KÜNDIGUNG: «Uns sind die Hände gebunden»

St. Gallen-Bodensee-Tourismus steht ohne Direktor da. Der Verein hat weitere Schwierigkeiten zu meistern. Präsident Markus Isenrich wünscht sich einen Zusammenschluss der Ostschweizer Destinationen. Doch dieser Prozess ist langwierig.

Julia Nehmiz
Merken
Drucken
Teilen
«Wir agieren mit angezogener Handbremse» – Markus Isenrich wartet auf einen neuen Leistungsauftrag vom Kanton. (Bild: Benjamin Manser (St. Gallen, 5. Mai 2017))

«Wir agieren mit angezogener Handbremse» – Markus Isenrich wartet auf einen neuen Leistungsauftrag vom Kanton. (Bild: Benjamin Manser (St. Gallen, 5. Mai 2017))

Interview: Julia Nehmiz

Markus Isenrich, Ihr Tourismusdirektor Frank Bumann hat am Donnerstag überraschend seinen Rücktritt bekanntgegeben. Was ist los bei St. Gallen-Bodensee-Tourismus?

Unser Verein kämpft seit vielen Jahren um eine Erneuerung der Leistungsaufträge mit Kanton und Stadt. Die letzte Leistungsvereinbarung mit einer Dauer von vier Jahren wurde 2011 abgeschlossen, auf der Grundlage von Vereinbarungen und Daten aus dem Jahr 2008.

Das basiert also noch auf der Zeit vor Frank Bumann.

Ja, und Sie wissen, was sich inzwischen allein im Bereich der sozialen Medien und der IT verändert hat. Und wir sind mit unserem Leistungsauftrag inhaltlich noch immer auf der Basis von 2008.

Weshalb haben Sie keinen neuen Leistungsauftrag ausgehandelt?

Um einen solchen zu vereinbaren, sollte erst anderes geklärt werden. Das berechtigte Anliegen des Kantons hiess, wir sollten uns überlegen, ob wir touristisch im Kanton St. Gallen noch richtig aufgestellt sind. Der Kanton schlug vor, die Destinationsstrukturen zu überprüfen.

Was heisst das genau?

Im Kanton St. Gallen gibt es vier Tourismus-Destinationen: St. Gallen-Bodensee, Toggenburg, Heidiland und Zürichsee. In der Mitte befinden sich nochmals zwei, Appenzell Innerrhoden und Appenzell Ausserrhoden. In unmittelbarer Nachbarschaft sind Thurgau, Schaffhausen und das Fürstentum Liechtenstein. Wir haben also auf kleinstem Raum neun Destinationen. Der Kantonsrat stellt die richtige Frage: Ermöglicht uns diese Aufstellung, erfolgreich zu sein?

Und, ermöglicht sie das?

Ich sage es mal so: Ich halte nicht an heutigen Strukturen fest, wenn ich in anderen erfolgreicher sein könnte.

Denken die anderen auch so?

Die Destinationen reagieren nicht gerade überschwänglich. Es ist ein langer politischer Prozess.

Der nun zur Folge hat, dass Sie keinen Leistungsauftrag haben.

Doch, haben wir, er wurde einfach jedes Mal im bestehenden Umfang verlängert, und wird wohl auf 2018 noch einmal verlängert, solange die offenen Fragen auf politischer Ebene nicht geklärt sind.

Was ist daran schlimm?

Wir agieren mit angezogener Handbremse. Wie gesagt: Von unserem Auftrag her sind wir immer noch auf dem Stand von 2008. Da wir weder einen aktualisierten Auftrag noch die Mittel haben, können wir nicht mit Volldampf voraus.

Hat Frank Bumann deshalb gekündigt?

Nein. Er hat seinen Entscheid gefällt als Tourismusfachmann, als Familienvater, als Person. Seine Überlegung war, ob er die nächsten zehn Jahre in demselben Setting verbringen möchte, oder ob es etwas anderes gibt, das ihn erfüllt.

Frank Bumann eckte an mit seiner Vision vom chinesischen Markt.

Der Auftrag des Vorstandes an Bumann lautete: Wir brauchen mehr Übernachtungen. Er überlegte, wie man das erwirken könnte und entwickelte Ideen, um im fernöstlichen Markt Fuss zu fassen. Die Märkte sind so riesig, dass nur ein kleines Tröpfchen davon bei uns eine Überschwemmung auslösen würde. Und darum sind sie für uns interessant. Wir brauchen ja nicht viel, um unsere Übernachtungszahlen anzuheben.

Das Wachstum liegt ausgerechnet

in Fernost?

Unsere Hauptmärkte sind ganz klar die Schweiz, Deutschland und Österreich. Das hat auch Frank Bumann immer betont. In den fernöstlichen Markt haben wir nur 20000 Franken unseres 3,5 Millionen-Budgets investiert. Den Rest der 150000-Franken-Kampagne haben 30 private Ostschweizer Unternehmer und der Tourismus Schaffhausen beigesteuert.

Haben diese Bemühungen denn gefruchtet?

Letztes Jahr hatten wir über 12000 Logiernächte von Gästen aus China, Japan und Südostasien. 2013 waren es nicht ganz 10000. Man könnte in diesen Zukunftsmarkt investieren, so man denn wollte. Aber weil die Leistungsvereinbarungen eingefroren wurden, bekomme ich vom Kanton keine Antwort zu dem Thema.

Nun haben Sie keinen Direktor, die Strukturreform hakt – stehen Sie vor einem Scherbenhaufen?

Überhaupt nicht, wir haben eine gesunde Basis. Und wir haben sehr gut geführte und leistungsfähige Geschäftsbereiche. Der Kanton hat das Projekt gestartet mit dem Ziel, 2017 eine Vorlage in die Vernehmlassung zu schicken. Bis dann alles beschlossen ist, kann es nochmals zwei Jahre dauern. Wir müssen die politischen Prozesse akzeptieren.

Aber solange können Sie nicht handeln.

Uns sind die Hände gebunden. Wir können nur versuchen, optimal zu verwalten. Aktiv zu gestalten ist im Moment schwierig.

Sie agieren heute auf dem Stand von 2008, und das noch zwei Jahre. Für den Tourismus in St. Gallen ist das doch eine Bankrotterklärung.

Nein, es ist ein verzögerter Start. Oder eine Anlaufphase, die es jetzt braucht. Es ist schade, dass es so lange dauert.

Was wäre Ihr Wunsch? Aus neun Destinationen eine zu machen?

Es braucht eine gemeinsame, einheitliche Marke für unsere Region. Eine einheitliche Strategie. Und auch gewisse Aufgaben müssten unter der Dachmarke gebündelt werden. Dafür braucht es aber einen politischen Entscheid.

Aber davon würden nicht alle Tourismusdestinationen gleichermassen profitieren.

Was das angeht, stecken wir in einem Dilemma. Es können nicht alle gleich glücklich sein. Der Kanton hat aber die Gesamtverantwortung für die ganze Geografie des Kantons. Er probiert, den Interessensausgleich über das ganze Kantonsgebiet zu wahren.

Kann ein Zusammenschluss funktionieren?

Er muss funktionieren. Und er kann. Doch es braucht dazu den Goodwill von allen Mitwirkenden.

Wie wollen Sie unter den Umständen einen neuen Direktor finden?

Wir werden die Stelle nächste Woche ausschreiben. Da es ein attraktiver Job ist, bin ich sicher, dass wir viele gute Bewerbungen erhalten.