Wohnheime der Thurgauer Pädophilen-Expertin stehen vor dem Konkurs – Mitarbeiter drohen mit Streik

Die Psychologin Monika Egli-Alge weist Vorwürfe wegen Veruntreuung von Steuergeldern zurück. Ihren beiden Wohnheimen für schwer erziehbare Jugendliche in Weinfelden und Müllheim droht der Konkurs. Die Mitarbeiter haben ihr das Vertrauen entzogen. 

Sabrina Bächi, Ida Sandl
Drucken
Teilen
Zutiefst enttäuscht: Monika Egli-Alge weist bei der kurzfristig einberufenen Pressekonferenz alle Vorwürfe zurück. (Bild: Reto Martin)

Zutiefst enttäuscht: Monika Egli-Alge weist bei der kurzfristig einberufenen Pressekonferenz alle Vorwürfe zurück. (Bild: Reto Martin)

Sie war sichtlich bewegt: Monika Egli-Alge, schweizweit anerkannte Expertin für Pädophile, hat gestern kurzfristig zur Pressekonferenz eingeladen. Mitarbeiter der Phoenix Wohnen GmbH werfen ihr vor, sie habe Steuergelder veruntreut.

Gegen die Thurgauer Vorzeige-Psychologin ist Strafanzeige wegen Insolvenzverschleppung und Verdacht auf Veruntreuung eingereicht worden. Den Eingang der Strafanzeige bestätigt Marco Breu, Sprecher der Thurgauer Staatsanwaltschaft. «Die Unterlagen werden derzeit geprüft.» Es gilt die Unschuldsvermutung.

Februar-Gehälter stehen noch aus

Es geht dabei um die finanzielle Schieflage der Phoenix Wohnen GmbH, die in Weinfelden und Müllheim je ein Wohnheim für schwer erziehbare Jugendliche betreibt. Der 13. Monatslohn für die 16 Mitarbeiter sei erst Anfang dieser Woche gezahlt worden. «Die Februar-Gehälter stehen noch aus», sagt Egli-Alge. Sie bedauere dies zutiefst.

Monika Egli-Alge ist Geschäftsführerin und Inhaberin der Phoenix Wohnen GmbH. 2011 hat sie das Wohnheim für schwierige Jugendliche in Weinfelden gegründet, zwei Jahre später folgte Müllheim. Ein solches Angebot habe es im Thurgau nicht gegeben.

Sie habe etwa 550'000 Franken aus ihrem privaten Vermögen als Startkapital in die GmbH gesteckt, betont Egli-Alge. Bei finanziellen Engpässen im Wohnheim Müllheim habe sie stets mit eigenem Geld ausgeholfen.

Der Anfang der Krise

Die finanzielle Krise habe sich im Sommer 2018 abgezeichnet. Denn in Müllheim waren im Durchschnitt nur die Hälfte der Plätze belegt. Schwere Vorwürfe richtete Egli-Alge deshalb gegen die Pädagogische Leiterin der Wohnheime. So seien Rechnungen an die Gemeinden zu spät gestellt worden, was ebenfalls zum finanziellen Engpass beigetragen habe.

2018 habe es ausserdem «zwei problematische Kündigungen» gegeben, die der GmbH einen Verlust von rund 50'000 Franken beschert hätten. Auch diese Kündigungen gingen auf das Konto der Leiterin.

Wie es mit den Wohnheimen weiter geht und ob der Konkurs abgewendet werden kann, ist noch nicht klar. Aus Sicht von Monika Egli-Alge gebe es zwei Varianten, um das Projekt Phoenix zu retten. Eine Möglichkeit sind Geldgeber:

«Die GmbH ist auf der Suche nach Investoren.»

Viel Zeit bleibt dafür nicht, denn nächsten Dienstag finden die Konkursverhandlungen statt. Wie hoch die Summe ist, die aufgebracht werden muss, um die Pleite abzuwenden, konnte weder Egli-Alge noch ihr finanzieller Berater sagen. Man sei dabei, die Buchhaltung zu prüfen.

Ein Misstrauensvotum gegen die Chefin

Oder aber ein anderer Träger führt die Heime weiter. Denn was klar ist: Die Zusammenarbeit der Mitarbeiter und Egli-Alge hat keine Zukunft. Ein Teil des Teams hat die Gründung eines Vereins angestossen, der die künftige Leitung übernehmen soll – ohne Egli-Alge.

Verhandlungen zur Übergabe an den Verein wurden bereits geführt. Denn die Mitarbeiter drohten mit Streik, sollte die Gründerin nicht einlenken. Egli-Alge hat allen Mitarbeitern inzwischen gekündigt, damit sie frei seien für den Verein zu arbeiten. Monika Egli-Alge sagt: 

«Natürlich ist das
ein Misstrauensvotum gegen mich»

Selbstkritisch fügt sie an, dass sie vielleicht früher hätte eingreifen müssen. «Ich pflege einen Führungsstil, der auf Vertrauen basiert.»

Kanton wusste von finanzieller Schieflage

Dass es bei der Phoenix Wohnen GmbH mit den Finanzen nicht zum Besten steht, war dem Kanton seit einiger Zeit bekannt. Schon beim Jahresabschluss 2017 habe sich gezeigt, dass eine vertiefte Prüfung notwendig sei, heisst es im Statement des Kantons.

Vertiefte Prüfung war nicht möglich Im üblichen zeitlichen Rahmen sei dies aber aufgrund der vorhandenen Unterlagen nicht möglich gewesen. Deshalb seien ergänzende Akten der Phoenix Wohnen GmbH eingefordert worden. Schliesslich kam man zum Schluss, dass die Jahre 2017 und 2018 gemeinsam vertieft geprüft werden sollten.

Anfang März dieses Jahres sei der Phoenix Wohnen GmbH auch geraten worden, eine externe Revision unterstützend beizuziehen. Bis heute wurde das Wohnheim nicht von der IVSE-Liste gestrichen. Das heisst, ein etwaiges Defizit kann dem Kanton in Rechnung gestellt werden. Allerdings ist nur das Weinfelder Heim IVSE-zertifiziert, nicht der Ableger in Müllheim.

Die Betreuung bei der Phoenix Wohnen GmbH habe gut funktioniert, erklärt der Kanton, deshalb habe man dem Heim die IVSE-Bewilligung nicht entzogen. «Ein härteres Vorgehen hätte das Verhältnismässigkeitsprinzip verletzt.» Denn beim Kernauftrag, der Betreuung, habe es nie Beanstandungen gegeben. (san)