Uttwil
«Wir sollten nicht übermütig werden»: Der Gemeindepräsident dämpft allzu hohe Erwartungen und würdigt zwei gute Seelen

Prognose und Realität liegen 700'000 Franken auseinander. Statt eines Minus von knapp 300'000 Franken resultiert in der Rechnung der politischen Gemeinde ein Plus von rund 400'000 Franken. Gemeindepräsident Richard Stäheli hatte an der Gemeindeversammlung vom Dienstagabend aber nicht nur Grund zur Freude. Er musste Gemeindeschreiberin Aliye Gül und den langjährigen Zivilstandsbeamten Werner Schweizer verabschieden.

Marion Theler
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Gemeindeschreiberin Aliye Gül erhält Blumen zum Abschied.

Gemeindeschreiberin Aliye Gül erhält Blumen zum Abschied.

Bild: Marion Theler

Gemeindepräsident Richard Stäheli bedankte sich bei den 56 Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern, dass sie trotz des schönen Abends an die Gemeindeversammlung gekommen seien. «Wir gehen wie immer davon aus, dass Sie, als oberste Instanz, unsere detaillierte Rechnung genau studiert haben», sagte Stäheli. Weil die Botschaft so ausführlich Auskunft gebe, verzichte man auf eine längere mündliche Besprechung. Es freue ihn, dass statt dem budgetierten Defizit von knapp 300‘000 Franken nun ein satter Gewinn von rund 400‘000 Franken resultiere.

Das deutlich bessere Ergebnis ist einerseits mit Corona zu erklären: Mehrere Anlässe, Versammlungen, Kurse und mehr fanden nicht statt. Andererseits gab es rund 166‘000 Franken Mehreinnahmen bei den Steuern und rund 194‘000 Franken mehr bei den Liegenschaften- und Grundstückgewinnsteuern. Der Ertragsüberschuss von 400‘000 Franken geht in die Vorfinanzierung Mehrzweckgebäude, für das somit knapp 2,9 Millionen Franken angespart sind. Rechnung und Gewinnverwendung wurden einstimmig genehmigt. «Wir sollten nicht übermütig werden», empfahl Stäheli. Es gelte, den Steuerfuss langfristig halten zu können.

In nur zehn Minuten nach Versammlungsbeginn war nicht nur die Rechnung genehmigt, sondern auch noch eine Einbürgerung: Die Familie Jenike wurde in einer offenen Abstimmung einstimmig eingebürgert.

Ein Mann mit vielen Tugenden verlässt Uttwil

Uttwil verliere mit Werner Schweizer ein Unikat, sagte Stäheli, der den langjährigen Zivilstandsbeamten und Leiter des Bestattungswesens zur Verabschiedung nach vorne bat. Schweizer sei nicht immer ein «angenehmer Zeitgenosse» gewesen, aber er habe sehr viele grosse Tugenden; er sei pflichtbewusst, freundlich, genau, zuverlässig und habe immer einen Top-Job gemacht, geradezu perfekt. Uttwil verliere einen Bürger, der nicht ersetzt werden könne.

Werner Schweizer äusserte sein Bedauern über seinen Umzug nach Weinfelden nach 45 Jahren in Uttwil; er begründete diesen mit dem fehlenden Angebot einer Alterswohnung. Er hoffe, dass sich die Gemeinde diesem Thema annehme. Stäheli entgegnete:

Gemeindepräsident Richard Stäheli.

Gemeindepräsident Richard Stäheli.

Bild: Donato Caspari
«Es wäre nicht Werner Schweizer, wenn er nicht noch eine politische Ansage gemacht hätte.»


Und er versprach, dass sich der Gemeinderat darum kümmern werde.

«Sie hat sensationelle Arbeit geleistet»

Der Gemeindepräsident verabschiedete zum Schluss Gemeindeschreiberin Aliye Gül, die er bereits speziell begrüsst hatte, weil ihr letzter Arbeitstag am Vortag war; sie amte sozusagen freiwillig als Supervisorin. Als er ihre Kündigung erhalten habe, sei er wirklich niedergeschlagen gewesen, erzählte Stäheli; es sei nicht einfach, nach nur zwei Jahren als Gemeindepräsident die wichtigste Person zu verlieren. Gül arbeitet seit 2006 in Uttwil; zuerst als Leiterin des Steueramts, aber bald als Gemeindeschreiberin unter drei verschiedenen Gemeindepräsidenten.

Stäheli lobte sie als «äusserst kompetent, hilfsbereit und engagiert». Mit ihrem Fachwissen und ihrer grossen politischen Erfahrung als Stadträtin und Kantonsrätin habe sie viele Akzente gesetzt. Gül wandert in die Türkei aus. In ihren Dankesworten bemerkte sie:

«Ich habe immer versucht, Vorurteile abzubauen. Manchmal ist es mir gelungen, manchmal nicht.»

Sie erhielt einen sehr langen Applaus.