KRISENMANAGEMENT: «Das ist enorm belastend und schädlich»

Paola Giuliani, Chefin des Ausserrhoder Spitalverbunds, ist noch nicht lange im Amt. Eine erste Erfolgsmeldung ist die Weiterführung der Frauenklinik im Spital Heiden. Giuliani ist überzeugt, dass der Spitalverbund finanziell wieder auf die Beine kommt.

Monika Egli
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«Wir setzen alles daran, die Kosten und das Defizit so schnell wie möglich zu reduzieren»: Paola Giuliani. (Bild: Michel Canonica)

«Wir setzen alles daran, die Kosten und das Defizit so schnell wie möglich zu reduzieren»: Paola Giuliani. (Bild: Michel Canonica)

Monika Egli

monika.egli@appenzellerzeitung.ch

Es war ein Paukenschlag, als Ende Dezember die Ärzte der Frauenklinik am Spital Heiden kündigten; die Existenz des Spitals war in Frage gestellt. Seit kurzem weiss man, dass die Frauenklinik nicht geschlossen werden muss. Paola Giuliani spricht über Absichten, Fallzahlen und Sparpotenzial.

Paola Giuliani, was mussten Sie den Ärzten der Frauenklinik im Spital Heiden bieten, damit sie ihre Kündigung zurückziehen?

Die Sicherstellung des 24-Stunden-Notfall- und Bereitschaftsdienstes. Deren Aufhebung führte Ende 2016 zu den Kündigungen. Aufgrund der Spitalliste 2017 sind die ursprünglichen Rahmenbedingungen wieder hergestellt.

Ist beim Spital Heiden jetzt alles wieder gleich wie vor einem Jahr?

Wir haben eine Notfallstation, wir versorgen alle Patienten medizinisch, chirurgisch-operativ und gynäkologisch, und es sind Tag und Nacht Chirurgen aus dem Spital Herisau vor Ort.

Also ist man zurück auf Feld eins?

Nein. Das Spital Heiden ist heute anders aufgestellt als vor einem Jahr. Strukturen und Prozesse wurden angepasst. Die Situation, die ich bei meinem Amtsantritt angetroffen habe, war natürlich schwierig. Es war und ist über kurz oder lang aber unumgänglich, das Spital Heiden neu zu strukturieren. Bei allen Problemen lag in dieser Situation auch die Chance für die Weiterführung des Hauses.

Dann hätte man sich die Strategie «Auslagerung der Chirurgie» mit den bekannten negativen Folgen sparen können.

Dazu kann ich nichts sagen, das geschah lange vor meiner Zeit als CEO. Ich will jetzt vorwärts schauen.

Welche weiteren Umstrukturierungen stehen in Heiden noch an?

Wir wollen nicht nur im Spital Heiden, sondern im ganzen Verbund die Prozesse verschlanken. Wir schauen in jedem Bereich, wo es Möglichkeiten gibt, besser zu werden – und die gibt es! Für mich zählen drei Leitfragen: Machen wir das Richtige? Machen wir es richtig? Machen es die Richtigen? Die Umstrukturierung ist jedoch abhängig vom Strategieentscheid, welcher vor den Sommerferien vorliegen wird.

Wird es möglich sein, die nötigen Millionen einzusparen?

Wir sind im Moment daran, verschiedene Strategiemodelle auszuarbeiten und zu berechnen. Damit werden wir auch aufzeigen können, wie wir ab jetzt und in den folgenden Jahren Geld sparen können. Und sparen bedeutet nicht, hier etwas zu streichen und dort etwas wegzunehmen. Die Qualität hat nach wie vor höchste Priorität.

Können Sie zu diesen Strategie­modellen schon etwas sagen?

Nein, dazu gibt es noch keine Statements. Wir werden aber wie gesagt noch vor den Sommerferien einen langfristigen Sanierungsplan vorlegen.

Von der Verwaltung des Spitalverbunds sagt man, sie sei ein Wasserkopf. Wird sie auch unter die Lupe genommen?

