«Je länger ich dort war, desto weniger habe ich es verstanden» - Kradolfer und China-Korrespondent Pascal Nufer berichtet in der Heimat über das Reich der Mitte

SRF-Korrespondent Pascal Nufer referierte in Kradolf. Seine Erzählungen von China beeindruckten das Publikum.

Monika Wick
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Pascal Nufer, ehemaliger SF-Korrespondent in China, berichtet aus seinem reichen Erfahrungsschatz den interessierten Zuhörern in Kradolf.

Pascal Nufer, ehemaliger SF-Korrespondent in China, berichtet aus seinem reichen Erfahrungsschatz den interessierten Zuhörern in Kradolf.

Bild: Donato Caspari

1949 erschien George Orwells Roman «1984», in dem er das Leben in einem totalitären Überwachungsstaat darstellt. «Dass seine Utopie einmal Wirklichkeit werden könnte, hätte er wahrscheinlich nicht für möglich gehalten», sagte Christoph Stäheli, der neben Lukas Tanner den Kulturverein Steinacker präsidiert.

Einer, der die vollumfängliche Überwachung am eigenen Leib erfahren hat, ist Pascal Nufer. Für das Schweizer Fernsehen berichtete der Korrespondent während fünfeinhalb Jahren aus China. Auf Einladung des Kulturvereins erzählte er am Freitagabend im Kirchenzentrum, wie er das Reich der Mitte und seine Leute erlebte.

«Es ist für mich sehr emotional hier zu stehen, vor all den Leuten, die ich kenne. Hier hat meine journalistische Karriere begonnen», erklärte Pascal Nufer, der in Kradolf aufgewachsen ist. Trotz seiner Tätigkeit in Nahost bezeichnet sich Pascal Nufer nicht als Kenner des Landes, in dem 1,4 Milliarden Menschen leben. «Je länger ich in China war, desto weniger habe ich es verstanden», sagte er.

Das aktuellste Thema, das die Chinesen beschäftigt, ist das Corona-Virus. Laut Pascal Nufer dementierte die Regierung erst den Tod des Arztes Li Wenliang, der als erster vor dem Virus warnte. «Den Aufruhr, den die offensichtliche Falschmeldung in der Bevölkerung auslöste, habe ich in all den Jahren noch nie erlebt», erzählte Nufer.

Das «wachende Auge» lauert überall

Ein weiteres Thema, das Nufer beleuchtete, war die totalitäre Überwachung des Volkes. «Man kann sich nicht vorstellen, was das wirklich heisst. Das wachende Auge des Staates lauert wirklich überall», sagte er. Jeder Schritt und jede Tat eines jeden Bürgers wird aufgezeichnet und in einem sozialen Kreditsystem festgehalten, welches für jedermann einsehbar ist. «Chinesische Journalisten werden beispielsweise als unehrliche Person geführt. Sie können kaum je ein Haus kaufen, ja nicht einmal ein Zug- oder ein Flugticket buchen», erklärte Pascal Nufer.

Besonders mitteilungsfreudig zeigt sich die chinesische Regierung dagegen am Nationalen Volkskongress, zu dem neben 3000 Abgeordneten aus allen Landesteilen Korrespondenten und Fernsehstationen aus aller Herren Ländern eingeladen werden. Hauptsächlich dient der der Regierung dazu, Prunk zu präsentieren und Macht zu demonstrieren. «Ansonsten ist es den chinesischen Journalisten nur erlaubt, von der Regierung abgesegnete Beiträge zu verbreiten», sagte Pascal Nufer.

Zu den Werten stehen und nicht klein beigeben

Besonders berührt hat Pascal Nufer die Tatsache, dass Menschen, die er interviewt hat, vom System mundtot gemacht wurden oder komplett von der Bildfläche verschwunden sind. «Im Gegensatz zur Unschuldsvermutung, die hierzulande gilt, müssen Chinesen immer wieder beweisen, dass sie unschuldig sind», erklärte Pascal Nufer.

In der Zusammenarbeit mit China empfiehlt Pascal Nufer der Schweiz, zu ihren Werten zu stehen und nicht klein beizugeben. «Ich hoffe, wir schaffen es irgendwann, China mehr in die Welt einzubinden», sagte er.

Dass das Thema die vielen Zuhörer berührte und beschäftigte, zeigten die zahlreichen Fragen, die trotz fortgeschrittener Stunde gestellt wurden.