«Wir kommen jetzt halt jeden Tag zum Hag»: Paare und Freunde treffen sich am neuen Grenzzaun zwischen Kreuzlingen und Konstanz

Der Hag zwischen Kreuzlingen und Konstanz ist zurück, die Freundschaften und Beziehungen bleiben: Wie man sich in Corona-Zeiten grenzüberschreitend trifft.

Martina Eggenberger Lenz
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Diese Freundinnen lassen sich die Laune nicht verderben. Sie treffen sich an der Grenze statt im Garten.

Diese Freundinnen lassen sich die Laune nicht verderben. Sie treffen sich an der Grenze statt im Garten.

(Bild: Reto Martin)

Da sitzen sie, auf ihren Picknick-Decken, drei auf jeder Seite, bonbonfarbene Getränke in der Hand. Gelöst ist die Stimmung. Gesprächig sind sie, die Frauen. Und das liegt sicher nicht nur am Alkohol in ihren Bechern. Die Freundinnen verstehen sich einfach gut.

Seit Jahren treffen sie sich regelmässig. Seit der Rückbildung oder dem Frühenglisch ihrer Kinder. «Du hattest die richtige Handtasche», sagt die eine zur anderen und lacht. Normalerweise sitzen sie in einem ihrer Gärten zusammen. Doch das geht jetzt nicht mehr. Was noch geht, ist diese Zusammenkunft am neu erstellten Hag auf Klein Venedig. «Noch», betonen die Freundinnen und hoffen, dass nicht noch die Ausgangssperre verhängt wird. «Dann müssten wir umstellen auf Videokonferenz.»

Ein Liebespaar hält Händchen am Zaun

Ein Auto der deutschen Polizei fährt vorbei und wirbelt Staub auf. Freundlich winken die Beamten aus dem Fenster. Die Frauen verhalten sich korrekt, halten den vorgegebenen Abstand von zwei Metern ein. Hätten sie auf ihr Treffen nicht auch verzichten können? «Wenn wir zusammen sind, dann geht es uns gut», begründet eine. «Wir stützen uns gegenseitig in unseren täglichen Dramen.»

Ein kleines Drama spielt sich ein paar Meter weiter ab. Ein junges Liebespaar steht an der Abschrankung, sie auf Schweizer Boden, er in Konstanz. Sie halten über die Sperre Händchen und unterhalten sich, während ihre zwei kleinen Hunde den Boden abschnuppern. «Gestern war ich noch drüben», erzählt die Frau. Sie hat einen deutschen Pass, lebt und arbeitet in Kreuzlingen. Am Zoll werde es zunehmend kompliziert. Aus Angst, nicht mehr zurück in die Schweiz gelassen zu werden, verzichte sie daher lieber auf den Grenzübertritt.

«So treffen wir uns jetzt halt jeden Tag einmal am Hag.»

Die Freundschaft und den Austausch weiter erhalten wollen auch der Kreuzlinger und die Konstanzerin, die sich neben einer Tarot-Figur gegenüber sitzen. «Wir wissen ja nicht, wie lange das noch geht. Es kommt mir grad so vor, als lebte ich am Ende der Welt», sagt er.

Letzte Woche war das noch der schnellste Fussgängerweg Richtung Einkaufszentrum Lago. Jetzt ist er zu.

Letzte Woche war das noch der schnellste Fussgängerweg Richtung Einkaufszentrum Lago. Jetzt ist er zu.

(Bild: Reto Martin)

Pressetermin fällt neuster Anweisung zum Opfer

Dass weder die Kreuzlinger noch die Konstanzer am Ende der Welt leben, wollten am Donnerstag die Stadtoberhäupter der beiden Städte mit einem symbolischen Medientreffen vor Ort unterstreichen. Kurzfristig wurde dieser Termin abgesagt, weil in Konstanz ab sofort Menschenansammlungen über fünf Personen im öffentlichen Raum untersagt sind. Thomas Niederberger reagiert schriftlich:

«Wir sind stark verbunden und stolz auf unseren gemeinsamen Lebensraum. An unserer Freundschaft halten wir fest, bis wir uns wieder frei bewegen können.»

Ganz vorne am Ufer geniessen zwei Kolleginnen einen gemeinsamen Zmittag. Sie arbeiten beide an der Uni Konstanz, die alles dichtgemacht hat. «Immer donnerstags machen wir gemeinsam Mittagspause», sagt eine. An diesem Ritual würden sie festhalten wollen. Löffeln sie die Nudeln halt an der frischen Luft aus Tupperware. Und schauen sie nach vorne, haben sie das Absperrgitter gar nicht im Blickfeld, nur die Weite des Sees. Fast fühlt es sich so an, als ob alles noch normal wäre.

Zwei Mitarbeiterinnen der Uni Konstanz verbringen an der Grenze die Mittagspause.

Zwei Mitarbeiterinnen der Uni Konstanz verbringen an der Grenze die Mittagspause.

(Bild: Reto Martin)