«Wir lassen uns nicht verstrahlen»: Einwohner von Kradolf und Schönenberg lehnen neue Mobilfunkantenne ab

Eine Interessengemeinschaft bekämpft eine neue 5G-Mobilfunkantenne der Swisscom in Schönenberg an der Thur. Das Baugesuch hatte 26 Einsprachen zur Folge.

Georg Stelzner
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Der geplante Standort für die Mobilfunkantenne zwischen dem Schwimmbad Thurfeld und dem Fussballplatz.

Der geplante Standort für die Mobilfunkantenne zwischen dem Schwimmbad Thurfeld und dem Fussballplatz.

Bild: Andrea Stalder (Schönenberg, 26. Oktober 2020)

Der Mobilfunkanbieter hat in der Gemeinde Kradolf-Schönenberg ein Baugesuch eingereicht mit dem Ziel, am Rand des Schwimmbad-
parkplatzes, unmittelbar neben dem Fussballplatz, eine Anlage des Standards 5G zu errichten. Das Baugesuch lag vom 8. bis 30. September 2020 öffentlich auf. Ein Visier zeigt, wo die Antenne errichtet werden soll.

Klage über «voranschreitenden Wahnsinn»

Im Büro von Gemeindepräsident Heinz Keller stapeln sich jetzt 26 Einsprachen. Überrascht sei er nicht, sagt Keller: «Ich bin von einer solchen Reaktion ausgegangen, denn so ein Projekt beschäftigt die Menschen natürlich.»

Stephan Rieder, ein Sprecher der IG, äussert sein Befremden über den «voranschreitenden Wahnsinn beim Ausbau des Mobilfunknetzes». Der Wahnsinn artikuliere sich hier in der Absicht, «in bester Lage mitten im Thurtal» eine 5G-Antenne zu errichten. Mit Gleichgesinnten ist er entschlossen, alle Rechtsmittel auszuschöpfen, um das Projekt zu verhindern.

Einsprecher befürchten, verstrahlt zu werden

Die IG führt mehrere Punkte auf, die ihrer Meinung nach eine Bewilligung des Baugesuchs verunmöglichen müssten. «Für den 5G-Standard sind weder amtliche Berechnungsgrundlagen noch amtliche Vorschriften für Abnahme- und Kontrollmessungen vorhanden», gibt Daniel Balsiger, ein Mitstreiter Rieders, zu bedenken.

«Einen grossen Spielraum für Interpretationen hat der Gemeinderat
in dieser Angelegenheit nicht», sagt Gemeindepräsident Heinz Keller im Hinblick auf das Einspracheverfahren.

Unter diesen Voraussetzungen sei es unzulässig, eine 5G-Antenne zu bewilligen, sagt Balsiger. «Müssen wir uns verstrahlen lassen?», fragt man sich in der IG – hoffend, dass Kradolf-Schönenberg dem Beispiel anderer Gemeinden folgen und Baubewilligungsverfahren für 5G-Antennen sistieren wird.

Einsprecher warnen vor Gesundheitsgefährdung

Was die zur Diskussion stehenden Funkfrequenzen anbelangt, existierten keinerlei amtliche, die Gesundheit betreffende Untersuchungen, weder vom Bundesamt für Umwelt noch vom Bundesamt für Gesundheit, lautet ein weiterer Kritikpunkt.

Gestützt auf europäische Studien, befürchten Rieder und Balsiger eine Gesundheitsgefährdung. Sie verweisen darauf, dass es im Umfeld der geplanten Antenne Wohnhäuser sowie öffentliche Anlagen (Schwimmbad und Fussballplatz) mit intensiver saisonaler Nutzung gebe.

Negative Auswirkung auf Ortsbild und Grundstückpreise

Der Standort stösst den Mitgliedern der IG noch aus einem anderen Grund sauer auf. Sie prophezeien einen erheblichen Wertverlust für Wohnliegenschaften im Einflussbereich der Antenne. Zudem würde der 30 Meter hohe Mast das Orts- und Landschaftsbild massiv beeinträchtigen. Rieder und Balsiger beklagen denn auch, dass keine Standortevaluation stattgefunden habe.

Der Gemeindepräsident von Kradolf-Schönenberg will die Vorbehalte der IG nicht weiter kommentieren. «Es handelt sich um subjektive Aussagen, die ich weder bestätigen noch widerlegen kann», sagt Heinz Keller.

Es sei aber zu berücksichtigen, dass die Technologie, die ins Schussfeld der Kritik geraten ist, noch jung und eine fundierte Aussage daher schwierig sei. Den Einsprechern hält Keller zugute, «dass sie das Gespräch mit der Gemeinde gesucht haben».

Das weitere Vorgehen im Einspracheverfahren

Der Gemeinderat behandelt die Einsprachen nach einem exakt definierten Ablauf. Zunächst bestätigt er den Einsprechern, dass ihre Einsprache fristgerecht eingegangen ist. Dann wird die Bauherrschaft über den Inhalt der Einsprachen informiert und aufgefordert, dazu Stellung zu nehmen. Diese Stellungnahme wird wiederum den Einsprechern zugestellt.

In einer Anhörung bekommen beide Seiten Gelegenheit, ihren Standpunkt zu vertreten. In erster Instanz entscheidet der Gemeinderat, ob das Baugesuch bewilligt wird oder nicht. Das Verfahren ist damit nicht zwingend abgeschlossen, hat die unterlegene Partei doch die Möglichkeit, an die nächste Instanz, das zuständige kantonale Departement, zu gelangen.

«Ich schätze unseren Gemeinderat so ein, dass wir die Bevölkerung einbeziehen werden», sagt Gemeindepräsident Heinz Keller. Die Coronapandemie könnte dieses Vorhaben jedoch verzögern. Einen grossen Interpretationsspielraum sieht Keller für den Gemeinderat allerdings nicht, da sich der Antennenstandort in der Bauzone befindet. (st)