«Lachen tut uns gut»

Der Fokus-Preis der Schweizerischen Alzheimervereinigung Sektion St. Gallen/Appenzell geht dieses Jahr an die elf Leiter der Angehörigengruppen. Rita Gross ist eine von ihnen. Mit viel Einfühlungsvermögen leitet sie zwei Gruppen.

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Rita Gross bespricht mit Angehörigen von Demenzkranken deren Sorgen und Nöte. (Bild: Urs Jaudas)

Rita Gross bespricht mit Angehörigen von Demenzkranken deren Sorgen und Nöte. (Bild: Urs Jaudas)

«Mein Mann hat den oberen Korb der Abwaschmaschine samt Geschirr auf den Küchentisch gestellt und dafür den Zwetschgenfladen in die Maschine geräumt.» – «Ich setze meine Frau regelmässig auf die Toilette. Dann warte ich, löse Sudoku und drehe ab und zu den Wasserhahn auf.» – «Mein Mann verirrt sich manchmal im Stockwerk und sucht das WC im Keller.»

Die vier Frauen und zwei Männer lachen an diesem Nachmittag herzhaft ob all der Anekdoten, die sie mit ihren alzheimerkranken Angehörigen erleben. Rita Gross leitet die Gesprächsgruppen Wattwil und Herisau. «Lachen tut uns gut», sagt sie. Im Alltag bleibt den Gruppenteilnehmern nicht viel zum Lachen.

«Sie kann lieb, nett und anhänglich sein, dann wieder schwierig. Die schwierigen Zeiten werden länger.» – «Wir dürfen einfach nicht pressieren. Am Sonntag wollte ich unbedingt in die Predigt, da hat mein Mann sich geweigert, zu duschen.» – «Ich kann den leeren Blick meiner Schwiegermutter nicht ertragen.»

Keiner muss sich rechtfertigen

Die Gruppenteilnehmer zeigen viel Verständnis für die Sorgen und Nöte der andern. Der Austausch unter den Angehörigen sei wichtig, sagt Rita Gross. Keiner müsse sich rechtfertigen. Die Gruppe trifft sich jeweils einmal im Monat. Gross weiss genau, was den Männern und Frauen auf dem Herzen liegt. Sie spricht jeden auf seine aktuellen Probleme an und fragt sanft nach.

«Es hat nicht so gut geklappt im Heim. Mein Mann wollte schon nach einer Woche wieder nach Hause.» – «Die Alzheimerferien waren wunderbar. Die Betreuerin hat tiptop zu meiner Frau geschaut.» – «Es ging ganz gut, während meine Tochter in den Ferien war. Meine Frau hat mich beim Kochen angeleitet, sie selber verwürzt das Essen.»

Die Gruppenteilnehmer liegen Rita Gross am Herzen. Hat einer ein besonderes Anliegen, nimmt sie sich auch ausserhalb der Treffen Zeit. Gerade wenn es um die externe Betreuung geht, weiss sie Bescheid. Gross hat bis zur Pensionierung 1998 das Altersheim Bunt in Wattwil geleitet. 1996 eröffnete sie dort eine Dementenwohngruppe. Es sei weitherum die erste gewesen, sagt die gelernte Kinderkrankenschwester. Sie dränge sich aber nicht auf, «jeder hat seine eigene Strategie». Sie überlasse es auch den Teilnehmern zu bestimmen, wie weit sie sich öffnen möchten. Insbesondere das Thema Schuldgefühle käme aber immer wieder unterschwellig zu Tage.

«Ich schaffe es einfach nicht mehr. Mein Sohn hat mir nun versprochen, sich über Heime zu informieren.» – «Mein Mann verbringt jede Woche zwei Tage im Heim. Das tut mir gut.» – «Er hat es fidel mit den zwei Pflegerinnen. Erst war er aber nicht begeistert davon, dass ich heute ausgehe.»

An den kleinen Dingen erfreuen

Rita Gross hat selber früh Erfahrungen mit dementen Menschen gemacht. Sie war in der sechsten Klasse als ihre Grossmutter bei der Familie einzog. «Meine Mutter hat das gut gemacht. Hätte ich mein heutiges Wissen damals schon gehabt, wäre es aber einfacher gewesen.» Angehörige müssten sich an den kleinen Dingen erfreuen, das versuche sie auch ihrer Gruppe zu vermitteln.

«Rita hat viele Erfahrungen, ich bin froh um ihre Tips.» – «Mein Mann ist vor drei Jahren gestorben, aber die Gruppe tut mir immer noch gut.» – «Sie macht das hervorragend. Merci Rita!»

Jeanette Herzog