Dort sind wir nicht erst am Planen und Schauen, dort sind wir bereits am Umsetzen. Mir war es sehr wichtig, dass wir mit Optimierungen in der Verwaltung anfangen. Ziel ist, dem Patienten weiterhin gute Dienstleistungen zu bieten, er wird von einem Sanierungsplan nichts spüren. Uns geht es darum, die Kostentreiber zu identifizieren und zu minimieren. Gerade bei den zentralen Diensten hat das auch eine Anpassung des Stellenschlüssels zur Folge.

Im Spital Heiden hat es jetzt weniger Mitarbeitende. Wie war der Abbau möglich bei gleichbleibendem Angebot?

Wir haben im Spital Heiden rund ­ 40 Stellen abgebaut, gleichzeitig aber Modelle umgesetzt, die Ressourcen sparen. So haben wir zum Beispiel interdisziplinäre Pflegestationen eingeführt. Jetzt gibt es nicht mehr ein Pflegeteam für jeden Fachbereich im Spital, sondern nur noch eines, das die Arbeit natürlich viel effizienter aufteilen kann.

Das hätte schon viel früher jemandem in den Sinn kommen können.

Wenigstens ist es jetzt mir in den Sinn gekommen.

Gibt es noch ein Hebammenteam?

Einige der bisherigen Hebammen haben gekündigt. Wir haben aber durchaus Hebammen und sind weitere am Rekrutieren. Wir sind auch im Gespräch mit den bisherigen Mitarbeiterinnen. Ich verstehe, dass sie momentan etwas Distanz brauchen. Aber mit der guten Entwicklung, die jetzt eingesetzt hat, und mit der Ruhe auch, die nun einkehren soll, gehen hoffentlich wieder Türen auf.

Können Sie etwas zu den Fallzahlen 2017 sagen?

Im Spital Herisau und im Psychiatrischen Zentrum in Herisau entwickeln sich die Fallzahlen gut bis sehr gut. In Heiden leiden wir, nicht zuletzt, weil wir via Medien immer wieder totgesagt werden. Das ist enorm belastend für die Mitarbeitenden und natürlich schädlich für die Fallzahlen. Deshalb informieren wir die Bevölkerung im Einzugsgebiet eben gerade mit einem Flyer, der zeigt, dass wir da sind, und zwar mit guter Qualität.

Die Defizite des Spitalverbunds werden auch die Staatsrechnung belasten. Der Druck wird wachsen, gute Zahlen vorzulegen.

Ob die Staatsrechnung belastet wird, ist offen. Wir setzen alles daran, die Kosten und das Defizit so schnell wie möglich zu reduzieren. Aber Schnellschüsse dürfen wir nicht machen. Unsere Aufgabe ist es aufzuzeigen, wie man mittel- bis langfristig die Gesundheitsversorgung im Kanton sicherstellt, ohne dass der Steuerzahler belastet wird. Ich glaube daran, dass es mögliche Szenarien gibt. Aber der Turnaround ist nicht innert Monaten zu schaffen. Es ist deshalb wichtig und richtig, noch vor den Sommerferien der Regierung einen langfristigen Sanierungsplan vorzulegen. Er wird zeigen, dass es Licht am Ende des Tunnels gibt.

Aber 2017 wird noch tiefrot?

Ich stelle keine Prognosen. Ich informiere, wenn ich glaubwürdig und verbindlich sein kann.

Was ist jetzt am dringendsten?

Die Datenbasis sowie Steuerungsinstrumente für die Bereiche Personal und Finanzen zu erarbeiten sowie die ganze Organisation zu durchleuchten. Das ist echte Knochenarbeit.

Und mit Kündigungen verbunden?

Es gibt überall, auch beim Stellenschlüssel, Potenzial. Wir beginnen aber bei uns selber.

Was ist Ihnen in der momentanen Situation wichtig?

Ich setze alles daran, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zur Ruhe kommen. In Zeiten, da alle verunsichert sind, sollen alle meine Informationen eine hohe Verbindlichkeit haben; das ist mir sehr wichtig. Ich rede erst, wenn ich etwas zu sagen habe. Ich will den Mitarbeitenden Orientierung und Perspektiven geben. Sie sind unser Erfolgsfaktor Nummer eins.