Wie eine 99-jährige Amriswilerin einen Schwiegerurenkel aus Uganda bekommen hat

Marie Hutter wird am 3. November 99 Jahre alt. Die Amriswilerin hat eine aussergewöhnliche Familiengeschichte und blickt auf ein spannendes Leben zurück.

Manuel Nagel
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Marie Hutter wohnt immer noch in ihrem Haus an der Rütistrasse 25. Sohn Sepp schaut regelmässig nach seiner Mutter, bringt ihr Essen vorbei oder klopft einen Jass mit der 99-Jährigen.

Marie Hutter wohnt immer noch in ihrem Haus an der Rütistrasse 25. Sohn Sepp schaut regelmässig nach seiner Mutter, bringt ihr Essen vorbei oder klopft einen Jass mit der 99-Jährigen.

Bild: Andrea Stalder (Amriswil, 19. Oktober 2020)

Wie jeden Morgen macht sie gerade ihr Bett, als es klingelt, sodass Sohn Sepp dem Journalisten die Türe öffnet. «Ich habe es halt gerne ordentlich und aufgeräumt», sagt Marie Hutter später, als wir zu dritt um den Esszimmertisch sitzen und Marie Hutter von ihrem Leben zu erzählen beginnt.

Es ist eine Zeitreise, die am 3. November 1921 beginnt – vor genau 99 Jahren. Da kam Marie Hutter in Fimmelsberg oberhalb Amlikon zur Welt. Ihre Kindheit war geprägt durch den frühen Tod ihrer Mutter, die 1928 an einer Lungenentzündung starb. Es war eine schwierige Zeit für die Familie, die nebst ihrem Hof auch noch das Restaurant Frohsinn führte. Die kleine Marie musste viel helfen und die Kühe striegeln.

«Häsch es wieder suuber putzt!»

Das habe ihr Nachbar jeweils zu ihr gesagt, erinnert sich Marie Hutter. Ihr Vater heiratete zwei Jahre nach dem Tod seiner Frau erneut. Marie und ihre sechs Geschwister hatten wieder eine Mutter.

Marie Hutter (1. Generation).

Marie Hutter (1. Generation).

Bild: Andrea Stalder (Amriswil, 19. Oktober 2020)

Um in die Schule zu gehen, musste Marie nur die Strasse überqueren. Auch die Kirche war nicht weit entfernt, ein paar Gehminuten hinab nach Leutmerken. In die Sekundarschule mussten die Hutters nach Weinfelden – allerdings nur Maries Brüder Karl, Willi und Toni. Marie und ihre beiden Schwestern Berti und Trudi durften nur im Winter in die Nähschule, und Schwester Anneli starb früh.

Sie sah aus der Ferne die Bomben über Konstanz

Es war eine Zeit, in der Mädchen und Frauen eine untergeordnete Rolle in der Gesellschaft hatten. «Im ‹Frohsinn› kehrten keine Frauen ein», erinnert sich Marie Hutter. Die einzigen Frauen in der Wirtschaft waren die Serviertöchter. Auch Marie half damals mit und erlebte kurz vor ihrer Volljährigkeit den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs.

Von Fimmelsberg aus hatte man eine unglaubliche Fernsicht. Hinter dem Haus konnte Marie bis nach Konstanz sehen. Wenn die Stadt bombardiert wurde, habe sie jeweils ihren Geschwistern gesagt:

«Schau mal, wie das wieder leuchtet.»

Licht gab es deshalb keines mehr im Dorf, sobald der Abend hereinbrach. Aber es gab Militär. Die Armee unterhielt zwischen Fimmelsberg und Leutmerken eine Fliegerabwehrstellung. «Die Soldaten logierten in der Schule und kehrten bei uns im ‹Frohsinn› ein», erzählt Marie Hutter – und bald darauf kam ihr erster Sohn Josef zur Welt.

Josef «Sepp» Hutter (2. Generation).

Josef «Sepp» Hutter (2. Generation).

Bild: Andrea Stalder (Amriswil, 19. Oktober 2020)

Als der Krieg vorüber war, erfuhr Marie Hutter, dass das Restaurant Tell in Amriswil eine Aushilfe sucht.

«Du, was isch da für eini? Die würd mer etz gad au no gfalle.»

Das habe ihr zukünftiger Mann Karl Hutter gesagt, als er mit einem Freund ins ‹Tell› kam und die neue Serviertochter erblickte. Ein Jahr später heirateten die beiden und bezogen eine Wohnung mit Werkstatt gleich neben der Turnhalle an der Freiestrasse. Einst rief da Maries Vater bei Föhnwetter an und sagte, er sehe von Fimmelsberg den Amriswiler Kirchturm.

Todesanzeigen aus der Zeitung ausgeschnitten

Ein Jahr nach der Hochzeit kam 1949 Paul zur Welt. Ein Jahr später folgte Karl, der jedoch mit fünf Jahren auf tragische Weise ums Leben kam. Die Geburt von Markus im Jahr 1956 half der Familie, über den schmerzlichen Verlust hinweg.

