Interview

Weinfelder Präsidentin des Gemeindeparlaments: «Mich plagt das Fernweh»

Elsi Bärlocher präsidiert seit Juni das Gemeindeparlament. Sie schätzt vor allem zwei Dinge: Gute Vorbereitung und feinen Dessert. Ihrer Meinung nach sind Frauen politisch klar untervertreten.

Viviane Vogel
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Elsi Bärlocher steht vor dem Restaurant Traube und guckt zum Rathaus. (Bilder: Andrea Stalder)

Elsi Bärlocher steht vor dem Restaurant Traube und guckt zum Rathaus. (Bilder: Andrea Stalder)

Elsi Bärlocher, was hat Sie in letzter Zeit besonders gefreut?

Ich bin mir bewusst, dass einige unter der Hitze sehr gelitten haben, und sie auch negative Aspekte hat – aber ich habe den warmen Sommer schampar genossen.

Sie sind nun seit zwei Monaten Parlamentspräsidentin. Fühlen Sie sich anders?

Nein. Mein Parlamentsmandat habe ich auch früher ernst genommen. Ich werde vielleicht etwas öfter auf der Strasse gegrüsst oder angesprochen. Da das Grüssen der Menschen auf der Strasse für mich schon immer selbstverständlich war, ist das aber nichts Aussergewöhnliches.

Gibt es trotzdem etwas, das sich verändert hat?

Der Sitzplatz. Ich bin froh, konnte ich schon vorher einige Zeit auf dem Frontplatz sitzen. Weil man sich verbal nicht in die Diskussionen eingibt, nimmt man die Sitzung anders wahr. Ich kann jetzt nicht mehr spontan meine Meinung äussern, umso wichtiger ist das Einbringen meiner Überlegungen in der vorher stattfindenden Fraktionssitzung.

Welche Funktion Ihres neuen Amtes gefällt Ihnen am besten?

Da ich eine interessierte Frau bin, finde ich es spannend, neue Orte und neue Menschen kennen zu lernen. Schön finde ich, dass ich als Präsidentin Weinfelden gegen aussen vertreten darf und bei einigen Einladungen Gruppierungen treffe, zu denen ich sonst wohl nie Kontakt gehabt hätte. Zudem will ich in meinem Amtsjahr der Bevölkerung auch ein offenes Ohr schenken und versuchen, mehr auf ihre Anliegen einzugehen.

Wie sieht so ein typischer Arbeitstag einer Parlamentspräsidentin aus?

Wir haben fünf bis sechs Parlamentssitzungen im Jahr. Von einem typischen Arbeitstag kann eigentlich nicht die Rede sein. Eher von einem Vorbereitungsprozess, der zu einer Sitzung gehört. Dieser beginnt schon Tage vorher. Dann treffe ich mich mit dem Gemeindeschreiber, Reto Marty.

Und was machen Sie da?

Wir gehen gemeinsam die Traktandenliste durch. So können wir unter Anderem in Ruhe die formale Korrektheit gemäss unserer Geschäftsordnung klären. Am Tag der Sitzung schreibe ich mir vormittags das Skript auf. Vor der Parlamentssitzung findet jeweils die Besprechung mit dem Büro des Parlaments statt. Zum Schluss des Abends treffen wir uns zu einem gemeinsamen Schlummertrunk – und das ohne parteikonforme Sitzordnung!

Was sind Herausforderungen Ihres Amtes?

Ich bereite die Unterlagen auf Hochdeutsch vor, die Umgangssprache im Rat ist jedoch Schweizerdeutsch. Vor der ersten Sitzung habe ich deshalb gehofft, dass ich mich in der Nervosität nicht verhasple. Aber die erste Sitzung ist gut gelaufen. Vielleicht stellen sich dann Herausforderungen während der nächsten Sitzungen.

Was machen Sie denn zwischen den Sitzungen, wenn Sie Freizeit haben?

Wir haben ein Segelschiff auf dem Bodensee. Ich wandere und lese gerne. Ausserdem habe ich Fernweh. Als ich noch ein Kind war, sind viele Menschen von weit her zu uns gekommen, weil wir in unserer Gastwirtschaft immer Monteure beherbergten. Nach deren Erzählungen habe ich jeweils auf dem runden Globus die gehörten Orte und Länder gesucht.

Der Weinfelderin gefallen die Gartenwirtschaften im Dorf sehr.

