prozess rund um den 28-jährigen Angeklagten, der aus der Dominikanischen Republik stammt, der seine Ex-Freundin getötet haben soll. Zwölf Stunden wurde am ersten Prozesstag in Feldkirch verhandelt (Ausgabe vom 21. November). Am Montag, 4. Dezember, geht es weiter: Ob ein Urteil gefällt wird, ist offen. Zehn Zeugen müssen einvernommen werden, sicherheitshalber wurde zusätzlich der Dienstag anberaumt.

Oft gestehen Täter eine Tathandlung. Bei Schwurgerichten geht es oft um mehrere Fragen: Wollte der Täter töten, absichtlich jemanden schwer verletzen, nur verletzen oder hat er jemanden fahrlässig verletzt? In diesem Fall bestreitet der Mann aber alles. Er sei nicht einmal am Tatort gewesen, lautet eine seiner Aussagen. Die Familie des Mannes ist von seiner Unschuld überzeugt und glaubt an eine unglückliche Verkettung von Umständen. Im Gegensatz dazu sehnt sich die Familie des Opfers nach einem Schlussstrich – zumindest rechtlich. Die Laienrichter am Landesgericht werden lediglich eine einzige Frage zu beantworten haben: «War er es oder nicht?» Insgesamt geht es um vier Delikte. Mord, Störung der Totenruhe, Schwangerschaftsabbruch und Brandstiftung.

Für einen Schuldspruch braucht es fünf Stimmen

Ob die Schuldfrage am Montag geklärt wird, ist fraglich. Wird der bisher unbescholtene Dominikaner verurteilt, erwartet ihn vermutlich lebenslange Haft, wie der Verteidiger bestätigt. Das würde bedeuten, dass der Mann frühestens nach 15 Jahren auf eine bedingte Entlassung hoffen kann. Für einen Schuldspruch müssen mindestens fünf der acht Geschworenen der Meinung sein, dass er ein Mörder ist. Steht es vier zu vier, gilt er als unschuldig. Diese Last müssen die Laienrichter tragen.

Haben die Geschworenen Zweifel, sind sie verpflichtet, den Mann freizusprechen. Dann wäre er – nach Rechtskraft des Urteils – ein freier Mann. Und er hätte nach dem strafrechtlichen Entschädigungsgesetz Anspruch auf finanzielle Abgeltung für die zu Unrecht verbüsste zweijährige U-Haft. Der Ersatzanspruch beläuft sich auf mindestens 20, höchstens aber 50 Euro pro Tag, wobei die persönlichen Verhältnisse des Geschädigten berücksichtigt werden.

Fällt die erste Instanz einen Schuldspruch, hat der Mann eine letzte Chance in zweiter Instanz. Stimmt auch sie dem ersten Urteil zu, geht die Untersuchungshaft in Strafhaft über und er wird in eine andere Strafanstalt überstellt. «In welche Anstalt jemand kommt, wird in einem sogenannten Klassifizierungsverfahren ermittelt», erklärt Oberstleutnant Simon Zangerl von der Justizanstalt Feldkirch. Kriterien wie beispielsweise Strafdauer oder Auslastung sind dabei massgeblich.

Die Laienrichter entscheiden

Sowohl Verteidigung als auch Staatsanwaltschaft überzeugten mit ihrem Auftreten am ersten Prozesstag, beide Seiten sind entsprechend der Wichtigkeit gut vorbereitet. Dennoch: Die Entscheidung über schuldig oder unschuldig treffen im Schwurgericht die Nichtjuristen.

Christiane Eckert

ostschweiz@tagblatt.ch