Von «bitter» bis «wie Weihnachten» -Weinfelder Fachgeschäfte ziehen Bilanz nach der Wiedereröffnung

Die Fachgeschäfte im Weinfelder Zentrum können seit bald zwei Wochen wieder Kundinnen und Kunden empfangen. Die zweimonatige Schliessung der Läden hat jedoch Spuren hinterlassen.

Mario Testa
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Marianne Boltshauser und Christina Glauser verzichten diesen Sommer auf ihre Betriebsferien und lassen ihren Laden «Frappant» geöffnet.

Marianne Boltshauser und Christina Glauser verzichten diesen Sommer auf ihre Betriebsferien und lassen ihren Laden «Frappant» geöffnet.

(Bild: Mario Testa)

Die Läden sind wieder offen und die Kundinnen und Kunden kommen. Je nach Geschäft im Weinfelder Zentrum fällt die Bilanz der zwei Wochen seit der Wiedereröffnung jedoch unterschiedlich aus. Die Bandbreite geht von «zögerlich» bis zu «wie Weihnachten». Letzteres sagt Helena Hongler, Filialleiterin der Papeterie Pius Schäfler in Weinfelden.

Helena Hongler, Filialleiterin Papeterie Pius Schäfler.

Helena Hongler, Filialleiterin Papeterie Pius Schäfler.

(Bild: Mario Testa)
«Es kommen doppelt so viele Kunden wie sonst zu dieser Jahreszeit.»

Zuvor sei schon der Online-Handel recht gut gelaufen. «Wir konnten die Umsätze im Netz steigern, vielleicht hilft das auch langfristig. Ich denke, kleinere Läden bereitet die Krise mehr Mühe als uns.»

Kleine Läden leiden

Sandra Baumgartner, Inhaberin Boutique Hauptgasse.

Sandra Baumgartner, Inhaberin Boutique Hauptgasse.

(Bild: Mario Testa)

Einer dieser kleineren, noch jungen Läden ist die Boutique Hauptgasse. Sandra Baumgartner hat die Schliessung hart getroffen. «Es ist bitter. Ich musste Lieferungen bezahlen, der Vermieter hat mich nicht unterstützt und ich bekam gerade mal zwölf Franken Ausfallentschädigung pro Tag», sagt sie.

«Das war finanziell eine sehr harte Zeit. Ich kann nicht abschätzen, ob es Ende Jahr reichen wird.»

«Anfangs bin ich erschrocken, als der Bundesrat die Ladenschliessung angeordnet hat», sagt Marianne Boltshauser vom «Frappant» an der Frauenfelderstrasse. «Aber wir wollen nicht jammern und sind zuversichtlich.» Weil sie und Geschäftspartnerin Christina Glauser das Pensionsalter erreicht haben, konnten sie keine Kurzarbeit anmelden, mit Lieferungen wenigstens etwas Umsatz generieren. «Das hat Anklang gefunden. Und die Zahlungsmoral der Kunden ist hervorragend, wir spürten eine grosse Solidarität.»

Unzufrieden mit dem Bundesrat

Pepe Haug, Inhaber Karmesin Tattoo.

Pepe Haug, Inhaber Karmesin Tattoo.

(Bild: Mario Testa)

Tatöwierer Pepe Haug darf seit Ende April wieder arbeiten. Viele Kunden kamen seither, und die Hygienemassnahmen unterscheiden sich kaum vom Normalbetrieb. «Ich habe meine Stammkunden und genug Schnauf, um das durchzustehen. Aber vom Bundesrat bin ich enttäuscht», sagt der Inhaber von Karmesin Tattoo.

«In die ganze Welt verteilen wir Geld. Jetzt, wo wir es selber brauchen, gibt’s nichts. Kreditschulden sind keine Hilfe für Kleinbetriebe.»
Claude André Mages, Bijoutier.

Claude André Mages, Bijoutier.

(Bild: Mario Testa)

Claudes André Mages geht davon aus, dass ihm Ende Jahr etwa 20 Prozent des Umsatzes seiner Bijouterie fehlen werden. «Aber ich bin kein Pessimist und habe schon andere Krisen erlebt. Der Umbau des Hauses hat mich fast mehr beschäftigt», sagt der 73-Jährige. «Zudem ging es mit Kurzarbeitsentschädigung für meine Mitarbeiterinnen und dem Kredit von der Bank sehr schnell und unbürokratisch.» Noch fehle bei den Kunden die Kauflust, sagt Mages. Aber Reparaturen mache er sehr viele momentan.

Heidi und Joaquin Hurtado, Bijoutiers.

Heidi und Joaquin Hurtado, Bijoutiers.

