Wunder der Mechanik: Das Saurer Museum in Arbon zeigt in einer weltweit einzigartigen Ausstellung Fädelmaschinen

Die Apparate waren um 1900 herum ein begehrtes Zubehör zu den Handstickmaschinen. Sie beschleunigten die Produktion enorm und erlösten Tausende Kinder von der Arbeit. In der Region gab es diverse Hersteller. Die Erfindung präge die Wirtschaft in der Ostschweiz bis heute, sagt Projektleiter Silvio Delgrosso.

Markus Schoch
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Silvio Delgrosse erklärt bei der Ausstellungseröffnung Besuchern die Funktionsweise einer Fädelmaschine.

Silvio Delgrosse erklärt bei der Ausstellungseröffnung Besuchern die Funktionsweise einer Fädelmaschine.

Bild: Reto Martin (23. Oktober 2020)

Ihre Blütezeit war kurz. Danach gerieten sie in Vergessenheit. Jetzt erweckt das Saurer Museum die Erinnerung an die Fädelmaschinen in einer Ausstellung zu neuem Leben. Diese ist am letzten Freitag im kleinen Kreis eröffnet worden und «wohl weltweit einzigartig», sagte Ruedi Baer, der Präsident des Oldtimer Club Saurer. Fünf Exemplare von vier Herstellern sind zu sehen. Jedes der funktionstüchtigen Exponate macht es ein bisschen anders, aber das Ergebnis ist bei allen gleich: Ein verknoteter Faden zieht sich durch das Öhr einer Nadel für Handstickmaschinen, die zwischen 1878 und 1920 ihre Hochblüte hatten.

Die danach aufkommenden Schifflistickmaschinen bedeuten ihr Ende und damit auch dasjenige der Fädelmaschinen, die nicht mehr gebraucht wurden und im Saurer Museum lange ein Schattendasein fristeten. «Wir hatten zwar eine, aber ich wusste nicht, wofür es die braucht», sagte Ruedi Baer. Mittlerweile kennt er die Bedeutung des technischen Wunderwerkes ganz genau, das die Arbeit 15 Mal schneller macht als die Kinder, die um 1890 in der Ostschweiz zu Tausenden den Eltern stundenlang im Sticklokal zudienen mussten.

Lehrlingsprojekt gab den Ausschlag

Fädelimaschinen sind technische Wunderwerke.

Fädelimaschinen sind technische Wunderwerke.

Bild: Reto Martin (23. Oktober 2020)

Zu verdanken hat der Vereinspräsident sein neues Wissen vor allem Silvio Delgrosso, der bei der Starrag in Rorschach Ausbilder ist und mit Polymechanikerlehrlingen eine Fädelmaschine des Firmengründers Henry Levi zum Laufen brachte. Dabei kam Delgrosso auch in Kontakt mit dem Saurer Museum, weil Viktor Kobler als Angestellter der Firma Saurer 1888 ebenfalls eine Fädelmaschine entwickelt hatte. Und so entstand die Idee, eine Ausstellung zu machen, die Delgrosse als Projektleiter zusammen mit Chefmonteur Bert Brunner konzipiert hat und zu der auch ein Exponat der Arboner Maschinenfabrik Bleidorn gehört.

Fünf Fädelmaschinen von vier Herstellern sind im Saurer Museum zu sehen.

Fünf Fädelmaschinen von vier Herstellern sind im Saurer Museum zu sehen.

Bild: Reto Martin (23. Oktober 2020)

Die Faszination von Delgrosso für die Fädelmaschinen geht weit übers Technische hinaus. Sie seien auch in wirtschafts- und sozialgeschichtlicher Hinsicht ungemein interessant. «Sie verkörpern den Erfindergeist von Ostschweizer Pionieren». Ihr Einfluss in der Ostschweiz sei bis heute spürbar, sagt Delgrosso.