Nach Grossbrand im März: Die Besitzer der Arboner Siebdruckerei rappeln sich wieder auf

Ein Brand hat im Frühling im Sauerer Werk 2 die wohl letzte Schweizer Hand-Siebdruckerei der Schweiz verwüstet. Doch Martin Schlegel und Günter Wassertheuer kämpfen für ihre Firma und dieses uralte Handwerk.

Annina Flaig
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Günter Wassertheuer und Martin Schlegel stehen vor der 60 Meter langen Druckmaschine im Saurer Werk 2. (Bild: Andrea Stalder)

Günter Wassertheuer und Martin Schlegel stehen vor der 60 Meter langen Druckmaschine im Saurer Werk 2. (Bild: Andrea Stalder)

Vor dem Fall war der Aufstieg: Martin Schlegel und Günter Wassertheuer bedrucken einen Stoff, der es auf die Vogue-Titelseite schafft. Dann kommt der Schock: Im März brennen die denkmalgeschützten ehemaligen Saurer-Produktionshallen an der Textilstrasse. Darin befindet sich die über 100-jährige Firma von Martin Schlegel. Um 23.07 Uhr erhält er den Anruf des Hauswarts. Warum er das so genau im Kopf hat? «So etwas vergisst man nicht», sagt der 40-Jährige. Die wahrscheinlich letzte noch existierende textile Hand-Siebdruckerei der Schweiz brennt lichterloh.

Feuer zerstört das Rückgrat der Firma

Sein Kolleg hielt ihn zurück. Sonst hätte er zugesehen, wie sich die Feuerzungen durch den Dachstuhl und seine frisch sortierten Druckschablonen fressen. «Gottseidank blieb mir der Anblick erspart», sagt er heute. Am nächsten Morgen ist alles voller Russ und Löschwasser: 4000 Druckschablonen, der 50 000 Meter lange Stoffvorrat und die 60 Meter lange Druckmaschine. Sie ist das Rückgrat seiner Firma. Auch sie ist kaputt. Beim Erzählen kommt Schlegel ins Stocken. Seine dunkelblauen Augen schweifen ab. Er nimmt einen Zug von seiner Parisienne. Ja doch, er habe geweint. «Ich dachte es ist aus.»

Fünf Monate sind seither vergangen. «Das ist lang wenn man nicht produzieren kann.» Der Russ hat sich mit Öl, Staub und Dreck vermischt. Doch der Geruch nach alter Industrie ist noch da. Es ist eine einzigartige Atmosphäre in dieser Halle. «Ich liebe das hier», sagt Schlegel, der den Kaffee im Plastikweinbecher serviert. Den Würfelzucker zerbricht Günter Wassertheuer mit seinen grossen Händen in kleine Stücke und bröselt ihn liebevoll in die dunkle Brühe. Es ist die Leidenschaft, die diese beiden Männer antreibt. Sein Schaden belaufe sich auf mehrere 100 000 Franken, sagt Schlegel. Wie hoch er genau ist, sei schwer zu beziffern. Demonstrativ zupft er zwei der unzähligen vom Löschwasser verfleckten Stoffballen aus dem Stapel: Ein Seidenfular, 14 farbig, ein edler in der Schweiz produzierter Woll-Jacquard aus dem Jahr 1978. «Das bezahlt mir doch keiner.»

Schlegel hat einen Anwalt eingeschaltet

Auch am Gebäude sind die Schäden erheblich. Wer sie beseitigt und bezahlt, ist bis heute unklar. Schlegels Anwalt verhandelt mit den Versicherungen.

Das Areal, auf dem sich das brandgeschädigte Saurer Werk 2 befindet, gehört dem Immobilienriesen HRS. Laut Schlegel haben seine Versicherung und diejenige von HRS sich Gedanken darüber gemacht, via Abfindung eine Lösung zu finden, sodass sich die Textildruckerei eine neue Bleibe suchen könnte. Doch man sei auf keinen gemeinsamen Nenner gekommen. «Es ist schier ein Ding der Unmöglichkeit, eine geeignete Halle zu finden, die Platz für diese 60 Meter lange Siebdruckmaschine bietet und dazu noch bezahlbar ist», sagt Schlegel. Ende 2019 laufe sein Mietvertrag sowieso aus. Doch Schlegel will bleiben. Er äussert sich gegenüber dem Immobilienriesen in unserer Zeitung deshalb nur positiv: «Ich hoffe, dass HRS den Wert, den dieses Gebäude für meine Firma hat – und diese Firma für das Saurer Werk 2 – anerkennt.»

HRS bleibt Antwort schuldig

Die Verantwortlichen bei HRS geben keine konkrete Antwort auf die Frage, ob sie gewillt seien, den Mietvertrag mit Martin Schlegel zu verlängern. Die Medienstelle teilt lediglich folgendes mit: «Aktuell bestehen keine Pläne die Halle in nächster Zeit zu sanieren.» Doch Schlegel sieht Licht am Ende des Tunnels: Unterdessen hat er in Italien Spezialisten gefunden, die seine Druckmaschine reparieren. Er und Wassertheuer wollen nun dort weiter machen, wo sie aufhören mussten. «Uns winkt der Druck eines Stoffes für eines der renommiertesten internationalen Modehäuser», sagt Schlegel. Das erfüllt ihn mit Stolz, während er im klappernden Warenlift wieder nach oben fährt.

Wie die Textildruckerei nach Arbon kam

Die Hand-Siebdruckerei wurde 1903 im aargauischen Suhr gegründet. Der Firmenname TDS steht deshalb für Textildruckerei Suhr. Laut Firmeninhaber Martin Schlegel hatte vor rund zehn Jahren eine Erbin den ganzen Firmenbesitz verscherbelt. Der damalige Geschäftsführer und sein Angestellter Günter Wassertheurer (44), der bis heute im Unternehmen arbeitet, haben 2008 die Textildruckerei gerettet, nach Arbon gezügelt und nach alter Manier weiter produziert. Vor zwei Jahren hat Martin Schlegel (40), zuvor als Kaufmann in einer Textilfirma tätig, die TDS gekauft und sorgt für ein neues Image: Nebst dem traditionellen Siebdruck lanciert er Firmenanlässe mit Druckkursen, in denen Teilnehmer unter anderem ihre eigene Bettwäsche bedrucken können. Er nimmt mit seinen Stoffen an Märkten teil, organisiert Modeschauen, an welchem der alte Drucktisch als Laufsteg genutzt wird und betreibt die Website www.tds-switzerland.ch.