Bodensee-Sommer
Das Bombardement von Friedrichshafen – Zeitzeugen erzählen von der schlimmsten Nacht am Bodensee: «Ich höre die Sirenen noch heute heulen»

Am 28. April 1944 bombardierten britische Kriegsflugzeuge Friedrichshafen am Bodensee. Die Bodenseestadt wurde damals fast komplett zerstört und es gab über 130 Tote. Drei Zeitzeugen erzählen von diesem Ereignis.

Robin Bernhardsgrütter
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Leuchtgeschosse und Rauchschwaden von den Bomben über Friedrichshafen 1944.

Leuchtgeschosse und Rauchschwaden von den Bomben über Friedrichshafen 1944.

Bild: PD

Deutschland befindet sich 1944 auf dem Weg, den Zweiten Weltkrieg zu verlieren. Hitler und die NSDAP haben dem Deutschen Reich Armut, Zerstörung und Mord beschert – sowie einen Verlust von Anstand und Ehre, der seinesgleichen sucht. Die totale Kapitulation ist nur noch eine Frage der Zeit – etwa ein Jahr wird es noch dauern. Am 28. April 1944 passiert dann der in der Schweiz wohl spürbarste Zerstörungsschlag der Alliierten im Zweiten Weltkrieg: der Bombenangriff auf Friedrichshafen.

Es ist erstmals ein gezielter Angriff auch auf Wohngebiete in Friedrichshafen. Vorher standen vor allem Rüstungshallen und Flugzeughangars im Visier der Bomber. 185'000 Bomben zerstörten in gerade einmal 50 Minuten grosse Teile der Bodenseestadt. In der Ostschweiz gibt es mehrere Orte mit ungehindertem Blick auf Friedrichshafen.

Bombeneinschläge spürbar bis nach St.Gallen

Hedy Eigenmann, Zeitzeugin der Bombenangriffe auf Friedrichshafen 1944.

Hedy Eigenmann, Zeitzeugin der Bombenangriffe auf Friedrichshafen 1944.

Bild: Michel Canonica

«Wir haben von einem Hügel aus die Leuchtkugeln gesehen und die Bombenabwürfe. Es ist in der Nacht gewesen, so gegen 2 Uhr. Die Erde hat gezittert, die Sirenen haben aufgeheult und wir hatten Angst», erzählt Hedy Eigenmann. Sie ist in Waldkirch im Kanton St.Gallen auf einem Bauernhof aufgewachsen und war zum Zeitpunkt des Bombenangriffs noch ein Kind.

Auch ihr heute 91-jähriger Ehemann Justin Eigenmann, der ebenfalls in Waldkirch aufgewachsen ist, erinnert sich an die Angriffe. Er sagt:

«Wir haben die Sirenen gehört und die Erde hat gezittert. Ich war damals noch ein Bub und habe mich bei den Angriffen unter der Decke versteckt.»

Das ganze Haus habe in der Nacht verdunkelt werden müssen, um für die Alliierten Kriegsbomber nicht sichtbar zu sein. «Wir hatten damals schwarze Glühbirnen, die nur wenig Licht durchliessen. Es war eine ständige Spannung da», sagt Hedy Eigenmann.

Frauen und Kinder mussten ohne Männer und Pferde auskommen

Justin Eigenmann, Zeitzeuge der Bombenangriffe auf Friedrichshafen 1944.

Justin Eigenmann, Zeitzeuge der Bombenangriffe auf Friedrichshafen 1944.

Bild: Michel Canonica

Sie erzählt weiter, dass sie als Frauen damals ganz auf sich alleine gestellt waren. Die Schweizer Armee rief damals alle Männer in den Dienst, um für einen allfälligen Angriff gewappnet zu sein und die Grenzen zu schützen. «Auch die Pferde haben sie mitgenommen», erzählt sie.

