Unter Korsikas Palmen: Im Europacup bricht Volley Amriswil aus dem Ligaalltag aus

Mit den Einsätzen auf der europäischen Bühne vermischen sich bei Amriswils Volleyballern Beruf und Abenteuer – auch im diesjährigen Aufeinandertreffen mit Ajaccio. Das Hinspiel im CEV-Cup-Sechzehntelfinal geht allerdings gleich 0:3 verloren.

Matthias Hafen aus Ajaccio
Hören
Drucken
Teilen
Amriswils Michal Petras setzt unter den Augen von Teamkollege Thomas Brändli zum Smash an. Oft blieben die Thurgauer jedoch am gegnerischen Block hängen.

Amriswils Michal Petras setzt unter den Augen von Teamkollege Thomas Brändli zum Smash an. Oft blieben die Thurgauer jedoch am gegnerischen Block hängen.

Bild: PD/GFC Ajaccio

Die Palmen sind für diese Reise nur Dekor. Etwas, das die Spieler von Volley Amriswil im besten Fall von ihrem Hotelzimmer aus sehen. Ajaccio, die Hauptstadt der französischen Mittelmeerinsel Korsika und Anziehungspunkt für Touristen aus aller Welt, erleben die Volleyballer dreidimensional anders: im Hotel, im kleinen Teambus, dessen Bremsscheiben sich schon vor Jahren verabschiedet haben, und in der Multifunktionsarena U Palatinu.

Dort, wo am vergangenen Sonntag noch Patrick Fiori, ein französischer Musikstar mit korsischen Wurzeln, die Seele tausender Insulaner balsamiert hat, tritt Volley Amriswil aus genau gegenteiligem Grund an. Im 1/16-Final des europäischen CEV-Cup greifen die Ostschweizer direkt den korsischen Stolz an, wollen den GFC Ajaccio in Hin- und Rückspiel besiegen. Der CEV-Cup ist das Zuhause für die europäischen Topteams, die es nicht in den erlauchten Kreis der Champions League geschafft haben. Für Volley Amriswil mit einem Budget von rund 700000 Franken derzeit das Höchste der Gefühle.

Von Poulet, das kein Poulet war, und verlorenen Pässen

Amriswils NLA-Volleyballer empfinden den Europacup denn auch unisono als willkommenen Ausbruch aus dem Ligaalltag. Ein Alltag, in dem sie in dieser Saison noch unbesiegt sind. «In Europacupspielen erwartet dich eine ganz andere Herausforderung», sagt Mittelblocker Georg Escher, der mit Frankfurt schon Champions-League-Reisen mitgemacht hat. Und diese Herausforderungen sind nicht nur sportlicher Natur. Der Deutsche erzählt von einem Trip in die russische Provinz, wo die Spieler beim bestellten Pouletfleisch im Hotel partout kein Poulet ausfindig machen konnten und deshalb nur die Beilagen assen.

Amriswils russischer Aussenangreifer Bogdan Olefir spielte 2017/18 in Indonesien, wo es so feuchtheiss war, dass er als Europäer in jeder Pause einen Eisbeutel im Nacken und eine Sauerstoffmaske brauchte. Olefir erinnert sich auch an eine Volleyballreise nach Moskau, wo sein Team wegen eisiger Kälte auf dem Flughafen steckenblieb. Weil das tausenden anderen Passagieren auch widerfuhr, gab es am Flughafen bald einmal kein Essen und keine Getränke mehr. So schickte Olefirs Mannschaft den Jüngsten des Teams in einem Taxi in die Stadt, um im westlichsten aller Fastfood-Restaurants Hamburger und Pommes frites für die ganze Equipe zu holen. Anekdoten schrieb Amriswil auch schon selber. Etwa im vergangenen Jahr im Auswärtsspiel gegen Mladost Brcko, als der damalige Libero Daniel Clément auf der Rückreise aus Bosnien seinen Pass nicht mehr fand und ­deshalb der Teambus vor dem Grenzübertritt stoppen musste, damit der Franzose sein Dokument im Gepäckraum suchen konnte.

Das Budget diktiert den Reiseplan und mehr

Amriswils Europacup-Ausflug nach Korsika steht bei den Spielern besonders hoch im Kurs. «Hier ist es auch schön, wenn man nicht so viel von der Destination sieht», sagt Georg Escher und sein Teamkollege Luca Müller fügt an: «Ganz allgemein ist das Reisen auf Arbeitszeit ein Privileg.» Dazu kommt, dass Volleyballer, obwohl Profisportler, bescheiden sind. Müssen sie auch. Ein Topspieler verdient in der Schweiz etwa 5000 Franken brutto pro Monat. Und das für acht Monate einer ganzen Saison. Von den Amriswilern hat sich kein Einziger über die zehnstündige Anreise nach Ajaccio beklagt, für eine Strecke, die mit einem Direktflug etwa 70 Minuten gedauert hätte.

Das Umsteigen in Paris und Marseille war teils auch dem knappen Budget des Vereins ­geschuldet. «Wir sind nicht auf Rosen gebettet und müssen unsere Ausgaben im Griff haben», sagt Peter Bär, Geschäftsführer des Thurgauer Vereins. Aus diesem Grund verzichtete Volley Amriswil für das Spiel in Ajaccio auch auf Assistenzcoach Matevz Kamnik, den Nachwuchsspieler Alex Lengweiler und den zweiten Libero Ramon Diem, die zu Hause blieben. Amriswils Kader auf Korsika umfasst genau zwölf Spieler – das vom europäischen Volleyballverband CEV vorgeschriebene Minimum. Dafür ist es besonders auf Europacup-Reisen wie dieser unter Korsikas Palmen vollgepackt mit positiven Emotionen. Oder wie Geschäftsführer Bär es ausdrückt. «Das Leben der Volleyballprofis ist nicht luxuriös. Aber sie haben einen Beruf, den sie mögen.»

0:3 - Volley Amriswil kassiert auf Korsika eine Klatsche

Im Hinspiel der CEV-Cup-Sechzehntelfinals verlieren die NLA-Volleyballer aus dem Thurgau gegen GFC Ajaccio 0:3. Der in der Schweizer Meisterschaft noch unbesiegte Leader kommt dabei nicht einmal in die Nähe eines Satzgewinns.
Matthias Hafen aus Ajaccio