Interview

«Wildfremde gratulieren mir auf der Strasse»: Der querschnittgelähmte Arboner Ex-Stadtrat Peter Gubser darf das Paraplegikerzentrum früher verlassen als geplant

Nach sechseinhalb Monaten im Paraplegikerzentrum Nottwil kehrt der 69-Jährige am 10. März nach Arbon zurück. Seine Genesung hat grosse Fortschritte gemacht. Seit letzter Woche darf er sogar wieder Auto fahren.

Markus Schoch
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Peter Gubser in der Frauenbadi in Arbon. Für längere Strecken nimmt er die Stöcke.

Peter Gubser in der Frauenbadi in Arbon. Für längere Strecken nimmt er die Stöcke.

(Bild: PD)

Herr Gubser, wie geht es Ihnen?

Peter Gubser: Sehr gut. Ich kann bald wieder nach Hause.

Wann?

Am 10. März. Das ist früher, als ich und die Ärzte gedacht haben. In der Regel bleiben Patienten wie ich neun Monate im Paraplegigker-Zentrum in Nottwil. Ich werde bereits nach sechseinhalb Monaten entlassen.

Und wie kommt es, dass Sie es so schnell geschafft haben?

Ich hatte Glück im Unglück und gute Rahmenbedingungen. Die Erstversorgung noch am Unfallort in Güttingen war sehr gut. Dann hatte ich schnell eine zweite Operation am Rückgrat, die den eingeklemmten Nerven mehr Platz verschaffte. Und die Verletzungen waren nicht so schlimm, wie sie hätten sein können. Kommt hinzu, dass sich meine Frau liebevoll vor Ort um mich kümmerte und viele Menschen an meinem Schicksal Anteil nehmen, was mir Kraft gibt. Wildfremde sprechen mich zuweilen auf der Strasse an und gratulieren mir. Das fühlt sich gut an.

Wo stehen Sie im Genesungsprozess?

Ich komme gerade zurück von einem Test, bei dem es um Gelenkigkeit und Kraft geht. Die Werte waren viel besser als beim letzten Mal vor zwei Monaten. Die Ergebnisse zeigen mir, dass ich Fortschritte mache, auch wenn ich denke, es gehe nicht vorwärts.

Sie zweifeln zuweilen daran?

Ja, manchmal. Ich hatte vor kurzem eine Entzündung des Magens, so dass ich nicht richtig essen konnte. Es ist jetzt aber wieder gut.

Können Sie wieder selber gehen?

Peter Gubser im Rollstuhl in Nottwil.

Peter Gubser im Rollstuhl in Nottwil.

(Bild: Colin Frei)

Zuhause oder in meinem Zimmer in Nottwil bewege ich mich ohne Stöcke. Muss ich weite Wege gehen, nehme ich einen Stock oder zwei Stöcke. Am Morgen habe ich etwas Mühe, in die Gänge zu kommen, so dass ich mich meist in den Rollstuhl setze. Am letzten Wochenende in Arbon habe ich ihn aber nie benutzt. Seit Freitag bin ich noch mobiler.

Inwiefern?

Ich darf wieder Auto fahren.

Brauchen Sie in Arbon keine Therapie mehr?

Doch, ich gehe in Arbon in die Ergotherapie und in St. Gallen in eine spezielle Physiotherapie, beides auf Zusehen hin. Ich werde auch wieder das Fitnessstudio besuchen, wo ich seit 30 Jahren trainiere. Ich habe es schon ausprobiert. Es geht tiptop.

Sie können wieder alles machen wie vor dem Unfall im letzten August, als Sie auf dem Velo mit einem Motorrad zusammen stiessen?

Ich bleibe ein Tetraplegiker. Gewisse Behinderungen werden nicht verschwinden. Aber ich kann beispielsweise wieder schwimmen und mache Aquajogging.

Und Joggen auf der Strasse?

Normal laufen werde ich sicher wieder können. Joggen wäre ein Traum. Vielleicht schaffe ich es. Was ich sicher wieder will, ist paddeln.

Wie sieht es mit Velofahren aus?

Ich habe es noch nicht probiert. Das Problem ist: Ich habe noch zu wenig Kraft in den Händen, um bremsen zu können.

Haben Sie noch Schmerzen?

Nein, die sind weg.

Worauf freuen Sie sich am meisten nach der Entlassung in Nottwil?

Aufs Kochen. Ich habe letzte Woche probiert, eine Rösti zu machen, und es hat geklappt. Ich weiss jetzt, dass ich früher oder später auch wieder mein Risotto servieren kann, für das ich bekannt bin.

Ihre Rückkehr ist auch für Ihre Frau eine grosse Entlastung.

Ja, sie ist zuletzt jede Woche 1'000 Kilometer gefahren. Am Dienstag kam sie von Arbon und kehrte am Mittwoch wieder zurück, da sie am Donnerstag Enkelkinder hütete. Am Freitag setzte sie sich wieder ins Auto, um mich zu holen. Und am Sonntag brachte sie mich und kehrte dann wieder nach Hause zurück, da sie sich am Montag wieder um die Enkelkinder kümmerte.

Apropos Enkelkinder: Sie wollten schneller wieder auf den Beinen sein, als ihr jüngstes Enkelkind gehen kann. Wer hat gewonnen?

Es ist unentschieden. Jack ist im Januar ein Jahr alt geworden und kann etwa so gut gehen wie ich es zu dieser Zeit konnte. Er ist übrigens diese Woche in die Schweiz gekommen.