«Wir nehmen die Sache sehr ernst»: Krebserregendes Pflanzenschutzmittel in Thurgauer Trinkwasser entdeckt

Die Lage sei ernst, aber nicht bedrohlich, sagen die Gemeindepräsidenten Bosshard (Erlen), Keller (Kradolf-Schönenberg) und Opprecht (Sulgen).

Hannelore Bruderer
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Brunnenmeister Hanspeter Roth und die Gemeindepräsidenten Andreas Opprecht, Heinz Keller und Thomas Bosshard bereiten die Informationen für die Bevölkerung vor. (Bild: Hannelore Bruderer)

Brunnenmeister Hanspeter Roth und die Gemeindepräsidenten Andreas Opprecht, Heinz Keller und Thomas Bosshard bereiten die Informationen für die Bevölkerung vor. (Bild: Hannelore Bruderer)

Die Wasserversorgung AachThurLand deckt ein gemeindeübergreifendes Gebiet ab. Zur Medieninformation haben sich diese Woche im Sulger Gemeindehaus die Gemeindepräsidenten Andreas Opprecht (Sulgen), Thomas Bosshard (Erlen) und Heinz Keller (Kradolf-Schönenberg) sowie Brunnenmeister Hanspeter Roth eingefunden.

Der Clorothalonil-Sulfonsäure-Gehalt liegt im Trinkwasser der Wasserversorgung AachThurLand an einigen gemessenen Stellen über dem gesetzlich festgelegten Höchstwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter.

Massnahmen sind eingeleitet

Eine Untersuchung des Wassers auf diese Rückstände hatte die Wasserversorgung zur Qualitätssicherung eingeleitet, nachdem auch in anderen Regionen der Schweiz ein zu hoher Wert dieses Stoffes im Wasser nachgewiesen worden ist.

«Wir nehmen die Sache sehr ernst und haben die Situation mit dem Kantonalen Trinkwasserinspektorat analysiert, besprochen und entsprechende Massnahmen eingeleitet», erklärt Andreas Opprecht. Grund zur Panik gebe es aber keinen. Er bekräftigt: «Diese Abbaustoffe sind schon lange in unserem Wasser und eine gesundheitsschädigende Wirkung konnte bisher nicht nachgewiesen werden. Die Trinkwasserqualität im Thurgau ist hervorragend. Unser Wasser kann weiterhin bedenkenlos getrunken werden.»

Wasser aus dem Bodensee beimischen

Nach einer Erneuerung der Risikobewertung aus dem Jahr 2005 durch die Europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde (EFSA) ist das Fungizid Chlorothalonil 2016 als krebserregend eingestuft worden. Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit hat nachgezogen und auch die Abbauprodukte von Chlorothalonil von «nicht relevant» in «relevant» umgeteilt.

Ob die Abbauprodukte auch krebserregend sein können, kann aufgrund fehlender Daten nicht ausgeschlossen werden. Bis diese vorliegen, gilt das Vorsorgeprinzip. Das heisst, die Belastung durch diese Stoffe soll so tief wie möglich sein.

«Chlorothalonil-Sulfonsäure lässt sich weder mit Ozon, Aktivkohlefilter oder Abkochen aus dem Wasser entfernen», erklärt Brunnenmeister Hanspeter Roth. «Die einzige Möglichkeit, den lebensmittelrechtlichen Höchstwert wieder zu unterschreiten, besteht darin, dass wir unser Wasser mit Wasser aus anderen Fassungen mischen, unter anderem auch mit Wasser aus dem Bodensee.»

Keine Gefahr für die Gesundheit

Für die Gesundheit besteht keine Gefahr Da diese Massnahme sofort umgesetzt wird, kann es sein, dass beim Leitungswasser bereits jetzt Trübungen oder Verfärbungen festgestellt werden können.

«Ein solcher Nebeneffekt kann durch eine andere Zusammensetzung des Sauerstoffgehalts im Wasser oder durch die Änderung der Fliessrichtung entstehen und bei älteren Leitungen ausgeprägter sein», erklärt Roth. «Das Wasser ist aber einwandfrei und kann unbedenklich konsumiert werden.» Im Internet haben die Gemeinden weitere Informationen zu diesem Thema aufgeschaltet.

Wasserverbrauch in den Gemeinden

Wasserverbrauch in den Gemeinden Der Wasserversorgung AachThurLand angeschlossen sind die Gemeinden Sulgen, Erlen und Kradolf-Schönenberg sowie von der Gemeinde Bürglen das Dorf Leimbach. Bedingt durch die Industrie, bezieht die Gemeinde Sulgen mit jährlich 1,2 Millionen Kubikmeter am meisten Wasser. Bei Kradolf-Schönenberg sind es rund 350'000 Kubikmeter, bei Erlen 238'000 Kubikmeter und bei Leimbach 27'000 Kubikmeter. (hab)

Pflanzenschutzmittel Chlorothalonil

Chlorothalonil wird seit den 1970er-Jahren gegen Pilzbefall in der Landwirtschaft, im Rebbau, im Landschafts- und Gartenbau sowie in Privatgärten eingesetzt. Der Wirkstoff selbst baut sich schnell ab, einige Abbauprodukte wie zum Beispiel Chlorothalonil-Sulfonsäure sind jedoch stabil und können im Trinkwasser nachgewiesen werden.

Wegen möglicher krebserregender Wirkung hat die EU Chlorothalonil auf die Liste der verbotenen Pflanzenschutzmittel gesetzt. Obwohl auf den Herbst angekündigt, hat das zuständige Bundesamt für Landwirtschaft, das für die Zulassung zuständig ist, das Produkt Chlorothalonil noch nicht verboten. Der Schweizer Bauernverband hat die Bauernbetriebe vorsorglich aufgefordert, das Mittel vorläufig nicht mehr einzusetzen. (hab)