Wirtschaft
Romanshorner Sozialfirma kann aufatmen: Vermieter setzt sie nun doch nicht auf die Strasse

Brüggli kann noch bis 2024 in den früheren Produktionshallen der Firma Hydrel bleiben. Die Sozialfirma hat sich aussergerichtlich mit den Besitzern der Liegenschaft geeinigt. Auch für diese ist die jetzt getroffene Lösung eine grosse Erleichterung.

Markus Schoch
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Brüggli ist eine Sozialinstitution in Romanshorn.

Brüggli ist eine Sozialinstitution in Romanshorn.

Bild: Reto Martin

Brüggli hat ein Zeitproblem und die M.U.T. Areal Lakeside hat ein nicht minder grosses. Und deswegen trafen sich Vertreter beider Seiten im April des letzten Jahres vor den Schranken des Bezirksgerichts Arbon, wo sie sich gegenseitig mit Vorwürfen eindeckten. Die Auseinandersetzung füllt Hunderte Aktenseiten.

Brüggli

Arbeitgeber für 850 Menschen

Brüggli ist ein politisch und konfessionell neutraler Verein und besteht seit 1986. Kernauftrag ist die Ausbildung, Beschäftigung und Begleitung von Menschen mit psychischen und körperlichen Schwierigkeiten. Heute beschäftigt die Sozialinstitution in Romanshorn rund 850 Mitarbeitende, 650 sind Klienten.

Hintergrund der Auseinandersetzung: Brüggli ist in den ehemaligen Produktionshallen der Firma Hydrel an der Badstrasse in Romanshorn direkt am See eingemietet. Die Logistik und der Aussenhandel sind dort, ebenfalls der Bereich Qualität und Service, ein Teil der Mechanik (Zuschnitt) sowie (provisorisch) die neu geschaffene Robotik-Abteilung. Insgesamt belegt die Sozialfirma rund 6000 der insgesamt 25'000 Quadratmeter Nutzfläche. Die Liegenschaft gehört seit Mitte 2019 der M.U.T., die ihren Sitz in Zug hat. Die Investmentgesellschaft will das 11'400 Quadratmeter grosse Gelände mit Wohnungen überbauen. Das Problem: Sowohl Brüggli als auch M.U.T. stehen unter Druck.

Die Crux mit der Altlastensanierung

Auf dem Grundstück gibt es Altlasten, die saniert werden müssen. Die Kosten sind nicht unerheblich. Die genauen Zahlen darf die «Thurgauer Zeitung» gemäss einem gerichtlichen Beschluss nicht nennen. M.U.T. muss die happige Rechnung aber nicht allein begleichen. Die Vorbesitzer haben sich vertraglich verpflichtet, die Hälfte der Auslagen zu übernehmen. Die Zusage gilt allerdings nur für vier Jahre ab Datum der Handänderung – also bis Mitte 2023. Es eilt also. Und deshalb bekam Brüggli bereits im September 2020 die Kündigung.

Im ehemaligen Hydrel-Areal stellt Brüggli seit kurzem Mähroboter her.

Im ehemaligen Hydrel-Areal stellt Brüggli seit kurzem Mähroboter her.

Bild: Andrea Stalder

Die Sozialfirma hat aber derzeit keine Ausweichmöglichkeiten und beantragte deshalb eine Mieterstreckung um vier beziehungsweise sechs Jahre, die M.U.T. zurückwies. Brüggli hat zwar Ersatz gefunden, doch die betreffenden Räumlichkeiten stehen noch nicht zur Verfügung. «Ich habe keine Ahnung, wie wir es machen sollten, wenn wir an der Badstrasse rausmüssten», sagte der Brüggli-Geschäftsführer Rainer Mirsch im letzten Frühling vor Gericht.