Der Weinfelderin gefallen die Gartenwirtschaften im Dorf sehr.

Haben Sie dieses Fernweh lindern können?

Ich bin schon auf den Kilimanjaro gestiegen, bin durch die Wüste gelaufen, habe Tibet und Indien gesehen. Demnächst reise ich in die Antarktis. Ich liebe es, all die Orte in Echt zu sehen, von denen ich zuvor nur Bilder sah.

Welcher Ort in Weinfelden löst bei Ihnen in der Ferne Heimweh aus?

Ich bin sehr gerne im Dreispitz oben. Auch unsere Pärke und unsere Gartenwirtschaften verschönern und bereichern das Dorf ungemein.

Essen Sie lieber salzig oder süss?

Mich kann man wohl als Dessertmensch bezeichnen. Ich esse lieber weniger vom salzigen Hauptgang, damit ich danach noch Platz für einen feinen Nachtisch übrig habe.

Was ist Ihr Lieblingsessen?

Sehr gerne habe ich beispielsweise eine Pavlova. Das ist eine Torte aus Riesenmeringue mit Rahm und Beeren oder Früchten drauf. Besonders lecker wird das Ganze natürlich, wenn man eigene Beeren verwenden kann.

Stellen Sie sich vor, Sie schauen mit 100 auf Ihr Leben. Was wollen Sie gerne sehen oder erreicht haben?

Ich will gerne bis dahin schwierige Situationen mit mehr Gelassenheit meistern können. Schön wäre es auch, wenn es mir gelingt, neue Situationen wertungsfreier und unvoreingenommen anzugehen.

Eine neue Situation im Weinfelder Parlament ist, dass gleich zwei Frauen gleichzeitig an der Spitze sind.

Genau. Ich finde, wir Frauen sind politisch klar untervertreten. Aber teilweise liegt es auch an uns selber. Wir müssen uns von Clichés und Rollenvorstellungen lösen und uns der heutigen Realität stellen. Die Skrupel, die viele Frauen zurückhalten, sind meistens nichtig. Wir können das schon. In den KMUs haben wir das ja schon bewiesen, denn der Frauenanteil ist dort viel höher. In den Kaderstellen von Grosskonzernen mangelt es immer noch, aber im Kleinen sind wir schon sehr weit.

Ihre Partei ist die SVP. Sind Sie eine durchschnittliche SVP-lerin?

Da ich in den vielen Jahren meiner Berufstätigkeit auch immer wieder im Sozialbereich tätig war hat mich das sicherlich etwas geprägt. Daher würde ich mich in der SVP eher Mitte-Links positionieren.

Finden Sie, die SVP hat ein gutes Frauenbild?

Es besteht Nachholbedarf. Das Frauenbild in der SVP ist sicher eher traditionell geprägt, auch wenn die Frauen einen sehr grossen Beitrag leisten. Dieser wird vielfach zu wenig gewürdigt. Es wäre wünschenswert, wenn SVP-Wählerinnen vermehrt aktiv am politischen Leben teilnehmen würden. So könnten sie die Partei stärker mitgestalten. Positive Beispiele gibt es etwas im Nationalrat.

Fühlen Sie sich als Frau im Parlament gut unterstützt von der SVP?

Ja, mir ist sehr wohl in der SVP Weinfelden. Bei uns ist der Umgang trotz Direktheit anständig und respektvoll. Es werden auch andere Meinungen akzeptiert. Von den populistischen Strömungen gewisser Parteiexponenten distanziere ich mich klar.

Ehemalige Bierbrauerin

Elsi Bärlocher ist 1953 in Bürglen geboren, wo sie ihre Kindheit verbrachte. Später betrieb sie mit ihrem Mann, Gebi Bärlocher, während vierzehn Jahren die Brauerei Weinfelden und Bärlochers Trankstelle. «Ich durfte in meinem Leben viele verschiedene Tätigkeiten ausüben», berichtet die 65-Jährige. Unter Anderem führte sie die Thurgauische Budgetberatungsstelle und war einige Zeit als Gastgeberin tätig. Seit dem Frühjahr 2003 ist Elsi Bärlocher Mitglied des Weinfelder Parlaments und im Juni dieses Jahres wurde sie mit 28 Stimmen zur Weinfelder Parlamentspräsidentin gewählt. (viv)