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«Was lange währt, wird endlich gut»: Die jüdische Gemeinde Konstanz musste lange warten – am Sonntag weiht sie nun ihre neue Synagoge ein

Freudentag für die jüdische Gemeinde Konstanz: Zum Festakt erscheint auch Winfried Kretschmann, Ministerpräsident von Baden-Württemberg.
Peter Bollag
Benjamin Nissenbaum, Vorsitzender der Synagogengemeinde Konstanz, im Gebetsraum der neuen Synagoge. (Bilder: Reto Martin)

Benjamin Nissenbaum, Vorsitzender der Synagogengemeinde Konstanz, im Gebetsraum der neuen Synagoge. (Bilder: Reto Martin)

Konstanz ist vor allem im Sommer bei vielen Touristen beliebt; für jüdische Gäste, zum Beispiel aus Israel oder den USA gibt es ab sofort eine weitere Attraktion: Die neugebaute Synagoge an der Sigismundstrasse im Zentrum der Stadt, die an diesem Wochenende feierlich eingeweiht wird.

Von aussen eher unscheinbar, ist die neue Synagoge innen ein wahres Bijou: sie wirkt hell, lichtdurchflutet und freundlich. Die Inneneinrichtung kommt aus dem Kibbuz Lavi in Israel. Zum Bau gehört auch ein Raum für die Mahlzeiten der Synagogengemeinde und auch eine Mikwa, ein rituelles Tauchbad. Ein sichtlich stolzer Vorstandsvorsitzender Benjamin Nissenbaum, der selbst in Konstanz aufgewachsen ist, sagt nach dem Rundgang:

«Was lange währt, wird endlich gut.»

Das Gebäude steht an der Sigismundstrasse im Herzen von Konstanz.

Das Gebäude steht an der Sigismundstrasse im Herzen von Konstanz.

Das aktuelle Bethaus ist zu klein geworden

Benjamin Nissenbaum spielt damit auf die lange Leidenszeit an, die dem Neubau voranging. Seit 2003 plante die Jüdische Gemeinde nämlich eine neue Synagoge. Das jetzige Bethaus im Gebäude in der gleichen Strasse wirkt zwar sehr gemütlich, ist aber für die Gemeinde, die heute knapp 300 Menschen zählt, zu klein geworden. «Ausserdem fehlt ein richtiger Gemeinschaftsraum, unsere Mitglieder möchten sich nach den Gottesdiensten gerne noch zusammensetzen», erzählt der 66-jährige Nissenbaum.

Der ehemalige Gasthof Anker stand unter Denkmalschutz.

Der ehemalige Gasthof Anker stand unter Denkmalschutz.

Die Suche nach einem geeigneten Gelände geriet aber zum Hindernislauf, für die Gemeinde kam nur ein Bau im Zentrum in Frage. Schliesslich wurde man am jetzigen Standort fündig, es handelt sich dabei um den ehemaligen Gasthof «Anker», der aber unter Denkmalschutz stand, weil es sich um einen mittelalterlichen Bau handelt. Etwas, was die Aufgabe nicht einfacher machte.

Zudem belastete ein Streit zwischen Liberalen und Orthodoxen das Projekt, zeitweilig gab es sogar zwei Gemeinden, ehe der Oberrat der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden (IRG), der Dachverband der Jüdischen Gemeinde, ein Machtwort sprach und sich die beiden Strömungen wieder zu einer Gemeinde zusammenschlossen.

Auf der Empore sitzen die Frauen, unten die Männer.

Auf der Empore sitzen die Frauen, unten die Männer.

Die Männer sitzen unten, die Frauen auf der Empore

Die neue Synagoge folgt dem orthodoxen Ritus, das heisst, die Männer sitzen unten, die Frauen auf der Empore. Ursprünglich waren 3,1 Millionen Euro budgetiert, nun sind es 5,1 Millionen geworden. Dabei stellt die Stadt das Grundstück komplett zur Verfügung.

Ein koscheres Restaurant beim Neubau war ursprünglich geplant, dafür habe man aber die Baugenehmigung nicht erhalten, erzählt Nissenbaum – immerhin bietet man nun den Mitgliedern an Schabbat und Feiertagen koschere Mahlzeiten an.

Winfried KretschmannMinisterpräsident Baden-Württemberg(Bild: Keystone)

Winfried Kretschmann
Ministerpräsident Baden-Württemberg
(Bild: Keystone)

Winfried Kretschmann kommt zur Einweihung

Die Einweihung am Sonntag, zu der auch der Baden-Württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann erwartet wird, leitet Landesrabbiner Mosche Flomenmann aus Lörrach. Die Konstanzer Gemeinde verfügt zurzeit über keinen eigenen Rabbiner.

Die erste neue Synagoge seit Halle

Dass Konstanz nun die erste jüdische Gemeinde in Deutschland ist, die nach den Ereignissen von Halle vor genau einem Monat eine Synagoge einweihen kann, erfülle ihn mit Stolz, sagt Benjamin Nissenbaum, aber:

«Von Triumphgefühl kann keine Rede sein, dazu stehen wir noch immer zu stark unter Schock.»

Die Stühle in der Synagoge warten auf ihre Nutzer.

Die Stühle in der Synagoge warten auf ihre Nutzer.

Jüdische Präsenz in Konstanz

Jüdische Familien leben in Konstanz seit dem Mittelalter. Am 9. November 1938, der sogenannten Reichspogromnacht, wurde die Synagoge, wie viele andere in Deutschland, zerstört. Jüdische Gemeindemitglieder hatten zum Teil ihren Wohnsitz über die Grenze nach Kreuzlingen verlegt, wo eine jüdische Gemeinde entstand.

Am 22. Oktober 1940 wurden mehr als 100 jüdische Konstanzer, wie viele andere in Baden, ins französische KZ Gurs verschleppt. Eine Stele an zentraler Stelle in Konstanz erinnert heute an jene dunklen Jahre. Nach Kriegsende lebten in Konstanz wieder mehr Juden, die meisten von ihnen waren sogenannte «displaced persons» und wollten eigentlich in die Schweiz oder an andere Destinationen.

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