KRITIK: Tiger provozieren Tierfreunde

Noch vor der Premiere der Tournée des Thurgauer Circus Royal kritisiert die Organisation Vier Pfoten die neue Tigernummer. In der Schweiz treten immer weniger Wildtiere in der Manege auf.

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Premiere in Weinfelden: Schon vor sieben Jahren hatte der Circus Royal Tiger im Programm. (Bild: Susann Basler (Susann Basler))

Premiere in Weinfelden: Schon vor sieben Jahren hatte der Circus Royal Tiger im Programm. (Bild: Susann Basler (Susann Basler))

Lisa Wickart
lisa.wickart@tagblatt.ch

Eine junge Dame in glitzerndem Dress nimmt Anlauf und schwingt sich elegant auf den Rücken eines Elefanten. Das knieende Tier erhebt sich und die Frau wirft strahlend die Hände in die Luft. Das Publikum tobt. Solche Aufführungen in Schweizer Zirkussen waren vor einigen Jahren noch gang und gäbe. Heute werden die Wildtiershows scharf kritisiert: Der Nationalzirkus Knie zum Beispiel lässt seit 2015 keine Elefanten in der Manege mehr auftreten.

Den Circus Royal kümmert das wenig, im neuen Programm «Im Zeichen des Tigers» sind zahlreiche Aufführungen mit fünf Raubkatzen geplant. Die Tiere stammen aus einem internationalen Zuchtprogramm und werden von Zirkus zu Zirkus weitergegeben. Auch ein Elefant ist im Programm aufgeführt. Dazu wollte sich der Circus Royal gestern allerdings nicht äussern.

Die Zürcher Tierschutzorganisation Vier Pfoten stört sich am Programm. Sie sammelt seit April Unterschriften für ein Wildtierverbot in Schweizer Zirkussen. Bisher wurden bereits 35 000 gesammelt. Der Direktor vom Circus Royal, Oliver Skreinig, hält nicht viel von dieser Kritik: «Die Tierhaltung im Zirkus ist für die Tiger die bestmögliche.» Jeden Tag würden die Raubkatzen mit frischem Fleisch gefüttert. Die Grösse des Geheges entspreche den Vorschriften, und die Tiger würden auch nach der Aufführung trainiert und beschäftigt.

Einblick in die Tierhaltung
Am ersten Gastspieltag an jedem Ort will der Circus Royal gratis seine Tore öffnen. «Wer an der Tierhaltung zweifelt, kann sich gerne selbst überzeugen», sagt der Direktor. Laut Skreinig geht es den Tieren bestens. Es dürfe nichts Falsches rein interpretiert werden: «Die Tiger vermissen nichts, das ist ihre Welt.» Die fünf Königstiger, die dieses Jahr zu sehen sein werden, seien im Zirkus geboren worden – «das ist bereits die 17. Generation». Da die Tiere die freie Wildbahn nicht kennten, könnten sie sie auch nicht vermissen. «Wir werden den Zuschauern in einem Film aufzeigen, wie die freie Wildbahn heute aussieht: Sie existiert nicht mehr.»

Als gefährlich stuft der Direktor die Wildtiere nicht ein: «Wir hatten noch nie Probleme. Wir wissen, wie wir mit den Tigern umgehen müssen.» Ihr Transport werde oft kritisiert. Für den Zirkusdirektor ist der Ortswechsel aber eine positive Abwechslung für die Tiere: «Raubkatzen gewöhnen sich schnell an den Transport. Er symbolisiert das weitläufige Territorium, dass die Tiere in freier Natur hätten.» Der Circus Royal nimmt immer wieder Raubkatzen ins Programm. Letztes Jahr waren es sieben Löwen gewesen. Laut Skreinig sind sie ein Kassenmagnet: Die Besucherzahlen seien mit Raubkatzen höher als ohne. «Das zeigt, dass das normale Volk hinter Zirkussen mit Wildtieren steht», sagt der Direktor. Von einem Wildtierverbot in der Manege hält er nichts. «Es gäbe gar nicht genug Plätze in den Auffangstationen. Tiere ohne einen Platz müssten eingeschläfert werden.»

«Es hat genug Platz für alle Tiere»
Julie Stillhart, Länderchefin von Vier Pfoten Schweiz, widerspricht: «Die Zirkusse würden eine Übergangsfrist erhalten, um geeignete Plätze für die Tiere zu finden.» An eine Tötung der Tiere glaubt sie nicht. Sie erfahre erst von den Wildtiershows, wenn die Zirkusse ihre Programme veröffentlichten, sagte sie gestern auf Anfrage.
In der von Vier Pfoten geführten Auffangstation Lionsrock in Südafrika leben bereits zahlreiche ehemalige Zirkuslöwen und -tiger. Dort gefalle es den Tieren weitaus besser als im Zirkus. Die Gehege seien weitläufig und der Kontakt zu Menschen werde so weit wie möglich reduziert. «Die Bedürfnisse von Tigern kann kein Zirkus erfüllen.» Die überwiegend dämmerungs- und nachtaktiven Tiere müssen laut Stillhart oft an Nachmittagsvorstellungen in der Manege stehen und würden gemeinsam auf engstem Raum gehalten, was nicht ihrer Natur entspreche. «Ein Wildtier ist und bleibt ein Wildtier, egal wie lange es schon im Zirkus lebt.»