Unterwegs mit Froschretterin Marion Gessner in Neuwilen: «Ich finde die Tiere einfach schön!»

In den letzten 25 Jahren hat sie schon tausende Amphibien sicher über die Strasse getragen. Für die Tierschützerin ist das eine entspannende Arbeit.

Martina Eggenberger Lenz
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Ein männlicher Frosch klammert sich an eine weibliche Kröte.

Ein männlicher Frosch klammert sich an eine weibliche Kröte.

(Bild: Martina Eggenberger)

Seit einem Monat steht sie wieder parat, jeden Abend um halb acht. Ausgerüstet mit Leuchtweste, Taschenlampe und ein paar Kübeln wartet Marion Gessner auf weitere Helfer. Zwei Neue sollen für den Einsatz auf dem Strassenabschnitt zwischen Schwaderloh und Ellighausen vorbereitet werden. Das Paar hat Vorkenntnisse von Hilfsaktionen in anderen Gebieten, die Koordinatorin des Tierschutzvereins Kreuzlingen muss daher nicht bei Null anfangen mit Erklären.

Vom bewaldeten Tobel westlich der Strasse kommen sie her, die Amphibien. Ihr Ziel ist der Fischweiher östlich des Asphalts, ein beliebter Laichplatz. Doch die wenigen Meter Beton auf ihrem Wanderweg bedeuten für die Frösche und Kröten Lebensgefahr. Marion Gessner hat dem Massaker ein Ende bereitet.

Jeder Frosch wird bestimmt und gezählt

Die gelernte Arztgehilfin engagiert sich schon seit 25 Jahren für den Tierschutz. Die Stelle, die sie jetzt täglich kontrolliert, befindet sich unweit ihres Hauses. Warum liegen ihr die Amphibien so am Herzen? «Weil es einfach schöne Tiere sind», sagt sie.

Fast liebevoll streicht sie mit einem Finger der Kröte, die auf ihrer Hand sitzt, über den Rücken. «Schaut euch ihre goldenen Augen an!» Das Weibchen ist, wie viele Artgenossen, in einem der eingebuddelten Eimer gelandet, die sich entlang des grünen Hags aufreihen. Ein paar Tiere sind aber auch noch auf der Wiese unterwegs. Die Helfer machen sie mit den Lichtkegeln ihrer Lampen ausfindig.

Jedes gefundene Tier wird gezählt, begutachtet, nach seiner Art bestimmt, im Zweifelsfall auch fotografiert, um es einem Experten zur Beurteilung vorzulegen. Erst auf den zweiten Blick wird dem Laien die Einzigartigkeit eines jeden Tiers klar. Die unterschiedlichen Färbungen und Muster faszinieren. Einige Exemplare verharren ruhig und scheinen ihr Schicksal abzuwarten, andere zappeln wild umher und versuchen, sich aus der temporären Gefangenschaft zu befreien.

Ab sieben Grad wandern die Tiere los

An diesem Abend ist nicht besonders viel los an der Amphibienfront. Es ist etwas zu kalt für die grosse Wanderlust. Und zu trocken. An Spitzenabenden hat Marion Gessner allerdings viel Kundschaft.

«Das gibt dann auch mal mehrere hundert Frösche und Kröten an einem Tag.»

So ist es kein Wunder, dass der Tierschutzverein immer auf genügend Helfer angewiesen ist, die an einer der sieben Sammelstellen in der Region Kreuzlingen eingesetzt werden können. Noch hat die Saison erst begonnen. Wie sie sich entwickelt, ist offen.

Die Kröte verharrt auf Marion Gessners Hand.

Die Kröte verharrt auf Marion Gessners Hand.

(Bild: Martina Eggenberger)

«Die letzten zwei Jahre habe ich leider einen starken Rückgang beobachtet. Früher hatte ich bis zu 4500 Frösche und Kröten pro Jahr, zuletzt waren es knapp 1000 Tiere», erklärt Marion Gessner. Eine Begründung hat sie nicht parat.

Was die Froschretterin freut, ist, dass der Anteil der Kröten zunimmt und dass möglicherweise der Springfrosch in der Region aufgetaucht ist. Die Tierschützerin steht nun am Ufer des kleinen Weihers. Vorsichtig kippt sie einen Kübel. Ein Frosch nach dem anderen hüpft erst ins Gras, dann weiter ins nahe Wasser. Der Anblick ist der Dank für den geleisteten Einsatz.

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