Amriswils zahmer Hegibach darf wild werden

Auf dem Grundstück von ProNatura in Amriswil müssen Bäume weichen, damit ein Paradies für Kleintiere entsteht.

Manuel Nagel
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Der Hegibach bei Gizehus (rechts) wird in Zukunft einen leicht veränderten Weg nehmen. Die Bäume entlang des jetzigen Bachverlaufs wurden bereits gefällt.

Der Hegibach bei Gizehus (rechts) wird in Zukunft einen leicht veränderten Weg nehmen. Die Bäume entlang des jetzigen Bachverlaufs wurden bereits gefällt.

Bild: Manuel Nagel

Der Schock war gross für die Bewohner im Gizehus. Waren sie vorher durch eine Baumreihe von der Hagenwilerstrasse abgeschirmt, so haben sie nun freie Sicht auf die Hauptstrasse. Das Fällen von Bäumen sorgt immer für Aufsehen – erst recht, wenn es auf dem Grundstück von ProNatura, dem Bund für Naturschutz, geschieht.

Amriswils Stadträtin Sandra Reinhart ist zuständig für Natur und Umwelt.

Amriswils Stadträtin Sandra Reinhart ist zuständig für Natur und Umwelt.

Bild: PD

Doch in einem Jahr wird sich das Gebiet, wo der Geissbach in den Hegibach mündet, völlig anders präsentieren. Spätestens dann wird sich die Aufregung gelegt haben. Davon ist jedenfalls Stadträtin Sandra Reinhart überzeugt. Sie versichert:

«Was hier aussieht wie eine schreckliche Verunstaltung der Natur, ist in Tat und Wahrheit eine deutliche Aufwertung.»

In den 50ern hatte man den Geissbach vom Räuchlisberg herab kanalisiert und vom Waldrand weg unterirdisch unter der Hagenwilerstrasse durch in den Hegibach geführt, nur wenige Meter von der Brücke bei Gizehus entfernt. Mit der Brücke errichtete man eine grosse Stufe, die es Fischen verunmöglicht, den Hegibach aufwärts in Richtung Hagenwil zu schwimmen.

Nun sollen diese Bausünden des letzten Jahrhunderts korrigiert werden – und mit ihnen gleich noch der Lauf des Hegibachs auf einer Länge von etwas mehr als 50 Metern, wo sich aktuell die Schneise befindet.

Drei Probleme auf einmal lösen

«Damit können wir gleich drei Probleme auf einmal lösen», sagt Stadträtin Reinhart, denn in den nächsten Jahren wäre die Sanierung der kleinen Brücke für rund 130'000 Franken angestanden. Ausserdem müssen die Gemeinden mittelfristig sämtliche Gewässer von Hindernissen befreien, welche die Fischwanderung beeinträchtigen. Dies wird hier mit einer Fischtreppe im neuen Bachverlauf gelöst.

Das dritte Problem zeigte sich letztmals im Jahr 2015, als der Geissbach die Hagenwilerstrasse mit Wasser und Geschiebe überschwemmte und diese in der Folge gesperrt und gereinigt werden musste.

Nun befreit man den Geissbach aus seinem unterirdischen Kanal und holt ihn an die Oberfläche, wo er sich südlich der Hauptstrasse auch ausdehnen könnte. Das Wasser fliesst durch zwei Rohre unter der Strasse hindurch. Ein drittes Rohr dient als Absicherung bei einer Überschwemmung grösseren Ausmasses, doch wird dieses nur höchst selten gebraucht werden. Viel mehr wird es von Kleintieren genutzt werden, um sicher von der einen zur anderen Strassenseite zu gelangen.

Stadträtin Reinhart bezeichnet die Öffnung des Geissbachs als «grossen Mehrwert für die Natur». Sie habe Verständnis für die Einwohner von Gizehus, die nun die Bäume vermissen. Für Revierförster Matthias Tanner war das unumgänglich. Einerseits wird der alte Bachverlauf zugeschüttet und die Bäume hätten die Bauarbeiten behindert. Andererseits sei für die gefällten Eschen und Fichten der Platz hier auch nicht ideal gewesen, erklärte Tanner. Es werde aber wieder aufgeforstet. Aus anderen Renaturierungen wisse er, dass man sich bei solch gravierenden Veränderungen vom Alten lösen müsse, um etwas Schönes hinzubekommen.

Möglich wird das Vorhaben, weil ProNatura den Boden zur Verfügung stellt. Und auch Hermann Hess, dessen Land ebenfalls bebaut wird, ist überzeugt, «dass es ein gutes Projekt ist». Der Baubeginn des neuen Hegibachs ist auf Mitte Juni geplant.