Weit mehr als nur ein Hobby: Migrantinnen lernen in Kreuzlingen Deutsch und Nähen

Der Kreuzlinger Verein Agathu bringt Migrantinnen gleichzeitig Deutsch und das Nähen bei. Im Nähcafé stellen sie aus alten Herrenhemden Taschen her.

Inka Grabowsky
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Eine junge Mutter aus Eritrea beim Nähen einer Tasche aus abgelegten Herrenhemden.

Eine junge Mutter aus Eritrea beim Nähen einer Tasche aus abgelegten Herrenhemden.

Bild: Inka Grabowsky

In einem kleinen Hinterzimmer des Agathu-Cafés in der Freiestrasse stehen seit gut einem Vierteljahr Nähmaschinen.

«Früher fand hier das Malen für Flüchtlingskinder statt»
Silvia Gysler, Leiterin des Nähcafés.

Silvia Gysler, Leiterin des Nähcafés.

(Bild: Inka Grabowsky)

sagt Silvia Gysler, die gemeinsam mit Pia Bühler verantwortlich für das Nähcafé ist. «Pia und ich hatten uns da über einige Jahre engagiert, aber seit Kreuzlingen kein Empfangs-, sondern ein Ausreisezentrum hat, waren weniger Kinder da.»

Der Raum und das Engagement der Freiwilligen sollten nicht lange brachliegen. Die Leiterinnen des Kaffeetreffs schlugen der Weberin Bühler und der pensionierten Primarlehrerin Gysler vor, doch einen Nähkurs für Migrantinnen anzubieten. Die beiden Frauen stürzten sich in die Arbeit, beschafften gebrauchte Nähmaschinen und entwarfen Prototypen für einfach zu fertigende Taschen.

In den Deutschkursen vom Heks und in der Lernwerkstatt im «Agathu» fanden sie ihre ersten Teilnehmerinnen. Das Angebot wurde so begeistert aufgenommen, dass nun zusätzlich zum Montag- auch am Freitagnachmittag die Maschinen rattern. Fünf Nähmaschinen konnten Pia Bühler und Silvia Gysler mit finanzieller Hilfe der Stadt vergünstigt bei Bernina kaufen, sodass nun bis zu neun Frauen werkeln und plaudern können.

Inzwischen schon über hundert Taschen genäht

Sechs bis acht Frauen kommen regelmässig ins Nähcafé, andere sporadisch. Inzwischen haben sie schon rund hundert Taschen genäht und einen Grossteil davon für je zwölf Franken verkaufen können.

«Pro Nachmittag schafft eine Frau eine neue Tasche, wenn sie geübt ist»

sagt Silvia Gysler. «Die Arbeitszeit kann man gar nicht zahlen.» Die Frauen kommen ohnehin nicht, um Geld zu verdienen, sondern um etwas Neues zu lernen, und um Deutsch zu üben.

«Für mich ist es ein Hobby», sagt eine Teilnehmerin, die von den Philippinen stammt. «Ich kann kreativ sein.» Eine junge Afghanin sagt:

«Ich habe schon früher genäht, aber ich lerne hier noch viel, beim Deutsch und beim Nähen – und es macht Spass mit den anderen zusammen.»
Aus alten Herrenhemden werden Taschen.

Aus alten Herrenhemden werden Taschen.

(Bild: Inka Grabowsky)

Eine Kehrnaht? Ein Nähfuss? Das verstehen die Näherinnen aus aller Welt, indem sie die Dinge begreifen. Auch Alltagsdeutsch lässt sich auf diese Weise zwanglos lernen. Doch das Nähcafé hat noch einen weiteren Nutzen: Das Rohmaterial für die Einkaufstaschen besteht aus gebrauchten, abgelegten Herrenhemden. «Upcycling» ist im Trend, Plastiksäcke sind es nicht. Ein Käufer tut also ein sozial und ökologisch gutes Werk.

«Kürzlich hat eine Kundin extra ein eigenes Hemd vorbeigebracht, aus dem sie sich eine Tasche hat nähen lassen»

erzählt Silvia Gysler. «Man kann so ein Erinnerungsstück wieder zum Leben erwecken.»

Das Nähcafé sucht laufend ausrangierte Herrenhemden. Die Frauen träumen auch von einem Vertriebskanal in Kreuzlingen. In Weinfelden haben bereits zwei Geschäfte die Taschen versuchsweise in ihr Sortiment aufgenommen. In Kreuzlingen können die Beutel während der Öffnungszeiten des Agathu-Cafés gekauft werden.

Hinweis: Die Leiterinnen des Nähcafés suchen Verstärkung. Wer Grundkenntnisse im Umgang mit der Nähmaschine hat, kann sich Nähcafé per E-Mail an info@naeh.ch melden.