Zum Jahreswechsel
«2020 war nervtötend, auf ein besseres 2021»: Was die Gemeindeoberhäupter in der Region Weinfelden/Kreuzlingen über das alte und das neue Jahr denken

Die «Thurgauer Zeitung» hat sich zum Jahreswechsel bei neun Stadt- und Gemeindepräsidentinnen und -präsidenten erkundigt, was sie dem alten Jahr noch mitgeben wollten und was sie sich für das Neue wünschen.

Sabrina Bächi und Urs Brüschweiler
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Anstossen auf eine bessere Zukunft. Was verspricht das neue Jahr?

Anstossen auf eine bessere Zukunft. Was verspricht das neue Jahr?

Bild: Mario Testa

Die Gemeindepräsidentinnen und Gemeindepräsidenten erhielten alle dieselben drei Fragen gestellt und wurden angehalten, nicht nur bierernste Antworten zu geben.

  1. «Was würden Sie dem Jahr 2020 an den Kopf werfen?»
  2. «Was brachte das abgelaufene Jahr Erfreuliches mit sich?»
  3. «Warum wird 2021 alles besser?»

Sonja Wiesmann, Wigoltingen: «Das längste Jubiläumsfest»

Sonja Wiesmann Gemeindepräsidentin Wigoltingen

Sonja Wiesmann Gemeindepräsidentin Wigoltingen

(Bild: PD)

• Das Jahr 2020 ist das Jubiläumsjahr der Politischen Gemeinde Wigoltingen. Die zwölf geplanten Anlässe wurden mit viel Enthusiasmus vorbereitet, durchführen konnten wir bisher nur vier. Unsere Jubiläumsveranstaltungen werden aber alle noch durchgeführt. Wann, ist im Moment noch nicht klar. So wird es das wohl das längste Jubiläumsfest aller Zeiten.

• Vor allem im Frühjahr war eine unglaubliche Solidarität zu spüren, viele freiwillige Helferinnen und Helfer haben sich engagiert, sind einkaufen gegangen, haben den Mahlzeitendienst unterstützt und meldeten sich um das Gesundheitswesen zu unterstützen.

• Weil, so hoffe ich, es wieder möglich sein wird, Menschen unbeschwert zu treffen, Hände zu schütteln und man sich umarmen kann. Alles ohne zurückzuzucken und Angst vor einer Ansteckung zu haben.


Thomas Bitschnau, Berg: «Du warst ziemlich nervtötend»

Thomas Bitschnau Gemeindepräsident Berg

Thomas Bitschnau Gemeindepräsident Berg

(Bild: PD)

• Musste das sein? All diese Einschränkungen, Entbehrungen, viele verhinderte Kontakte gerade auch zu älteren Menschen und der generelle Einbruch der kulturellen Events… Du warst ziemlich nervtötend in meinen Augen!

• Dass Trump nicht zuletzt wegen seiner persönlichen Einschätzungen zu Corona nun seine «Crona» abgeben muss. Es gab viele wertvolle Begegnungen mit Menschen, die man lange nicht mehr gesehen oder kennengelernt hat und ausserdem freuen wir uns über die gelungene Aufgleisung einer neuen Gemeinschaftspraxis in Berg.

• Weil wir hoffentlich endlich einmal etwas aus gemachten Fehlern lernen und wir deshalb auf die üblichen Vorsätze verzichten können, die ja ohnehin so schnell in Vergessenheit geraten.


Thomas Niedeberger, Kreuzlingen,
«Die Jahreszahl hätte einen positiveren Rückblick verdient»

Thomas NiederbergerStadtpräsident Kreuzlingen

Thomas Niederberger
Stadtpräsident Kreuzlingen

(Bild: PD)

• Das Jahr 2020 hat positiv begonnen. Und dann hat ein kleines und gefährliches Virus unser Leben auf den Kopf gestellt. Das wäre wirklich nicht nötig gewesen und deine Jahreszahl hätte einen positiveren Jahresrückblick verdient.

• Wir haben gelernt, wie verletzlich wir eigentlich sind und wie wichtig die Gesundheit ist. Die Solidarität während der ersten Welle war unglaublich, unzählige Menschen haben sich gegenseitig unterstützt. Zudem haben wir alle viel dazugelernt.

• Weil wir positiv, zuversichtlich und mutig das neue Jahr in Angriff nehmen werden. Miteinander überstehen wir diese Krise und freuen uns auf die Zeit nach Corona.


Denise Neuweiler, Langrickenbach: «Es hat uns nicht aus den Socken gehauen»

Denise Neuweiler Gemeindepräsidentin Langrickenbach

Denise Neuweiler Gemeindepräsidentin Langrickenbach

(Bild: PD)

• Nichts, da dies die Situation nicht ändern würde. Dieses Jahr zeigte uns, wie schnell sich unser Umfeld ändern kann und wie verletzlich wir sind. Es wird ein Jahr sein, das Geschichte schreiben wird.

• Die Krise bot auch Chancen. Es war schön, die Solidarität in der Gemeinde zu spüren. Gelebte Nächstenliebe gewann an Bedeutung. Wir mussten uns mit Neuem auseinandersetzen und es zeigte sich, dass uns unerwartete Herausforderungen nicht aus den Socken hauen.

• Dazu fehlt mir die Glaskugel. Aber die Krise hat gezeigt, wie gross unsere Solidarität sein kann. Wir müssen uns bewusst sein, dass wir künftig den Gürtel enger schnallen müssen. Wichtig ist nun, dass wir der Medizin unser Vertrauen schenken und uns gegen das Virus impfen lassen.


