Krönung nach 20 Jahren Politik

ST.GALLEN. Der neue St.Galler Kantonsratspräsident Markus Straub ist als SVP-Finanzpolitiker und Blasmusiker bekannt. Mit dem Präsidiumjahr beschliesst der Immobilienökonom seine Politkarriere, in der er vergeblich für Exekutivämter kandidierte.

Marcel Elsener
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Markus Straub im Hinterhof der Pfalz: «Das Resultat soll gut klingen, ob im Orchester oder im Kanton.» (Bild: Benjamin Manser)

Markus Straub im Hinterhof der Pfalz: «Das Resultat soll gut klingen, ob im Orchester oder im Kanton.» (Bild: Benjamin Manser)

Als ehemaliger SVP-Fraktionschef und – von 2009 bis heute – Präsident der Finanzkommission gehört Markus Straub seit langem zu den politischen Schwergewichten im St.Galler Kantonsrat. Nun wird seine politische Karriere, die 1997 mit einem Sitz im St.Galler Stadtparlament begann, zum Ende mit dem Ratspräsidium gekrönt: Mit 107 von 108 gültigen Stimmen noch glanzvoller gewählt als vor einem Jahr als Vizepräsident, darf sich der 55-Jährige über die von allen Seiten ausgerichtete Anerkennung als höchster Milizpolitiker im Kanton freuen. Späte Genugtuung für einen, der sein Licht stets unter den Scheffel stellte und nie zu den Maulhelden der St.Gallischen Politik gehörte.

Genugtuung für einen Teamplayer auch deshalb, weil Straub bei Sologängen herbe Enttäuschungen verkraften musste. Mehrfach kandidierte er für ein Exekutivamt: 2000 und 2004 für die Kantonsregierung, 2006 für das Gemeindepräsidium in Altstätten, 2012 für den Stadtrat St.Gallen. Alles erfolglose Anläufe, die er jedoch nicht bereut. «Man muss es probieren, sonst macht man sich später Vorwürfe», sagt er mit der Weisheit des gereiften Politikers. Und schiebt Bonmots nach: «Wer in die Küche geht, muss die Hitze ertragen.» Und: «Umfallen ist nicht schlimm, Liegenbleiben aber sehr wohl.»

2013 nach Rüthi gezogen

Die bitterste Niederlage, jene im Stadtratswahlkampf, verhalf Straub – positiv formuliert – zu einem überraschenden Ortswechsel: Er zog von seinem angestammten St.Galler Quartier ins Rheintal. Er habe in Rüthi das Bauland für ein freistehendes Haus gefunden, wie es ihm und seiner Frau vorschwebte, sagte er im Herbst 2012. Das 8-Zimmer-Haus in St.Georgen war ihnen nach dem Auszug der beiden Kinder zu gross geworden. Straub gab aber auch zu, dass es ihn «wurmte», einem Neuling «mit null politischer Erfahrung» unterlegen zu sein. Ihm, der «20 Jahre in diese Stadt investierte», hätten viele «auf die Schulter geklopft» und ihn dann doch nicht gewählt. Schnee von gestern, wie er schmunzelt, im Wissen, dass die Zeit für einen SVP-Stadtrat nicht reif war, «noch immer nicht». Auch nicht für jenen, der 1997 als einer der ersten SVP-Politiker ins Stadtparlament gewählt worden war.

Im Rheintal fühlt sich Straub wohl, er schwärmt von nahen Freunden und vom Bergpanorama. Derweil dient ihm die Stadt – und auch seiner Frau – weiterhin als Arbeitsplatz. Als Immobilienökonom ist Straub für alle Deutschschweizer Liegenschaften der Ärzte-Krankenkasse zuständig; der gelernte Flugzeugmechaniker und zwischenzeitliche Besitzer eines Holzbaubetriebs ist zum erfolgreichen Facility Manager geworden.

Kantonsrat als Orchester

Mit der Stadt erst recht verbunden bleibt Straub musikalisch: als früherer Trompeter und heutiger Tubist in der Polizeimusik (die er einst als erster Nicht-Polizist präsidierte) und als amtierender Präsident der Knabenmusik St.Gallen. Im Sommer geht's wieder auf USTournee an die Grossen Seen, und 2018 steht bei der Polizeimusik das Hundertjährige an, natürlich sitzt Straub im OK. Kein Wunder bei einem begeisterten Musiker seit Kindsbeinen an, spielte die Musik gestern auch bei Straubs Amtseinsetzung als Kantonsratspräsident eine Hauptrolle. So hörten die Ratsmitglieder eine Kostprobe des Projekts «St.Gallen musiziert – St.Gallen tönt», dargeboten vom Bläserensemble des Symphonieorchesters. Das Orchester diente Straub sodann als Bild für den Kantonsrat: «Auf der einen Seite die Holzinstrumente, vorne die Flöten, hinten die, welche auf die Pauke hauen, und auf der anderen Seite die wohlklingenden Blechblasinstrumente. Wie Sie merken, ich bin Tubist.» Ein Orchester ist gemäss Straub «nur so viel wert, wie es zusammenspielen kann und harmoniert». Bei allen Einzelstimmen sei es wichtig, «dass das Ganze gehörfällig wirkt, dass sich alle Dissonanzen in Harmonien auflösen».

Fairness bis zum Ombudsmann

Die Fähigkeit zum Konsens sei der beste Beweis für das gute Funktionieren unserer Demokratie, sagte Straub und zitierte Churchill: «Demokratie ist die Notwendigkeit, sich gelegentlich den Ansichten anderer Leute zu beugen.» Obwohl er seit jeher überzeugtes SVP-Mitglied ist und früher Christoph Blocher und bis heute Ueli Maurer als politische Vorbilder nennt, gehörte der St.Galler zu den betont sachlich politisierenden Kantonsräten. Seine Sternstunden seien Fortschritte in der Fraktion und in der Finanzkommission gewesen; mehrere Sparpakete «erfolgreich durchgebracht» zu haben und lediglich mit einem einzigen (unbedeutenden) Antrag unterlegen zu sein, macht Straub ebenso stolz wie «die sauber bewältigte FCSG-Sanierungsgeschichte». Als persönlichen Höhepunkt nennt er andererseits den bereits in die Schulrealität umgesetzten Vorstoss für «Bläserklassen» in der Primarschule sowie für Erwachsene.

Demgegenüber steht als «schwierigster Moment» der Amoklauf von Zug und seine Folgen. Dass seinem Einsatz für eine Ombudsstelle auf Kantonsebene kein Erfolg beschieden war, bedauert Straub bis heute. Umso mehr will er in seinem Präsidialjahr an die Fairness und Vorbildrolle der Kantonsräte appellieren. Und notabene seine Spesen im Zaum halten: «Ich bin lange genug Finanzpolitiker. Da werde ich gewiss nicht Wasser predigen und Wein trinken.» Was er ebenso wenig als Kritik an seinem Vorgänger verstanden haben will wie die Tatsache, dass er in seinem Vize-Jahr «keinen Rappen Spesen» aufgeschrieben habe. Wenn Straub 2016 nach 16 Jahren Kantonsratstätigkeit zurücktritt, tut er dies nicht zuletzt als Wegbereiter für kommende Generationen, der «wusste, wann Zeit ist, Platz zu machen».

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