«Wenn es die Kindertagesstätten nicht mehr gibt, dann kann bald niemand mehr arbeiten gehen»: Thurgauer Kitas und Eltern im Stress

Wann schliessen die Thurgauer Kindertagesstätten? Wie lange müssen Eltern zahlen, wenn die Kinder zu Hause bleiben? Die Verunsicherung ist gross.

Evi Biedermann
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Kinder spielen in einer Tagesstätte.

Kinder spielen in einer Tagesstätte.

Bild: Pius Amrein

Seit Montag ist der Schulbetrieb im ganzen Land ausgesetzt. Kitas indes halten ihren Betrieb weiterhin aufrecht. Viele aber bereits mit reduziertem Personalbestand oder sie nehmen weniger Kinder auf. Aber wie lange noch? «Wir sind ein wichtiges Puzzleteil in der Bekämpfung dieser Krise», sagt Fabiola Colombo Imhof, Geschäftsführerin des Chinderhuus in Weinfelden.

Das Chinderhuus betreut täglich etwa 40 Kinder, darunter auch solche von Ärztinnen, Pflegern und Polizisten. Und das sei in anderen Kitas genauso. Die Geschäftsführerin sagt:

«Wenn es die Kindertagesstätten nicht mehr gibt, dann kann bald niemand mehr arbeiten gehen.»

Für Eltern wäre das eine doppelte Belastung: Während Schulen gemäss den Vorgaben des Kantons ein Betreuungsangebot für Kinder von Eltern, die arbeiten gehen müssen, sicherstellen müssen, sind Eltern von Kita-Kindern auf sich gestellt. Sie müssten im Fall einer verordneten Schliessung die Kleinen entweder zu Hause betreuen oder jemanden finden, der sich um sie kümmert. Und darüber hinaus die Kosten für die Kita weiterhin bezahlen – zusätzlich zur allenfalls privat organisierten Betreuung.

Schweizer Kita-Verband meldet sich zu Wort

Es gibt nicht wenige Eltern, die ihre Kinder bereits nicht mehr in die Krippe schicken. Im Chinderhuus Weinfelden ist nur noch die Hälfte der zur Verfügung stehenden Plätze belegt.

Auch die Kita Bärenhöhle mit Standorten in Frauenfeld und Gerlikon betreut weniger Kinder. «Wir spüren einen deutlichen Rückgang», sagt Kita-Leiterin Kathrin Bünter. Teils aus Solidarität, damit bei Bedarf Krippenplätze für jene Kinder frei bleiben, die sie wirklich benötigen. Aber auch weil Eltern befürchten, ihr Kind könnte sich anstecken. Zum freiwilligen Verzicht schreibt der Verband Kinderbetreuung Kibesuisse in einer am Mittwoch verschickten Medienmeldung:

«Es muss unmissverständlich klargestellt werden, dass dieser ‹freiwillige› Verzicht ein solidarischer Akt ist, der Eltern keinesfalls von ihrer Pflicht befreit, die regulären Elternbeiträge zu bezahlen.»

So klar war das einen Tag zuvor noch nicht. Fabiola Colombo sagte am Dienstag, sie wisse nicht, wie und ob das geregelt sei. Kathrin Bünter verwies auf den bestehenden Vertrag mit den Eltern und sagte: «Wenn ein Kind fernbleibt, gewähren wir ab dem zweiten Monat Betreuungsgutscheine.»

Kurzarbeit und Volltarif passen nicht zueinander

Mit der Medienmitteilung reagiert Kibesuisse auf die wachsende Verunsicherung von Kitas und Kita-Eltern. Einerseits erhalten Tagesstätten von den Kantonen die Anweisung, wenn möglich nur Kinder aufzunehmen, deren Eltern am Arbeitsplatz unabdingbar sind.

Anderseits bewegen sich die Organisationen im Spannungsfeld zwischen Verantwortung, Solidarität und Wirtschaftlichkeit. Und Eltern, die nicht unbedingt am Arbeitsplatz erforderlich sind, fragen sich: Und was ist mit meinem Kind? Und warum muss ich bezahlen, wenn keine Leistung erfolgt? Fabiola Colombo sagt:

«Es gibt unzählige Fragen, die eine Antwort suchen.»

Noch ist nicht das letzte Wort gesprochen. Es kann wahrscheinlich nicht sein, dass halb volle Krippen zum Volltarif bezahlt werden müssen, während ihre freigestellten Angestellten womöglich von Kurzarbeitentschädigungen profitieren.

Eines ist für die beiden Kita-Leiterinnen jedoch klar: So lang Bund und Kanton nichts anderes anordnen, betreuen sie die Kinder. So lange sie gesund sind. Eng werden könnte es allerdings, wenn Betreuerinnen gesundheitsbedingt ausfallen, was in beiden Kitas bereits der Fall ist. Diese dürfen nicht mehr in der Kita arbeiten oder müssen wie in der Frauenfelder Bärenhöhle bereits beim geringsten Anzeichen von Schnupfen Masken tragen. Dass beide zurzeit nicht voll besetzt sind, gleicht den personellen Unterbestand aus. So war es möglich, vereinzelt ein Geschwister des einen oder anderen Kita-Kindes zu betreuen. «Es geht jetzt darum, solidarisch und kulant zu sein», sagt Kathrin Bünter.