(Bild: Mario Testa)

So geht es auch Joaquin Hurtado auf der gegenüberliegenden Seite der Rathausstrasse. «In der Werkstatt hab ich momentan sehr viel zu tun. Und langsam steigt auch die Nachfrage wieder an», sagt der Bijoutier. «Meine Frau und ich sind seit über 40 Jahren im Geschäft, haben die nötigen Reserven und tiefe Kosten. Unser Vermieter hat uns zudem die Miete erlassen. Daher sind wir nicht in der Existenz bedroht.»

Produkte zum Anfassen

Kathrin Moor, Inhaberin Wollladen «Masche für Masche».

Kathrin Moor, Inhaberin Wollladen «Masche für Masche».

(Bild: Mario Testa)

Kathrin Moor vom Wollladen Masche für Masche freut sich über viele Kundinnen seit der Wiedereröffnung. «Ich hatte zuvor einige Bestellungen während der Laden geschlossen war. Aber es ist nicht das selbe, Wolle will man anfassen vor dem Kauf», sagt sie.

Ursula Vontobel, Filialleiterin Tiefenbacher Schuhe Weinfelden.

Ursula Vontobel, Filialleiterin Tiefenbacher Schuhe Weinfelden.

(Bild: Mario Testa)

Tiefenbacher-Filialleiterin Ursula Vontobel konnte nach der Wiedereröffnung besonders viele Kinderschuhe verkaufen. «Aber davor ging fast gar nichts. Der Online-Verkauf hat nur einen Bruchteil des Umsatzes gebracht», sagt sie. «Ich weiss noch nicht, was das für unsere Gruppe bedeutet.»

Zögerlicher Start

Uwe Baumgartner, Mitinhaber «Neugart Optik».

Uwe Baumgartner, Mitinhaber «Neugart Optik».

(Bild: Mario Testa)

Von einem zögerlichen Start aber einer guten zweiten Woche nach der Öffnung spricht Uwe Baumgartner von «Neugart Optik». «Aber Untersuchungen, Augenmessungen und Linsenanpassungen waren zuvor nicht möglich. Und dieser Umsatz fehlt uns merklich», sagt er. «Die Kunden sind uns aber sehr treu, sie haben abgewartet, bis wir wieder offen hatten.»

Optiker Peter Kimpel, Villa Optik.

Optiker Peter Kimpel, Villa Optik.

(Bild: Mario Testa)

Branchenkollege Peter Kimpel von Villa Optik geht es ähnlich. Aus Sicht der Fachgeschäfte, die er im Gewerbeverein vertritt, sagt er: «Bei vielen ist es ganz gut wieder angelaufen. Wir hoffen, dass sie Solidarität der Kundschaft noch lange anhält und sie weiterhin lokal einkaufen.»

Zeit zum Aufräumen

Stephan Haag, Coiffure Haag.

Stephan Haag, Coiffure Haag.

(Bild: Mario Testa)

Überraschend gut sei der Verkauf und die Lieferung von Produkten zur Haarpflege während der Schliessung gewesen, sagt Coiffeur Stephan Haag. «Wir haben die Zeit genützt, um mal den Keller zu entrümpeln. Nach der Wiederöffnung waren wir zwei Wochen komplett ausgebucht. Nun herrscht wieder Normalbetrieb.» Für die unbürokratische und schnelle Hilfe dank Kurzarbeitsgeldern habe er sich per Mail auch bei Bundesrat Ueli Maurer bedankt.

«Ich bin immer optimistisch geblieben. Wenn man schon so lange ein Geschäft führt, wirft einem so eine Schliessung nicht gleich aus der Bahn.»
Stefan Conrad, Inhaber Conrad AG.

Stefan Conrad, Inhaber Conrad AG.

(Bild: Mario Testa)

So sieht es auch Stefan Conrad, der sein Eisenwarengeschäft zwei Monate lang schliessen musste. «Bei uns macht der Verkauf nicht mehr so einen gewichtigen Teil aus. Wir konnten in dieser Zeit viele Montageaufträge ausführen. Ich hab deshalb für meine drei Mitarbeiter auch keine Kurzarbeit beantragt», sagt er.

Mehr Zeit für die Familie

Carmen Kalman, Inhaberin Mode Sopresa AG.

Carmen Kalman, Inhaberin Mode Sopresa AG.

(Bild: Mario Testa)

Dank Lieferungen während der Laden geschlossen hatte, konnte auch das Damenmodegeschäft Sopresa etwas Umsatz generieren, wenn auch nur wenig. Nun kommen die Kundinnen wieder ins Geschäft. «Sie stürmen uns nicht gerade das Geschäft, aber es läuft langsam an», sagt Inhaberin Carmen Kalmann. «Es hat uns zum Glück nicht den Boden unter den Füssen weggerissen. Und wir hatten mal etwas Zeit für uns - das hatte auch etwas für sich.»