Weltoffen, engagiert und mit einem grossen Herzen: Amriswils erste Gemeinderätin verstarb im Alter von 93 Jahren.

Am 11. April verstarb Esther Müller-Oettli. Ein Nachruf von Eugen Fahrni, der ihr Nachfolger im Gemeinderat der Einheitsgemeinde war.

Eugen Fahrni
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Esther Müller-Oettli (24.10.1926–11.4.2020).

Esther Müller-Oettli (24.10.1926–11.4.2020).

(Bild: PD)

Mit dem Tod von Esther Müller- Oettli am 11. April verliert Amriswil eine über Jahrzehnte in der Öffentlichkeit aussergewöhnlich aktive und weltoffene Bürgerin, die hier geboren ist, hier gelebt hat und jetzt auch hier gestorben ist. Wer sie kannte oder ihr begegnete, spürte sehr schnell ihr offenes Wesen, ihre Freundlichkeit und ihr Interesse an ihren Gesprächspartnern. Sie war eine grosse Persönlichkeit.

1926 wurde sie in Hemmerswil im ehemaligen Schulhaus an der Arbonerstrasse geboren und wuchs zusammen mit ihrem Bruder auf. Ihr Vater war einer der beiden Lehrer in diesem Schulhaus, wo die Familie Oettli im angebauten Nebengebäude wohnte. Hier verbrachte sie ihre Primarschulzeit, hier entwickelte sich auch ihre grosse Liebe zur Natur, zu Pflanzen und Blumen.

Nach der obligatorischen Schulzeit absolvierte sie das Seminar für Arbeits- und Hauswirtschaftslehrerinnen in St.Gallen. Daran anschliessend erhielt sie ihre erste Stelle in Mogelsberg.

Mehr als nur «die Frau vom Chef»

Eine grosse Wende nahm ihr Leben, als sie 1949 mit Paul A. Müller den Neffen des Hatswiler Bauunternehmers Hermann Stutz heiratete. Das Ehepaar wohnte zuerst in Hatswil im heutigen Bürogebäude der Firma Stutz. 1958 zog die Familie Müller-Oettli dann nach Amriswil ins väterliche Elternhaus an der Säntisstrasse und 1978 an die Leimatstrasse, in Sichtweite vom Dorfteil Hemmerswil. Den Kontakt zum Baugeschäft hat Esther Müller ihr ganzes Leben nie verloren. Sie habe zwar, meinte sie einmal schalkhaft, am Anfang vom Bauen nicht viel verstanden, doch sie habe oft mit ihrem Mann Baustellen besucht, doch nicht nur «als Frau vom Chef», denn wenn es an einem Bauwerk etwas zu kontrollieren oder näher anzuschauen gab, sei sie oft auch aufs Gerüst geklettert. Die persönlichen Kontakte zu den Mitarbeitern und deren Familien waren ihr sehr wichtig – auch wenn es um deren Sorgen und Nöte ging.

Aus nächster Nähe erlebte sie das kontinuierliche Wachstum der Firma Stutz zu einer der bedeutendsten Ostschweizer Bauunternehmungen mit über 700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Und sie war auch stets sichtlich stolz über den guten Ruf der Firma Stutz. Stolz auch, dass das Familienunternehmen florierte und es über ihre eigene Generation hinaus erfolgreich weitergeführt wurde.

Im Dienste der Gemeinschaft

Als dann ihre vier Kinder das Haus verlassen hatten, gewann sie neue Freiheiten und stellte ihr Wissen und ihre Fähigkeiten Amriswil zur Verfügung. Sie wurde als erste Frau in den Gemeinderat der Einheitsgemeinde gewählt und sass da von 1983 bis 1991. Die sozialen Bereiche einer Dorfgemeinschaft waren ihr sehr wichtig. So engagierte sie sich als Präsidentin der Fürsorgekommission, oder als Mitglied in der Heimkommission, im Waisenamt, in der Friedhof- und Gesundheitskommission.

Aber auch in anderen Bereichen stellte sie ihr Wissen und ihre Erfahrungen zur Verfügung, etwa in der Kommission der Technischen Gemeindebetriebe (heute REA), des Strandbads oder in der Regionalplanungsgruppe Oberthurgau.

Je zehn Enkel und Urenkel

Weitere Engagements waren im Krankenpflegeverein (heute Spitex), im Stiftungsrat des Bohlenständerhauses oder im Vorstand des Gemeinnützigen Frauenvereins. Sie gehörte zu den Initiantinnen des Mahlzeitendienstes und fuhr auch selber viele Jahre die Mahlzeiten. Zudem arbeitete sie während Jahren jeweils sonntags mit Freundinnen zusammen in der Altersheim-Cafeteria. Und trotz all ihren Aufgaben fand sie Zeit für ihre Familie mit vier Kindern, und später zehn Enkel- und ebensovielen Urgrosskindern.

Im Alter dann besuchte sie gerne Konzerte, Theater, Opern im In- und Ausland und war oft auch im Ortsmuseum Amriswil anzutreffen, wo sie ab und zu überdies das Programm bestritt, beispielsweise als Erzählerin über ihr geliebtes Hemmerswil, oder über das Jubiläum des Gemeinnützigen Frauenvereins. Und wer einmal das Glück hatte, ihr zuzuhören, freute sich über ihren feinen Humor und ihre perfekt verfassten Geschichten und Ausführungen.

Esther Müller war eine bemerkenswerte, lebensfrohe und herzensgute Person. Sie hatte ein gutes Leben, dachte jedoch stets auch an ihre Mitmenschen und setzte sich beherzt für sie ein. Sie wird Amriswil fehlen.