Wein
«Corona hat die Entscheidung höchstens beschleunigt»: Weinkellerei Rutishauser in Scherzingen schliesst nach 135 Jahren

Fenaco übernimmt die traditionsreiche Weinkellerei Rutishauser in Scherzingen. Während es Gemeindepräsident René Walther schmerzt, bedeutet die Veränderung für die Thurgauer Winzer Sicherheit.

Rahel Haag
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Blick in die Weinkellerei Rutishauser AG in Scherzingen. Vergangenen Sommer waren die Lager voll und der Traubeneinkauf musste reduziert werden.

Blick in die Weinkellerei Rutishauser AG in Scherzingen. Vergangenen Sommer waren die Lager voll und der Traubeneinkauf musste reduziert werden.

Bild: Andrea Stalder
(22. Juni 2020)

Nach 135 Jahren versiegt der Wein in Scherzingen endgültig. Am Montag wurde bekannt, dass die Weinkellerei Rutishauser durch die Agrargenossenschaft Fenaco, respektive deren Weintochter DiVino, übernommen wird. Die Konsequenz: Der Produktionsbetrieb im Thurgau wird Mitte Jahr aufgegeben, die Vinifikation und Abfüllung von Wein zügelt in die Weinkellerei von DiVino am Stadtrand von Winterthur. Carlo Reato, seit knapp zwei Geschäftsführer der Weinkellerei, sagt:

«Doch der Name Rutishauser lebt weiter.»
Carlo Reato, Geschäftsführer Weinkellerei Rutishauser.

Carlo Reato, Geschäftsführer Weinkellerei Rutishauser.

Bild: PD

Sämtliche Rutishauser Marken und auch der Weinshop in Scherzingen blieben erhalten. Fenaco sei der richtige Partner, ist Reato überzeugt.

Abgeben, solange man noch kann

«Es schmerzt», sagt Münsterlingens Gemeindepräsident René Walther. Mit der Übernahme verliere die Gemeinde ein traditionsreiches Unternehmen, welches sie über Jahrzehnte geprägt habe. Walther fügt hinzu:

«Besonders tragisch ist es für die Menschen, die ihre Stelle verlieren.»
René Walther, Gemeindepräsident Münsterlingen.

René Walther, Gemeindepräsident Münsterlingen.

Bild: PD

Zwei Drittel der insgesamt 53 Mitarbeitenden sollen durch die DiVino AG oder übernommen werden. Für die übrigen suche die InVivo Wine – aktuelle Besitzerin der Weinkellerei Rutishauser – nach Lösungen. «Ich hoffe, dass das Unternehmen seine Verantwortung wahrnimmt», sagt Walther.

Das sei die Kehrseite der Medaille, sagt auch Reato. «Die Schliessung des Produktionsbetriebs führt unweigerlich zu Kündigungen.» Doch man werde schauen, dass man möglichst viele Leute unterbringen könne – auch bei Fenaco. Es gebe Angestellte, die seit dreissig oder vierzig Jahren für die Weinkellerei Rutishauser arbeiteten. Reato sagt:

«Für sie ist es schade, dass es so zu Ende geht.»

Doch es sei immer noch besser, eine Firma abzugeben, solange man noch könne. «Sonst ist es irgendwann zu spät und dann kann man nichts mehr retten.»

Geschlossene Restaurants und volle Lager

Für die Winzer auf der anderen Seite bedeutet die Veränderung Sicherheit. «Die Übernahme ist für den Weinbau im Thurgau sehr wichtig», sagt Markus Müller, Präsident des Branchenverbands Thurgau Weine. Denn: Die Fenaco habe bereits zugesagt, die Trauben der Winzer, die bisher an Rutishauser lieferten, zu übernehmen.

Betriebsleiter und Önologe Michael Balmer kontrolliert in der Weinkellerei Rutishauser in Scherzingen die Qualität der Trauben, die in die Trauben-Abbeermaschine geleert werden.

Betriebsleiter und Önologe Michael Balmer kontrolliert in der Weinkellerei Rutishauser in Scherzingen die Qualität der Trauben, die in die Trauben-Abbeermaschine geleert werden.

Bild: Reto Martin
(12. Oktober 2017)

Im vergangenen Sommer war die Weinkellerei Rutishauser gezwungen gewesen, die Traubeneinkäufe zu reduzieren. Grund dafür war die Coronapandemie, durch welche einerseits der Absatz in der Gastronomie eingebrochen war und sich andererseits die Lager gefüllt hatten. Müller sagt:

«Es gab Winzer, die hatten deshalb schlaflose Nächte. Ich würde fast behaupten, dass sie dank der Übernahme wieder viel besser schlafen.»

Damals mussten bei Rutishauser auch acht Stellen abgebaut und das Pensum 14 weiterer Mitarbeitenden reduziert werden. Die Pandemie sei aber nicht ausschlaggebend gewesen für die Übernahme, sagt Reato. Sie habe den Entscheid höchstens beschleunigt. «Die Verluste aus der Gastronomie konnten unterdessen weitestgehend durch den Onlineverkauf kompensiert werden.»

Lagertanks der Weinkellerei Rutishauser in Scherzingen.

Lagertanks der Weinkellerei Rutishauser in Scherzingen.

Bild: Andrea Stalder
(22. Juni 2020)

Eine Frage, die für Gemeindepräsident Walther zum Schluss noch bleibt, ist, wie es langfristig mit der Liegenschaft der Weinkellerei in Scherzingen weitergeht. Sie befinde sich in der Gewerbe- und Industriezone, sagt er. Das werde auch so bleiben. «Es dürfte aber eine Herausforderung werden, die Kellergewölbe umzunutzen.»

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