Wortspielereien im Künstlerhaus an den Literaturtagen Arbon

Nähe für Begegnungen boten die Literaturtage Arbon während dreier Tage in der Jugendstilvilla Max Burkhardt.

Max Eichenberger
Merken
Drucken
Teilen
Autorin Ruth Erat liest im Atelier des Hauses Max Burkhardt. (Bild: Max Eichenberger)

Autorin Ruth Erat liest im Atelier des Hauses Max Burkhardt. (Bild: Max Eichenberger)

Das Format der Literaturtage passe wunderbar in dieses Haus, greift Organisatorin und Autorin Ruth Erat mit den Armen die überschaubaren Räume aus. Über drei Tage sollten Lesungen in intimem Rahmen, Gespräche um Wahrnehmung und Beobachtung, über das Wort und das Buch als Vermittler zum Programm werden. Und: Autorinnen und Autoren sowie das Publikum en famille sich im Austausch finden. Ein nicht unbescheidener Anspruch, dem das kleine Literaturfestival abseits des grossen Summerdays Festivals für die Zukunft vielversprechend gerecht wird.

«Ich glaube, da war ein Lied»

So nah ist man sich, dass kein gesprochener Reim, ja nicht einmal eine hingehauchte Silbe zwischen Lesetischchen und Struhlreihen versickert oder verschluckt wird. «Ich glaube, da war ein Lied» – das Motto der Literaturtage in der Künstlervilla nährt die Erwartung, dass sich Text und Musik verbinden. Sprache und Klang erzeugen im Zusammenspie denn auch starke Bilder, wenn Ruth Erat Passagen aus ihrem jüngsten Buch «Im Meer treibt die Welt» und Claudia Vamvas ihr Akkordeon bespielt. Protagonist Moritz Wandeler, Anlageberater, zugfahrend den Laptop auf den Knien und in die Aktienkurse vertieft, während die Welt draussen im Rheintal an ihm vorbeizieht, strandet unverhofft am Meer in einem endlosen Raum. Unter ihm ist die Erde weggekippt. Man wähnt sich an Frischs Homo Faber erinnert, den Techniker, den es nach einer Notlandung in die Wüste Tamauipas verschlagen hat.

Wandeler hört die Wellen anbranden, atmet Meerluft. Das Meer hat keine Grenze, es schluckt die Spuren. Ein Mann stellt sich den immateriellen Dingen und fragt sich zweifelnd, ob das nicht «zuviel ist für einen wie mich». Alltagsbeobachtungen komprimiert Claudia Camvas erzählend zu Kürzestgeschichten, die zum Nachdenken anregen, und treibt die Kunst des Reduzierens auf die Spitze. «Die Fische im Aquarium bringen wenigstens ein bisschen Bewegung in sein Leben.» Oft umfassten die kleinen Momente alles, findet Gastgeberin Ruth.

Zwischen Bodensee und Bosporus

Obwohl den Bodensee und den Bospurus Welten trennen, wagen Hans-Jörg Willi und Simay Alsan den sprachlichen Brückenschlag. Der pensionierte Sekundarlehrer gibt Kostproben seiner Reimereien. Infolyrik nennt er sie auch, «weil sie Sachliches wie Geschichte, Geografie und Sprache unterhaltsam macht». Die Migrantin trägt, nach Worten und Sätzen ringend, ins fremde Deutsche übersetzte Briefe an ihre Mutter vor. Und da bekommt auch die Lyrik in ihrer ganzen Viefalt im Sonnenblumenhaus ihren Raum - von Irène Bourquin etwa, die zur Vorpräsentation ihren Lyrikbands «Waldmelodie» das Thema auch fotografisch aufgegriffen hat – und weitere Kurzlesungen. Nach dem Gang um den Büchertisch gibt’s feine Häppchen, um das Gehörte zu verdauen: Brot, Oliven und Melonen, Wasser und Wein. Und Appetit auf mehr.