KÜMMERTSHAUSEN: Der Prozess

Ein Mann wird tot in Kümmertshausen gefunden, im Hals steckt eine Kapuze. Die Spur führt zu einer Bande von Menschenschmugglern. Jetzt stehen 14 Männer vor Gericht. Und es ist von einem Justizskandal die Rede.

Ida Sandl
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Wegen der vielen Verhandlungstage im Prozess Kümmertshausen tagt das Gericht im Rathaussaal. (Bild: Andrea Stalder)

Wegen der vielen Verhandlungstage im Prozess Kümmertshausen tagt das Gericht im Rathaussaal. (Bild: Andrea Stalder)

20. November 2010: Im Weiler Löwenhaus, der zu Kümmertshausen gehört, findet die Polizei einen Toten. Es handelt sich um einen 53-jährigen IV-Rentner. Ein Alt-Hippie, der abgeschieden in seinem Haus lebte. Der Tote ist an Händen und Füssen gefesselt. In seinem Mund steckt eine Jackenkapuze. Er ist erstickt. Ein Motiv ist nicht ersichtlich. Bei dem Getöteten gab es nichts zu holen, und es gibt keine Hinweise auf ein Beziehungsdelikt.  

17. November 2011: Ein Jahr nach dem Fund der Leiche schreibt die Kantonspolizei Thurgau den Kurden Dogan N. zur Fahndung aus. Seine DNA wurde am Tatort gefunden. Es sind 5000 Franken Belohnung ausgesetzt. Zu dieser Zeit wissen die Ermittler bereits, dass der IV-Rentner Kontakt zu türkisch-kurdischen Kreisen aus dem Raum St. Gallen hatte, dass es wohl Streit gab und dass mehrere Personen beteiligt waren.

5. Februar 2012: Fahndungserfolg: Zwei Männer werden verhaftet, einer im Kanton St. Gallen, einer in Süddeutschland. Sie sollen an der Tötung des IV-Rentners beteiligt gewesen sein. Dogan N. ist noch auf der Flucht.

März 2012 bis Dezember 2014: Die Ermittlungen laufen scheinbar erfolgreich, weitere Verdächtige werden festgenommen. Anfang 2014 sitzen sechs Männer in Haft, vier in der Schweiz, einer in Deutschland, einer in der Türkei.  

März 2015: Der erste Prozess: Vor dem Bezirksgericht Kreuzlingen wird Yilmaz B., einer der Beschuldigten, wegen Gehilfenschaft zur vorsätzlichen Tötung zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren verurteilt. Die zuständigen Staatsanwälte haben seine Verurteilung vom übrigen Verfahren abgekoppelt. Ihm wird ein abgekürztes Verfahren gewährt. Das heisst: Staatsanwalt und Beschuldigter haben sich über das Strafmass bereits vor dem Prozess geeinigt. Das Gericht stimmt nur noch zu oder lehnt ab. Yilmaz B. liefert eine umfassende Aussage ab. Sein Aussageverhalten werde strafmildernd gewertet, heisst es in der Anklageschrift. Diese Abkoppelung, die später von Bundes- und Obergericht zurückgenommen wird, belastet den ganzen weiteren Ablauf des Verfahrens. Der Knackpunkt: Yilmaz B. stellt sich als derjenige dar, der versucht habe, den Tod des IV-Rentners zu vereiteln. Die Schilderungen der anderen Beschuldigten sehen zum Teil ganz anders aus. Ein Angeklagter brandmarkt Yilmaz B. sogar als Haupttäter. Mit seiner Aussage belastet Yilmaz B. auch Müslüm D. Der beschwert sich mithilfe seines Verteidigers vor Bundesgericht gegen die separate Verurteilung von Yilmaz B.

April 2015: Das Bundesgericht schickt die zuständigen Kreuzlinger Staatsanwälte rückwirkend in den Ausstand. Grund: «Anschein von Befangenheit». Es wirft ihnen «zahlreiche, teils krasse Verfahrensfehler»vor. Sie hätten einen Beschuldigten ohne seinen Anwalt befragt. Auch dabei geht es um Müslüm D. Bereits im Oktober 2013 wollten die Staatsanwälte seinen Pflichtverteidiger auswechseln. Sie entliessen ihn mit sofortiger Wirkung und setzten einen neuen Anwalt ein. Der Geschasste liess sich das nicht gefallen und rief das Obergericht an. Die Gründe für die Entlassung seien nicht stichhaltig, entschieden die Oberrichter. Sie mutmassen, der sehr engagierte Verteidiger sei den Staatsanwälten wohl zu unbequem gewesen.  

Mai 2015: Die Staatsanwaltschaft gibt bekannt, dass Dogan N. in der Türkei verhaftet wurde. Dies war schon im Dezember 2014 der Fall, seitdem sitzt er in Untersuchungshaft. Dogan N. bezeichnet Yilmaz B. als Haupttäter und entlastet Müslüm D. Nun ist der letzte Verdächtige in Zusammenhang mit der Tötung des IV-Rentners hinter Gittern.

Oktober 2015: Das Bundesgericht zieht die Reissleine. Die separate Verurteilung von Yilmaz B. sei problematisch. Durch das Urteil werde die Version von Yilmaz B. als Tatsache anerkannt. Das komme einer Vorverurteilung der anderen Beschuldigten gleich. Die Bundesrichter weisen den Fall zurück ans Thurgauer Obergericht.

17. Juni 2016: Das Obergericht hebt das Urteil gegen Yilmaz B. auf. Es sei unzulässig, das Verfahren gegen ihn von dem der übrigen Beschuldigten abzutrennen. Das Urteil ist nichtig. Für Yilmaz B. ist alles offen, er muss sich mit den 13 Angeklagten vor dem Bezirksgericht verantworten.

20. Februar 2017: Vor dem
Bezirksgericht Kreuzlingen beginnt das aufwendigste Strafverfahren, das es im Thurgau je gab. Im Zentrum steht das separate Verfahren gegen Yilmaz B. Die Verteidiger werfen den inzwischen abgelösten Staatsanwälten Geheimkonferenzen und nicht zulässige Deals vor.