Als Unterstützung für schwere Arbeiten habe die Gemeinde ältere Männer zum Arbeiten geschickt. Doch es sei eine schwere Zeit voller Ungewissheit gewesen. «Wir hatten damals sogar Angst in die Schule zu gehen. Wir wussten ja nie, wann und wo ein Angriff stattfinden könnte.»

«Wir wussten auch lange nicht, was denn passiert ist. Damals gab es noch kein Fernsehen und im Radio kamen die Berichte erst später», erzählt Justin Eigenmann. Es wird sich herausstellen, dass die Angriffe von den Briten geflogen wurden und fast ganz Friedrichshafen zerstört haben.

Auf der deutschen Seite war die Angst noch grösser

Annelore Dudli, Zeitzeugin der Bombenangriffe auf Friedrichshafen 1944.

Annelore Dudli, Zeitzeugin der Bombenangriffe auf Friedrichshafen 1944.

Bild: Michel Canonica

Eine, die diese Angriffe noch näher miterlebt hat, ist Annelore Dudli. Sie ist in Stetten, einem kleinen Dörfchen in der Nähe von Friedrichshafen, aufgewachsen. «Wir hörten auch in dieser Nacht die Sirenen. Es gab die Vorwarnung, den Bombenabwurf und die Entwarnung. Alle Sirenen hörten sich anders an. Doch ich höre sie noch heute, es friert mir noch heute das Blut ein», sagt sie.

Es sei aber damals niemand in die Keller gegangen, zumal diese meist nur bessere Mostkeller gewesen seien. «Bei Angriffen wären wir höchstens im Most ertrunken oder unter dem Haus begraben worden», sagt Dudli. Stattdessen rannten sie bei den Angriffen auf einen Hügel in der Nähe. Sie sagt:

«Wir mussten uns auf den Boden legen bei den Angriffen, die Druckwelle hätte sonst unsere Lungen zum Platzen gebracht. Wir haben das Pfeifen der Bomben, den Aufprall, das Zittern und die Druckwelle gespürt.»

Der Himmel war damals voller farbiger Kugeln gewesen, wie ein grosses Feuerwerk. Diese Leuchtkugeln dienten im Krieg zur Beleuchtung der Ziele. Damals gab es noch keine Nachtsichtgeräte und Piloten der Kriegsmaschinen flogen ihre Angriffe auf Sicht. Eine erste Staffel beleuchtete also die Ziele und die weiteren bombardierten diese dann.

«Die Alliierten haben mit verglühendem Magnesium und Aluminium den Himmel zum Leuchten gebracht. Das Vieh auf den Weiden frass dann diese Teile und verendeten. Milch und Fleisch gab es damals nicht oder nur selten», sagt Dudli. Es war eine passive Kriegsführung, um die Bevölkerung Deutschlands zum Hungern zu bringen und das Deutsche Reich zur Niederlage zu zwingen.

Es sind Bilder und Emotionen, die die drei Rentner wohl nie mehr vergessen werden. Doch die Zeit wird diese Ereignisse wohl irgendwann in Vergessenheit geraten lassen.

Der Krieg in Friedrichshafen

Friedrichshafen war mit seiner Industrie und vier KZ-Aussenlagern für Zwangsarbeiter für das Deutsche Reich im Zweiten Weltkrieg ein wichtiger Stützpunkt. Am 27. April 1944 starteten in England 333 Flugzeugbomber der British Air Force mit dem Ziel, Friedrichshafen zu bombardieren. Am 28. April 1944, um 2 Uhr fielen die ersten Bomben. Insgesamt 185'000 Brandbomben, 580 Sprengbomben und 170 Luftminen wurden abgeworfen. Hauptziel waren das Zeppelin-Werk und die Dornier Werke, wo Flugzeuge hergestellt wurden und die Alliierten die Produktion einer neuen Waffe vermuteten. Aber auch die Wohngebiete wurden beschossen. 136 Menschen starben, 375 wurden verwundet. Etwa 60 Prozent der Stadt wurden in dieser Nacht zerstört.

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