Amriswil
Florian Rexer erinnert mit einer szenischen Lesung an das Kriegsende im Jahr 1945

Die Veranstaltung im Schulmuseum Amriswil beschert den Zuhörern eine ausgesprochen besinnliche Stimmung. Bereichert wird der Anlass durch Texte aus dem Archiv des Schulmuseums und durch Zitate aus einer Maturaarbeit.

Barbara Hettich
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Der Schauspieler und Regisseur Florian Rexer liest im Schulmuseum Amriswil.

Der Schauspieler und Regisseur Florian Rexer liest im Schulmuseum Amriswil.

Bild: Donato Caspari (Amriswil, 25. November 2020)

Als Friedrichshafen bombardiert wurde, haben noch in Frauenfeld die Scheunentore gewackelt. Diese Erinnerung eines Zeitzeugen und ein «Gschwelti»-Abend bei seinem Schauspielerfreund Hans Rudi Spüler, wobei das Ende des Zweiten Weltkrieges vor 75 Jahren zur Sprache kam, haben Theatermacher Florian Rexer dazu inspiriert, eine szenische Erinnerung an 75 Jahre Kriegsende zu konzipieren.

Am Mittwochabend feierte Rexer mit seinem Ensemble im Schulmuseum Amriswil Premiere. Coronabedingt war die Zuschauerzahl auf 35 Personen mit Maskenpflicht beschränkt, und ebenfalls coronabedingt musste Florian Rexer mit Rücksicht auf die Gesundheit des über 70-jährigen Hans Rudi Spüler dessen Part selbst übernehmen. Trotz allem – oder vielleicht gerade deswegen – hätte die Stimmung im Schulmuseum kaum besinnlicher sein können.

Die Frage nach dem Sinn des Kriegs

Liedermacher Klaus Estermann stimmt mit leisen Tönen auf den Abend ein, und mit dem Schüleraufsatz «Endlich Frieden» aus dem Jahr 1945 eröffnet der 15-jährige Schüler Pacifico Rodriguez die Lesung und übergibt mit der Frage des Abends «Warum habt ihr Krieg gemacht?».

Sigmund Freud (1856 bis 1939),
Arzt und Tiefenpsychologe: «Krieg ist
nur möglich, wenn in einem Land die Gefühlsbildung der Mitglieder fehlt.»

Rexer beschwört mit Texten aus dem Archiv des Schulmuseums die Stimmung der Kriegs- und Nachkriegszeit herauf. Die Lebensmittel rationiert, nachts alles abgedunkelt, die Notvorräte in den Kellern gebunkert, die Männer im Aktivdienst, die Frauen am Arbeiten, humani- täre Hilfe leisten, Flüchtlinge an der Grenze. Geschlossene Grenzen und Paul Grüninger, der sich darüber hinwegsetzt, bis Kriegsende 300'000 fremde Esser.

Der Unterschied zwischen Mensch und Kreatur

Dann ein Sprung in die Gegenwart: Pacifico Rodriguez liest von einem 15-jährigen Flüchtling aus Afghanistan, dem eine altersgerechte Behandlung verweigert wird, und Klaus Estermann singt dazu: «Irgendwo auf der Welt fängt mein Weg zum Himmel an.»

«Der Krieg hat das Denken der Kinder verändert», zitiert Rexer aus Alexandra Oswalds Maturaarbeit. «Es entwickelte sich eine Grosszügigkeit und Solidarität mit den Opfern.» Solidarität wird auch in der heutigen Zeit vielfach heraufbeschworen. «Solidarität, die den Menschen von der Kreatur unterscheidet», sagt Rexer.

Was tun, damit das Verhängnis Krieg gar nicht erst möglich wird? Er liest aus einem Brief von Freud an Einstein: «Krieg ist nur möglich, wenn in einem Land die Gefühlsbildung der Mitglieder fehlt. Alles was die Kulturentwicklung fördert, verhindert den Krieg.»

Informationen über Florian Rexer im Internet unter www.rexer.ch.