Viele Punkte für den Stier

Die Figur auf dem Kreisel Alleestrasse bekommt in diesen Tagen ein neues Gewand. Die heimische Künstlerin Regula Stüdli konnte mit ihrem Entwurf Kulturkommission und Sponsor überzeugen.

Rita Kohn
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Ungewohnt jungfräulich weiss präsentierte sich der Stier des Alleestrassenkreisels am Dienstagvormittag, nachdem das alte Bild entfernt und noch bevor die neue Folie angebracht wurde. (Bild: Manuel Nagel)

Ungewohnt jungfräulich weiss präsentierte sich der Stier des Alleestrassenkreisels am Dienstagvormittag, nachdem das alte Bild entfernt und noch bevor die neue Folie angebracht wurde. (Bild: Manuel Nagel)

Wie verbindet man einen Hörner senkenden Stier mit Textilkunst? Regula Stüdli kennt die Antwort. Die Amriswiler Künstlerin hat den Auftrag bekommen, für den Kreiselstier ein neues Gewand zu schneidern. Eines, das an die einstige Grösse Amriswils als Textilhochburg erinnert. Lange habe sie daraufhin den Stier studiert. Denn das Gewand, das die Figur in den nächsten vier Jahren tragen wird, soll nicht nur etwas Besonderes sein, sondern auch optisch passen.

Wie genau das aussehen wird, erfahren die Neugierigen gegen Ende Woche, wenn die neue Folie geklebt ist. Eingeweiht wird das Kunstobjekt allerdings erst nächste Woche. «Die Vernissage ist öffentlich», kündigt der städtische Kulturbeauftragte, Andreas Müller, an. Er ist neugierig, wie das neue Gewand des Stiers aufgenommen wird. Aber die Kulturkommission ist sich einig: Es wird wohl den einen gefallen und anderen gar nicht. Denn Kunst gefalle selten allen.

Eine Werbung, die keine Werbung ist

Finanziert wird die Neubespielung des Kreisels Alleestrasse vom Einkaufscenter Amriville. Aber – und das war von Anfang an die klare Vorgabe – es darf keine Werbung für das Einkaufscenter auf den Stier. Denn zum einen ist Kreiselwerbung im Thurgau nicht zulässig, zum anderen wollte das Amriville laut Center-Manager Urs Schach auch nicht einfach eine gewöhnliche Werbetafel aufstellen.

So war also klar, der Stier sollte mit der Textilindustrie in Verbindung gebracht werden, die ja einst den Grundstein für das Einkaufscenter gelegt hatte. Da, wo heute das Amriville untergebracht ist, war einst das Textilunternehmen Hess zu finden. Ein Zeuge der einstigen Textilblüte wird der Vorplatz des Amriville, der mit zwei verschiedenen Granitsteinen belegt, ebenfalls an ein bekanntes Textilmuster erinnern wird.

Regula Stüdlis Konzept trägt allerdings eine eigene Handschrift. Sie habe auf den Polka Dot, Streifen und Karos gesetzt, verrät die gelernte Textildesignerin. Gleich mehrere Entwürfe hat Künstlerin Regula Stüdli ausgearbeitet – darunter laut Kulturkommissionspräsidenten Madeleine Rickenbach auch einige gar gewagte. Allerdings stach einer der Entwürfe hervor. Es ist das Muster, das nun für vier Jahre auf dem Stier zu sehen sein wird. «Wir waren uns einig», umschreibt Madeleine Rickenbach den Prozess innerhalb der Kulturkommission.

Polka Dots

Unter Polka Dots versteht man laut Wikipedia ein Muster aus gleich grossen, gefüllten, regelmässig angeordneten Kreisen. Die Punkte werden nicht gewebt, sondern aufgedruckt, manchmal gestickt. Die Herkunft des Namens ist ungeklärt, besonders auch die Beziehung zum Tanz.

Einig war man sich vonseiten der Kulturkommission auch gleich mit dem Amriville. Denn auch hier fand der schliesslich umgesetzte Entwurf sofort Zustimmung. «Für uns stimmt es so», sagt Urs Schach. Und auch die Künstlerin selber erklärt, dass dieser Entwurf ihr Favorit gewesen sei. Die Suche nach dem passenden Gewand für den Stier war für die Designerin allerdings eine Herausforderung, wie sie unumwunden zugibt. Eine, der sie sich gerne gestellt habe.

Ungewohnt jungfräulich weiss präsentierte sich der Stier des Alleestrassenkreisels am Dienstagvormittag, nachdem das alte Bild entfernt und noch bevor die neue Folie angebracht wurde. (Bild: Manuel Nagel)

Ungewohnt jungfräulich weiss präsentierte sich der Stier des Alleestrassenkreisels am Dienstagvormittag, nachdem das alte Bild entfernt und noch bevor die neue Folie angebracht wurde. (Bild: Manuel Nagel)

«Mit dem Stier müssen wir leben»

Mit einem Schmunzeln verrät Urs Schach, dass er persönlich auch gut hätte damit leben können, wenn für vier Jahre anstelle eines Stiers eine andere Figur im Kreisel gestanden hätte. Aber das Politikum «Stierkreisel» ist noch in guter Erinnerung. Ursprünglich waren für die beiden Kreisel Alleestrasse und Pentorama je eine grosse Stele vorgesehen gewesen. Doch die nicht ganz ernst gemeinte Nacht- und Nebelaktion, bei der zwei ISA-Stiere mit Unterhosen in den Kreisel gezogen waren, hatte Folgen. Die Bevölkerung wehrte sich gegen die Verbannung der beiden Plastikstiere und die Stadt zeigte ein Einsehen. Anstelle der Stele wurde 2015 schliesslich der wuchtige Stier als Plattform für wechselnde Kunst installiert. Mit dem Stier muss man nun leben, wissen alle Beteiligten.

Zum ersten Mal nun seit seiner Ankunft in Amriswil wird der Stier umgestaltet. Aus Kostengründen war die Stadt vom ursprünglichen Plan abgerückt, alle zwei Jahre einen anderen Künstler ein Sujet gestalten zu lassen. Dass nun das Einkaufscenter Amriville als Sponsor auftritt, freut die Kulturkommission, die mit der Neugestaltung dem eigentlichen Gedanken, eine Plattform für Kultur zu schaffen, nachkommen kann.

Hinweis
Die Vernissage zur Neubespielung des Kreiselstiers ist am kommenden Dienstag, 25. Juni, 19.30 Uhr, beim Kreisel Alleestrasse. Die Künstlerin Regula Stüdli wird die Gestaltung erklären. Zur Vernissage eingeladen ist die ganze Bevölkerung.