«Unwahrheit ist nicht gleich Lüge»: Alt-Bundesrat Moritz Leuenberger referiert in Kreuzlingen

Der ehemalige Verkehrsminister Moritz Leuenberger sprach zum Saisonstart der Volkshochschule Kreuzlingen über Wahrheit.

Judith Schuck
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Moritz Leuenberger hielt einen Vortrag im Torggel Rosenegg. (Bild: Judith Schuck)

Moritz Leuenberger hielt einen Vortrag im Torggel Rosenegg. (Bild: Judith Schuck)

Die Stühle waren schnell besetzt am Mittwochabend, immerhin kam der bisher einzige Schweizer Cicero-Preisträger – eine Auszeichnung für den besten politischen Redner im deutschsprachigen Raum – in den Torggel Rosenegg.

Der zweimalige Bundespräsident Moritz Leuenberger freute sich, dass Stadtpräsident Thomas Niederberger und Stadtrat Ernst Zülle anwesend waren, fügte jedoch hinzu, dass er hoffe, sie würden nicht zu viel lernen an diesem Abend. «Sie müssen einfach sehr kritisch zuhören.»

In seinem Vortrag «Von guten Lügen und bösen Wahrheiten – eine politische Beichte» sorgte Leuenberger mit Beispielen und Anekdoten aus seiner fünfzehnjährigen Tätigkeit als Bundesrat immer wieder für amüsiertes Lachen.

Ausgeblendet oder verdrängt

In seinem 2007 erschienen Buch «Lüge, List und Leidenschaft – ein Plädoyer für die Politik» sei er noch von der Annahme ausgegangen, es gäbe ein Leben ohne Lügen. «Heute bin ich von meiner damaligen Argumentation nicht mehr überzeugt», gestand er seinen Zuhörern.

Nach seinem Rücktritt als Bundesrat habe er die ganze Maschinerie mit Abstand betrachten können. Doch ganz aufgegeben hat er seine Hoffnung in eine gute Politik nicht: Leuenberger unterscheidet zwischen Lügen und Unwahrheiten. Werde beispielsweise bei einer Geiselbefreiung die Lösegeldzahlung vor der Öffentlichkeit verleugnet, diene dies dazu, Nachahmer zu verhindern. Nicht die Wahrheit zu sagen, könne dem Staate dienlich sein.

«Zu den Verhandlungen über die bilateralen Verträge in Brüssel gab ich vor der Presse an, konstruktive Gespräche geführt zu haben, obwohl wir uns gestritten hatten.»

Dass er hier Unwahrheiten verbreitete, sei ihm erst später bewusst geworden. «Habe ich damals ausgeblendet oder verdrängt?» Die Lüge sehe er als bewusste Veränderung der Wahrheit, während die Unwahrheit sagen meist einen moralischen Hintergrund habe.

Er zitierte den griechischen Philosophen Platon, der schon in der Antike bemerkte: Es gehe darum, eine gute Politik zu machen. Und eine gute Politik sei für etwas gut, nützlich für den Staat. Leuenberger selbst sieht dies nicht ganz so unverkrampft wie der Sokrates-Schüler.

Es gebe zwar eine lange Geschichte der Philosophie, die die Annahme pflege: Wer für den Staat arbeite, dürfe auch lügen. «Ich habe dagegen Einwände.» Denn etwas dem Staat diene, müsse in einer Demokratie nicht nur der Meinung eines Fürsten oder weniger Mächtiger, sondern aller gerecht werden.

Zudem, «wenn Lügen als nützlich für den Staat angesehen werden, müsste man sie ebenso in der Wirtschaft- und im Privatleben dulden.»

Zu viele Lügen für einen Vortrag

Stadtrat Ernst Zülle merkte an: «Ich dachte, Sie bringen noch ein bisschen was zu Donald Trump?». Doch hier musste der Referent passen: «Anfangs zählte ich noch seine Lügen auf, aber das lief aus dem Ruder und sprengte die Rede.» Darüber sei er entsetzt gewesen.

«Ich sehe hier nur eine Möglichkeit: dass es genügend Politiker auf der Welt gibt, die einen anderen Umgang mit der Moral pflegen.»

Eine Programmübersicht der VHS-Saison 2019/20 gibt es auf:
www.vhs-kreuzlingen.ch