Urteil
Pflegerin bestiehlt 90-Jährige in Thurgauer Altersheim – sie beteuert, es sei ein einmaliger Ausrutscher gewesen

Das Bezirksgericht Frauenfeld sprach am Mittwoch eine 33-jährige Pflegefachfrau des Diebstahls für schuldig. Sie wurde zu 500 Franken Busse und einer bedingten Geldstrafe verurteilt. Das demente Opfer ist schon öfter beklaut worden.

Ida Sandl
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Eingang ins Frauenfelder Bezirksgericht.

Eingang ins Frauenfelder Bezirksgericht.

Bild: Donato Caspari

Immer wieder fehlte Geld im Portemonnaie der Tante. Im Sommer 2018 wurde die Nichte skeptisch. Von da an wachte sie strenger über die Beträge. Tatsächlich verschwanden innerhalb von wenigen Monaten grössere Summen: vier Hunderterscheine aus einem Kästchen, dann zweihundert Franken aus der Schreibtischschublade, etwa einen Monat später war wieder ein Hunderter weg.

Die Tante ist 90 Jahre alt, krank und dement, sie lebt in einem Altersheim im Thurgau. Sie zu bestehlen ist ein Leichtes. Die Nichte informierte die Heimleitung über ihren Verdacht. Daraufhin wurden drei Hunderterscheine im Portemonnaie der Tante von der Polizei chemisch präpariert. Die Diebesfalle schnappte zu: Eine 33-jährige Pflegefachfrau wurde auf frischer Tat ertappt.

Der Staatsanwalt ist überzeugt, dass die Beschuldigte
alle vier Diebstähle verübt hat

Die Frau, die am Mittwoch vor dem Bezirksgericht Frauenfeld stand, ist sorgfältig geschminkt, zierlich, mit langem Haar. Eine gebürtige Nordmazedonierin, die seit dem Kindergartenalter in der Ostschweiz lebt. Der Staatsanwalt ist überzeugt, dass sie alle vier Diebstähle bei der betagten Frau verübt hat. Er beantragt eine bedingte Geldstrafe und eine Busse von 1500 Franken. Die Beschuldigte gibt nur den Diebstahl zu, bei dem sie erwischt wurde. Mit den anderen Taten will sie nichts zu tun haben.

Es sei ein einmaliger Ausrutscher gewesen, beteuerte sie vor Gericht. Ein Fehler, der nie hätte passieren dürfen.

«Ich weiss nicht, was für ein Teufel da in mich gefahren ist.»

Sie sei ins Zimmer der dementen Frau gekommen und habe gesehen, dass die Schublade einen Spalt offen stand. Darin sei das Portemonnaie gelegen und ein paar Geldscheine hätten herausgeschaut. Die habe sie herausgezogen, es waren drei Hunderterscheine.

Warum sie den Fünfzigerschein, der sich ebenfalls im Portemonnaie befand, nicht genommen habe, wollte Vizegerichtspräsidentin Irene Herzog wissen. Sie habe einfach die Hunderter genommen und nicht überlegt, gab die Beschuldigte zur Antwort.

«Ich habe gar nicht gesehen, wie viel Geld insgesamt im Portemonnaie war.»

Sie schäme sich, dass sie jetzt vor Gericht stehe und es werde sicher nie wieder vorkommen. Nachdem der Diebstahl aufgeflogen ist, wurde die Frau sofort entlassen. Inzwischen arbeitet sie aber wieder als Pflegerin in einer anderen Institution.

Auf den illegalen Zustupf ist die Beschuldigte nicht angewiesen. Sie ist verheiratet, hat Kinder und lebe in guten finanziellen Verhältnissen, wie sie selber sagt. Für den Staatsanwalt ist sie eine gewohnheitsmässige Diebin. Schon als Jugendliche habe ihre Chefin sie beim Klauen erwischt. Ein Berufsverbot will er zwar nicht aussprechen, doch «eine Strafe mit gewisser Warnwirkung» sei angebracht.

Der Verteidiger wirft Staatsanwaltschaft und Polizei schlampige Arbeit vor

Der Verteidiger pochte auf Freispruch. Staatsanwaltschaft und Polizei hätten schlampig gearbeitet. Bei drei der vier angeklagten Straftaten fehlten die Beweise, dass seine Mandantin das Geld genommen habe. Beim Diebstahl, den sie zugibt, handle es sich lediglich um ein geringfügiges Vermögensdelikt. Dafür schreibe das Strafgesetz einen rechtskräftigen Strafantrag vor. Den gebe es aber nicht, der sei im Eifer des Gefechts schlichtweg vergessen worden.

Gericht spricht die Beschuldigte teilweise frei - aus Mangel an Beweisen

Im Zweifel für die Angeklagte, entschied denn auch das Gericht bei den drei Diebstählen, die von der Pflegerin bestritten werden. Es könne nicht zweifelsfrei bewiesen werden, dass sie es gewesen sei. Immerhin seien im kritischen Zeitrahmen 25 bis 30 Personen im Zimmer der betagten Dame ein und aus gegangen. Es sei zwar auffällig, dass gerade die Beschuldigte in die Diebesfalle getappt sei. Andererseits sei im Heim auch Geld verschwunden, bevor und nachdem sie dort angestellt war.

Die Straftat, bei der die Beschuldigte überführt wurde, wertet das Gericht rechtlich als Diebstahl und nicht als geringfügiges Vermögensdelikt. Der Betrag von 300 Franken sei zwar geringfügig, erklärte Richterin Irene Herzog. Doch habe die Beschuldigte das Geld ohne nachzudenken an sich genommen. Man könne davon ausgehen, dass sie auch 400 Franken gestohlen hätte.

Wegen der teilweisen Freisprüche reduzierte das Gericht die vom Staatsanwalt beantragten Sanktionen auf eine bedingte Geldstrafe von 20 Tagessätzen zu je 100 Franken, bei einer Probezeit von zwei Jahren. Dazu kommt eine Busse von 500 Franken. Ausserdem muss die Beschuldigte einen Teil der Untersuchungs- und Gerichtskosten übernehmen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

«Sie haben einer schwerkranken, hilflosen Frau Geld gestohlen, das ist sehr verwerflich», sagte Vizegerichtspräsidentin Herzog bei der Urteilsbegründung. Ob ihr Stehlen zwanghaft sei und sie Hilfe brauche, müsse die Beschuldigte selber entscheiden. So etwas komme hoffentlich nicht wieder vor:

«Seien Sie ihren Kindern ein gutes Vorbild.»