Zwei Frauen - Zwei Strassen: Weinfelden erhält weibliche Strassennamen, doch wer sind die Namensgeberinnen?

Weinfelden erhält zwei Strassen, die nach Frauen benannt sind. Die Stadt würdigt so erstmals wichtige weibliche Persönlichkeiten. Dorfführerin Vreni Brenner weiss, weshalb Johanna Meyerhans und Els Model dafür ausgewählt wurden und erzählt aus ihrem Leben

Sabrina Bächi
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Johanna Meyerhans führte die Mühle nach dem Tod ihres Mannes 20 Jahre lang.

Johanna Meyerhans führte die Mühle nach dem Tod ihres Mannes 20 Jahre lang.

Bild: PD

Rund 50 Jahre Altersunterschied trennen die beiden Frauen. Sonst haben sie viele Gemeinsamkeiten: Beide verloren ihren Ehemann. Beide hatten Kinder. Beide führten die Fabrik ihres Mannes weiter – und das 20 Jahre lang und sehr erfolgreich. Und beiden wird nun ein Strassenname in Weinfelden gewidmet.

Es werden die ersten Strassen in Weinfelden sein, die nach Frauen benannt sind. Doch wer steckt hinter den künftigen Strassennamen Johanna Meyerhans und Els Model? Vreni Brenner, Dorfführerin mit Spezialgebiet Weinfelder Frauen, kennt die Hintergründe und Geschichte der beiden Frauen.

Eine aussergewöhnliche Situation

Johanna Meyerhans wurde 1855 in eine Müllersfamilie hineingeboren und wuchs in Gossau SG auf. Sie kannte also das Müllerhandwerk, was ihrem späteren Ehemann Hermann zugutekam. Der führte nämlich die Mühlen in Weinfelden und kaufte sie später sogar. Brenner erzählt:

Vreni Brenner, Dorfführerin mit Spezialgebiet Weinfelder Frauen.

Vreni Brenner, Dorfführerin mit Spezialgebiet Weinfelder Frauen.

Bild: Sabrina Bächi
«Es war klar, dass die Frauen mithalfen – und sich nebenbei noch um Kinder und Haushalt kümmerten.»

Einen Lohn sahen die Frauen aber keinen. «Die Zeiten waren halt anders damals», sagt Brenner. Darüber werten will sie nicht. Im Gegenteil: Sie will die Tatsachen so nehmen, wie sie waren und das Aussergewöhnliche herausstreichen. Und aussergewöhnlich war, dass 1897 nach dem Tod Hermann Meyerhans’ die Frau das Geschäft übernahm. Bis 1916 führte Johanna Meyerhans die Mühle. «Und das in einer schwierigen Zeit, in der es der Mühle wirtschaftlich nicht nur gut ging», sagt Brenner.

Aber Meyerhans war mutig und innovativ. Sie konnte den Umsatz der Mühle innerhalb der ersten drei Jahre verdoppeln und realisierte, dass es sich lohnt, statt nur auf Mehl auch auf die Herstellung von Hartweizengriess für die Teigwarenproduktion zu setzen.

Von der Konzertpianistin zur Geschäftsführerin

Els Müller-Model führte die Fabrik 20 Jahre lang mit viel sozialem Engangement. Dafür ist sie in Weinfelden noch heute bekannt.

Els Müller-Model führte die Fabrik 20 Jahre lang mit viel sozialem Engangement. Dafür ist sie in Weinfelden noch heute bekannt.

Bild: PD

Els Müller-Model durfte Vreni Brenner noch selber kennen lernen. «Einige Weinfelder und vor allem ehemalige Model-Mitarbeiter schwärmen noch heute von der Frau Mü-Mo, wie man sie nannte», sagt die 73-Jährige.

Im Gegensatz zu Johanna Meyerhans, wuchs Els Müller-Model nicht in einer Kartonage-Fabrik auf. Im Gegenteil. Sie wollte Konzertpianistin werden und konnte in Berlin ein Studium aufnehmen. «Wegen krankhaften Lampenfiebers gab sie diesen Wunsch jedoch auf und machte eine KV-Lehre», sagt Brenner.

Dort lernte sie ihren künftigen Mann, Otto Model, kennen. Als dieser 1940 beim Eissprengen an der Thur starb, übernahm Els Model die Firma mit über 100 Angestellten. «Sie hatte eine sehr hohe Sozialkompetenz und kümmerte sich gut um die Arbeiter. Damit verdiente sie sich deren Respekt. Nur so gelang es ihr, die Firma weiter zu führen», sagt Vreni Brenner.

Jeden Morgen begrüsste sie alle Mitarbeiter per Hand und mit Namen. Über die neusten Maschinen für die Firma wusste sie genauso Bescheid wie über das Familienleben ihrer Angestellten. «Sie leistete Pionierarbeit, indem sie die erste Kinderkrippe in Weinfelden eröffnete», sagt Brenner.

Für Dorfführerin Vreni Brenner ist klar: beide Frauen haben die Anerkennung durch die Namensgebung der beiden Strassen verdient.

«Aber sie stehen stellvertretend für ganz viele Frauen, die Grosses für Weinfelden geleistet haben und heute noch leisten.»