HSG-Studie zeigt: Die meisten Besucher des St.Galler Stiftsbezirks übernachten nicht in der Region  

Der St.Galler Stiftsbezirk bringt jährlich 14 Millionen Franken Wertschöpfung in die Region. Die Zahlen könnten laut einer HSG-Studie allerdings besser sein. Die Besucherinnen und Besucher verbringen im Durchschnitt weniger als eine Stunde im Klosterviertel, nur ein Drittel übernachtet in der Region. 

Adrian Vögele
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Viele fotografieren rasch und reisen weiter: Besucher in der St.Galler Kathedrale.(Bild: Urs Bucher)

Viele fotografieren rasch und reisen weiter: Besucher in der St.Galler Kathedrale.(Bild: Urs Bucher)

St.Gallen spielt dank seines Klosterbezirks in der kulturellen Weltklasse. Doch wer besucht eigentlich das Weltkulturerbe, und wie gross ist der wirtschaftliche Nutzen für die Region? Dazu gab es bisher keine detaillierten Daten. Kanton, Stadt und Katholischer Konfessionsteil wollten die Frage beantwortet haben: Sie gaben beim Institut für Systemisches Management und Public Governance der Universität St. Gallen eine Studie in Auftrag. Die Experten haben unter anderem über 800 Besucherinnen und Besucher befragt und die Zahlungsströme rund um den Stiftsbezirk analysiert. Jetzt liegen die Resultate vor. Fazit: Der Stiftsbezirk hat bei der Wertschöpfung Luft nach oben. Eine Übersicht über die Studienergebnisse:

Die Besucher

Die meisten der jährlich 140000 Besucher im Stiftsbezirk kommen aus dem Ausland (siehe Grafik). Die Gäste aus dem Inland sind zu über einem Drittel Ostschweizer, gegen 20 Prozent kommen aus dem Raum Zürich. Mittelland und Westschweiz sind weniger gut vertreten. Zwei Drittel der Gäste haben einen Hochschulabschluss. Vier von fünf Besuchern besichtigen den Klosterbezirk aus Interesse an dessen Architektur und Geschichte. Hingegen hat der religiöse Aspekt des Stiftsbezirks eine «geringere Relevanz», wie es in der HSG-Studie heisst. Aber immerhin zwei Drittel der Gäste besuchen den Bezirk auch aus spirituellen Gründen.

Die Besichtigung

Die meisten Touristen halten sich nicht lange im Stiftsbezirk auf: Im Durchschnitt bleiben sie weniger als eine Stunde. Am grössten ist der Anteil dieser Kurzbesucher bei den Gästen aus Übersee: 62 Prozent. Aber auch die Mehrheit der Schweizer Besucher bleibt maximal eine Stunde. Nur ein Viertel aller Gäste nimmt sich eineinhalb Stunden oder noch länger Zeit. Touristen aus dem deutschsprachigen Ausland verweilen tendenziell am ehesten über 90 Minuten im Stiftsbezirk. 83 Prozent aller Besucher sehen sich die Stiftsbibliothek an, 71 Prozent (auch) die Kathedrale. Eine Führung machen allerdings nur 13 Prozent mit.

Der St.Galler Klosterbezirk. (Bild: Urs Bucher)

Der St.Galler Klosterbezirk. (Bild: Urs Bucher)

Der Aufenthalt

60 Prozent der Besucher sind Tagesgäste, nur ein Drittel übernachtet in der Region (siehe Grafik). Bei den Gästen aus dem Ausland ist der Anteil der Kurzaufenthalter besonders hoch: 66 Prozent der Touristen aus Übersee übernachten nicht in der Ostschweiz, sondern reisen noch am selben Tag weiter. Bei den Besuchern aus dem deutschsprachigen Ausland sind es sogar 69 Prozent.

Die Geldflüsse

Trotz der teils nur kurzen Aufenthaltsdauer verbinden die meisten Gäste die Visite im Stiftsbezirk mit anderen Aktivitäten in der Stadt und Region. Jeder Dritte nutzt die Gastronomie, jeder Fünfte kauft auch ein. Tagesgäste geben im Schnitt 80 Franken aus, Übernachtungsgäste 195 Franken pro Tag. Mit 220 Franken sind die Tagesausgaben bei Übernachtungsgästen aus Asien am höchsten. Gesamthaft aber liegen die Einkaufszahlen der Stiftsbezirk-Besucher einen Drittel unter den schweizweiten Vergleichswerten im Städtetourismus, wie es in der Studie heisst.

Der Wirtschaftseffekt

Die Budgets von Stiftsbibliothek, Stiftsarchiv und Kathedrale betrugen im Jahr 2017 rund 7,7 Millionen Franken. Die Kaufkraft, die der Stiftsbezirk in die Region St.Gallen holt, liegt bei 17,5 Millionen Franken, woraus eine regionale Wertschöpfung von 14 Millionen resultiert. Das wirkt sich auch auf den Arbeitsmarkt aus: Die Wertschöpfung des Stiftsbezirks sichert 140 Vollzeitstellen in der Region. Der Tourismus im Stiftsbezirk generiert zwischen 1,5 und 2,3 Millionen Franken Steuereinnahmen.

E-Bike-Fahrer und Romands im Visier

Die Autoren der HSG-Studie schlagen mehrere Ziele für den Stiftsbezirk vor: Damit die Wertschöpfung zunimmt, sollen die Tagesbesucher zu längeren Aufenthalten bewegt werden – etwa indem der Stiftsbezirk mit gastronomischen Angeboten der Stadt verknüpft wird. Damit vermehrt zahlungskräftigere Besucher kommen, könnte St. Gallen unter anderem als Ziel für den Velotourismus rund um den Bodensee beworben werden. Gerade E-Bike-Fahrer «im besten Alter» seien eine vielversprechende Zielgruppe. Auch in der Westschweiz gebe es noch viel Potenzial für Gäste. Gezielte Angebote im Winter sollen zudem helfen, die Auslastung des Stiftsbezirks gleichmässiger zu verteilen. Der Verein Weltkulturerbe Stiftsbezirk sieht sich auf gutem Weg zu einer höheren Wertschöpfung, nicht zuletzt dank der neuen Ausstellungen im Gewölbekeller und im Stiftsarchiv. (av)