Urs Rutishauser, Güttingen: «Wir leben noch und es wird besser»

Urs Rutishauser Gemeindepräsident Güttingen

Urs Rutishauser
Gemeindepräsident Güttingen

(Bild: Andrea Stalder)

• Zuerst eine Flasche Corona. Was hast du einfältiges 2020 dir nur gedacht, alle Kontakte einfrieren, Konzerte, Theater, Kino, Feiern, Hochzeiten, Beerdigungen und sogar die Spiele des FC St. Gallen zu verunmöglichen? Echt jetzt, war es wirklich dein Ziel mit diesem kleinen Käfer Existenzen und Leben zu bedrohen oder wolltest du erreichen, dass wir uns wieder bewusster zusammen gegen Probleme und Gefahren wehren?

• Wir leben noch! Im 2020 wurde jedem so richtig bewusst, wie viel all die sozialen Kontakte und die damit verbundenen Anlässe Wert sind und was sie bewirken können.

• 2021 werden wir (fast) alle geimpft sein. Deshalb soll, ja muss, es wieder besser werden, mit Grillfesten, Openairs, Fussballspielen, vollen Restaurants und Bars und und und...


Christina Pagnoncini, Kemmental: «Gib uns ruhig Zitronen...»

Christina Pagnoncini Gemeindepräsidentin Kemmental

Christina Pagnoncini Gemeindepräsidentin Kemmental

(Bild: Andrea Stalder)

• Gib uns ruhig Zitronen – wir machen Limonade daraus! Die Zuversicht lassen wir uns nicht nehmen.

• Mein erstes Amtsjahr in meinem Traumberuf. Das Jahr hat berührend die Solidarität zwischen den Menschen spür- und sichtbar werden lassen. Es hat uns stark gemacht sowie uns mehr Ruhe und mehr Verbindung zur Natur eingeräumt.

• Weil wir uns nicht unterkriegen lassen. Nichts tarnt sich so geschickt als Schwierigkeit wie eine Chance (KarlHeinz Karius, dt. Autor, *1935) ….und wir werden diese Chance geschickt nutzen.


Ciril Schmidiger, Lengwil: «Die Gesellschaft soll wieder erlebbar sein»

Ciril Schmidiger Gemeindepräsident Lengwil

Ciril Schmidiger
Gemeindepräsident Lengwil

(Bild: PD)

• Gut, dass du vorbei bist!

• Die besondere Situation zwang einem, andere und evtuell auch unkonventionelle Wege zu gehen. Somit wurden Flexibilität und Innovation gefordert und gefördert. In unserer Gemeinde durfte zudem eine effektiv gelebte Solidarität in der Bevölkerung wahrgenommen werden, wofür ich mich im Namen des Gemeinderates nochmals ganz herzlich bedanken möchte.

• Definition von besser? Wahrscheinlich eher gewohnter oder normaler. Ich wünsche mir, dass das Gesellschaftliche und Persönliche, das 2020 massiv zu kurz gekommen ist, wieder erlebbar wird. Selbstverständlich auch eine Normalisierung im Gesundheitswesen, in der Pflege und allgemein der Wirtschaftslage. Da ist jedoch nicht nur die Politik, sondern die ganze Gesellschaft gefordert.


Martin Imboden, Wuppenau: «Das Lokale trat in die Lebensmitte»

Martin ImbodenGemeindepräsident Wuppenau

Martin Imboden
Gemeindepräsident Wuppenau

(Bild: Mario Testa)

• Adieu 2020, Du hast uns ausgebremst, auf Entzug gesetzt.

• Die Globalisierung findet seine Schranken. Nun hat gar die kleinräumige Schweiz im privaten Bereich die digitale Welt entdeckt. Unsere sozialen und geografischen Bewegungsradien wurden klein. Das Lokale trat in die Lebensmitte, wir verbrachten ganze Wochentage in unseren Städten, Dörfern und Weilern. Die Bedeutung des Lokalen ist in unseren Köpfen neu ins Bewusstsein gerückt. Das wertet das Gemeindeleben auf.

• Die Erfahrungen im Jahr 2020 machen uns handlungsfähig. Sie versetzen uns in die Lage, die Ausrichtung wo nötig und wünschenswert anzupassen – im persönlichen, gesellschaftlichen und politischen Leben.


Markus Thalmann, Tägerwilen: «Eine Entschleunigung hat stattgefunden»

Markus ThalmannGemeindepräsident Tägerwilen

Markus Thalmann
Gemeindepräsident Tägerwilen

(Bild: Andrea Stalder)

• Corona wäre nicht notwendig gewesen, die Kultur und der Sport haben nebst anderen, vor allem wirtschaftlichen Sparten, sehr gelitten.

• Aber für unsere Verwaltung war es nicht schlimm. Wir haben versucht, den Betrieb möglichst kundenfreundlich aufrecht zu erhalten und die 1. Augustfeier sowie die Gemeindeversammlungen konnten wie geplant, teilweise zu einem späteren Zeitpunkt, abgehalten werden.

• Eine sicht- und spürbare Entschleunigung hat klar stattgefunden. Das ewige Wachstum der vergangenen Jahrzehnte wurde gebremst, was sich immer angekündigt hat. Aber niemand wusste, auf welche Art es wohl gebremst wird . Nun kennen wir wenigstens eine Variante davon. Ob alles besser wird, steht noch in den Sternen geschrieben. Natürlich erhoffe ich mir im Kultur- und Sportbereich sowie einzelnen Wirtschaftszweigen nur Besseres!