Es sieht gut aus für Brüggli

Als neuen Standort im Auge hat Brüggli das Betriebsgelände der Firma Sidler direkt neben seinem Hauptsitz im Industriequartier Hof. Das Metallwaren-Unternehmen will ein paar hundert Meter weiter weg im Bereich Gärtliszälg neu bauen. Bis zum Bezug des Bürogebäudes und der Produktionshalle dauert es aber noch einen Moment. Wie lange, lässt sich nicht genau sagen. Es hängt davon ab, wie schnell es mit den Bewilligungsverfahren vorwärtsgeht. Gestaltungsplan und Baugesuch lagen im letzten Herbst auf – es gingen keine Einsprachen ein.

Auf der freien Parzelle zwischen Fatzer (links) und Hydrel (rechts) will die Firma Sidler neu bauen. Auf der gegenüberliegenden Strassenseite hat sich die Forster Profilsysteme AG aus Arbon Land gesichert.

Auf der freien Parzelle zwischen Fatzer (links) und Hydrel (rechts) will die Firma Sidler neu bauen. Auf der gegenüberliegenden Strassenseite hat sich die Forster Profilsysteme AG aus Arbon Land gesichert.

Bild: Donato Caspari

Zum Gestaltungsplan muss jetzt noch der Kanton seinen Segen geben. Er gehe davon aus, dass sich die zuständigen Stellen in Frauenfeld beeilen, sagt Stadtrat Philipp Gemperle. «Sie haben sich in den Gesprächen sehr konstruktiv gezeigt.» Lange Wartezeiten bei der Stadt wird es anschliessend nicht geben. «Es ist alles parat, die noch nötigen Entscheide können wir schnell fällen», sagt Gemperle.

Zeitfenster bis im Oktober 2024

Bis spätestens Ende des dritten Quartals 2024 sollte der Neubau stehen. Bis dahin kann Brüggli nämlich in den ansonsten mittlerweile leerstehenden Räumlichkeiten der M.U.T. bleiben. Auf diesen Termin haben sich die beiden Parteien gegen Ende Jahr aussergerichtlich geeinigt, wie die «Thurgauer Zeitung» in Erfahrung gebracht hat.

Die Kompromisslösung sieht so aus: Brüggli macht die grosse Halle am See mit der grössten Altlast im Boden frei und erhält weiter vorne an der Badstrasse neue Flächen mit einem neuen Hochregallager. Und M.U.T. umgekehrt kann damit beginnen, die giftigen Rückstände aus der Erde zu holen. «Im August brechen wir die Halle ab», sagt Projektleiter Marco Rothenfluh. «Wir sind Brüggli enorm dankbar für sein Entgegenkommen und seine Flexibilität.»

Brüggli hat erhalten, was es wollte

Brüggli hat dafür die Zeit bekommen, die sich die Firma wünschte. «Zur Einigung hat sicher die unmissverständliche Einschätzung der Bezirksrichterin beigetragen», sagt Michael Haller, Leiter Kommunikation und Kultur bei Brüggli. «Natürlich sind wir froh, dass der Streit beigelegt ist. Wir können nun die nächsten Schritte sorgfältig angehen und uns auf unsere Arbeit konzentrieren.» Das Einvernehmen mit M.U.T. sei heute sehr gut.

Wohnen am See

Arbeiten am Gestaltungsplan laufen

Die Firma M.U.T. Areal Lakeside möchte auf dem ehemaligen Betriebsgelände der Firma Hydrel direkt am See unweit der Badi Wohnungen bauen – teils zur Miete, teils als Eigentum. Es soll auch eine Kindertagesstätte und Co-Working-Spaces geben. Zudem ist ein öffentlicher Durchgang von der Badstrasse zum Seepark geplant. Im Moment laufen die Arbeiten für den Gestaltungsplan. Im besten Fall sei die Überbauung 2026 bezugsbereit, sagt Projektleiter Marco Rothenfluh. Die Zusammenarbeit mit der Stadt sei sehr gut. «Ich möchte den Verantwortlichen ein grosses Kompliment machen. Sie helfen uns sehr, stellen aber auch klar Forderungen, die wir gerne erfüllen.» (mso)

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