Nebst den drei Buben war da auch die Arbeit, die das Ehepaar Hutter stark beschäftigte. Zwar war Marie Hausfrau, ging aber ihrem Mann tatkräftig zur Hand. «Wir hatten viele Zeitungen und ich schnitt immer die Todesanzeigen aus», erinnert sich die 99-Jährige. Denn Hutters hatten eine Bildhauerwerkstatt, mit der sie 1958 an die Rütistrasse 25 zogen. Und so ging Karl Hutter bei den Angehörigen der Verstorbenen vorbei und empfahl sich, den Grabstein zu fertigen.

Die Schleifmaschine, an der Marie Hutter jeweils für ihren Mann Karl gearbeitet hat.

Die Schleifmaschine, an der Marie Hutter jeweils für ihren Mann Karl gearbeitet hat.

Bild: Andrea Stalder (Amriswil, 19. Oktober 2020)

Aber es blieb nicht nur beim Ausschneiden, auch in der Werkstatt packte Marie Hutter kräftig mit an. Dort stand die neue gelbe Schleifmaschine. Marie Hutter sagt lachend:

«Ich musste mich ziemlich fest halten.»

Und auch auf den Friedhof sei sie immer mitgegangen, habe ihrem Mann das Werkzeug gereicht, wenn dieser das Holzkreuz durch den Grabstein ersetzte, «und ich rührte immer das Pflaster an, um den Stein anzupflastern», sagt sie.

Ehemann Karl war ein Kranzschwinger

Die Geschäfte liefen gut für die Hutters. In Amriswil gab es zwar noch den Bildhauer Rickenbach und von Kreuzlingen her kam auch hin und wieder der Sauter für einen Auftrag in den Oberthurgau. Doch Karl Hutter hatte ebenfalls nicht nur Kunden aus der Region. Der Rheintaler war in Kriessern aufgewachsen. «Er ging dort in den Turnverein und war ein guter Schwinger», erzählt Sohn Sepp. «Ein Kranzschwinger», präzisiert Marie Hutter mit hörbarem Stolz in der Stimme.

Jacqueline Hutter (3. Generation).

Jacqueline Hutter (3. Generation).

Bild: Andrea Stalder (Amriswil, 19. Oktober 2020)

Durch die guten Kontakte in die alte Heimat «kamen die Aufträge von dort praktisch alleine», sagt Sepp und schiebt mit einem Schmunzeln nach:

«Ohne das Rheintal hätten meine Eltern etwas schmäler durchs Leben müssen.»

So aber konnten Hutters 1968 das Haus erweitern und über der Werkstatt, wo vorher eine Terrasse war, ein grosses Wohnzimmer anbauen. Hinter dem Haus kam noch etwas Land hinzu, wo Marie Hutter noch heute leidenschaftlich Gemüse und Blumen anpflanzt.

Die Werkstatt von Karl Hutter übernahm jedoch nicht Sohn Sepp und auch nicht der jüngste Spross Markus, obwohl der sich zum Bildhauer ausbilden liess, dann aber nach Deutschland zog, sondern Sepps Sohn Cornel, der inzwischen eine Kunstgiesserei an der Romanshornerstrasse hat.

Ungeplante frühere Rückkehr aus Afrika

Rebecca Kibirango (4. Generation).

Rebecca Kibirango (4. Generation).

Bild: Andrea Stalder (Amriswil, 19. Oktober 2020)

Jacqueline Hutter, eines der anderen vier Kinder von Sepp und seiner Frau Marianne, kam 1966 zur Welt. «Ich hatte Freude an dem kleinen Kind», sagt Grossmutter Marie. Und 1993 machte Jacqueline ihr Grossmami gar zur Urgrossmutter, als Rebecca zur Welt kam.

Rebecca besuchte die Pädagogische Hochschule in Kreuzlingen, liess sich dort zur Lehrerin ausbilden und hatte während ihres Studiums einen Fremdsprachenaufenthalt in einem englischsprachigen Land zu absolvieren. Da erinnerte sich ihr Grossvater Sepp an einen Amriswiler Bekannten, der in Uganda eine Schule unterstützte. So reiste die Familie Hutter im August 2013 für 14 Tage nach Afrika und begleitete Rebecca, die geplant hatte, ein Jahr dort zu bleiben. Doch das Schicksal wollte es anders, die Liebe hatte andere Pläne mit Rebecca. Sie lernte Emmanuel kennen, einen Lehrer an der dortigen Schule, und kehrte schon im Januar 2014 zurück in die Schweiz. Im Frühsommer kam Tochter Tyra zur Welt und kurz danach feierte die Grossfamilie Hochzeit – und mittendrin Marie Hutter als frischgebackene und stolze Ururgrossmutter.

Fünf Generationen in Karl Hutters ehemaliger Bildhauerwerkstatt: Marie Hutter (99) ist umringt von Urenkelin Rebecca (27), Ururenkelin Tyra (5), Enkelin Jacqueline (54) und Sohn Sepp (77).

Fünf Generationen in Karl Hutters ehemaliger Bildhauerwerkstatt: Marie Hutter (99) ist umringt von Urenkelin Rebecca (27), Ururenkelin Tyra (5), Enkelin Jacqueline (54) und Sohn Sepp (77).

Bild: Andrea Stalder (Amriswil, 19. Oktober 2020)