Etwa 250 bis 300 Aramäer leben in Amriswil: «Unsere Heimat existiert nicht mehr»

Die Wurzeln des Amriswilers Manuel Oers sind aramäisch. Seit 1976 existiert in Amriswil eine Gruppe der Suryoye, wie sie sich nennen.

Yvonne Aldrovandi-Schläpfer
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Manuel Oers erzählte im Ortsmuseum von seinen Wurzeln.

Manuel Oers erzählte im Ortsmuseum von seinen Wurzeln.

(Bild: Yvonne Aldrovandi-Schläpfer)

«Ich fühle mich geehrt, dass ich unser Volk hier repräsentieren darf. Wir haben eine ausgeprägte, umfangreiche und komplizierte Vergangenheit», sagte Manuel Oers in seiner Begrüssung. Manuel Oers war Gasterzähler am Sonntagnachmittag im Ortsmuseum Amriswil. Er gehört der Gruppe Suryoye an, die seit 1976 in Amriswil sesshaft ist. Manuel Oers ist in Amriswil aufgewachsen und als IT-Dienstleister tätig.

Suryoye sind Christen und hierzulande als Aramäer oder Assyrer bekannt. Suryoye ist die Eigenbezeichnung ihres Volkes. Sie sprechen die aramäische Sprache, eine der ältesten Sprachen der Welt. Ihr Ursprung liegt im Land Mesopotamien, dem sogenannten Zweistromland, welches heute nicht mehr existiert. Die Staaten Türkei, Syrien, Irak und Iran teilen sich heute dieses grosse Gebiet.

Gottesdienste vorwiegend in katholischen Kirchen

In diesen Ländern war der Islam die Staatsreligion. Die Suryoye leben heute in der Diaspora, überwiegend in Europa, den USA und Australien. Der Begriff Diaspora bezeichnet religiöse und ethnische Gruppen, die zwangsweise ihre traditionelle Heimat verlassen haben. In der Schweiz leben rund 10'000 Suryoye – etwa 250 bis 300 Personen in Amriswil. «Meine Vorfahren hatten ihren Wohnsitz in Tur Abdin im Südosten der heutigen Türkei», sagte der Gasterzähler. Die meisten Suryoye, die heute hierzulande leben, kämen aus dieser Gegend. Manuel Oers erzählte: 

«In der Schweiz haben wir keine eigenen kirchlichen Gebäude. Unsere Gottesdienste werden vorwiegend in katholischen Kirchen gehalten.»

Die Syrisch-Orthodoxe Kirche von Antiochien konnte das Kloster St.Avgin in Arth im Kanton Schwyz im Jahre 1996 von den damaligen Kapuzinern übernehmen. Die Syrisch-Orthodoxe Kirche führt es seither unter dem Namen Kloster Mor Avgin als klösterlichen Betrieb weiter.

Schrift wird von rechts nach links geschrieben

Das Kloster ist aber auch das geistige und kulturelle Zentrum der Syrisch-Orthodoxen Kirche in der Schweiz und in Österreich. Hier werden in Aramäisch, der Sprache Jesu, Gottesdienste gefeiert. Aramäisch galt als Handelssprache etwa 1000 vor bis 1000 nach Christus. Die aramäische Schrift wird von rechts nach links geschrieben. Das Alphabet besteht aus 22 Buchstaben und fünf Vokalen. Es gibt aus den Anfängen bis heute 16 Dialekte in der aramäischen Sprache.

Gasterzähler Oers zeigte unter anderem auch zwei Bilder von den Syrisch-Orthodoxen Klöstern Mor Gabriel und Mor Avgin in der Südosttürkei. «Im Kloster Mor Avgin wurden mein Vater und mein Onkel, die heute ebenfalls unter den Besuchern im Ortsmuseum anwesend sind, getauft», führte Manuel Oers aus. Das Kloster liege in der kargen Berglandschaft des Tur Abdin versteckt, damit das kirchliche Gebäude nicht zerstört werden konnte. Manuel Oers sage: 

«Ich bin glücklich, dass ich als Kind die aramäische Sprache in Amriswil sprechen und schreiben lernen konnte.»

Die Amriswiler Syrisch-Orthodoxen haben sich 1991 zu einem Verein zusammengeschlossen, dem heutigen «Suryoye Kulturverein». Dank diesem könnten die Kinder den aramäischen Sprach- und Religionsunterricht besuchen, sagt Manuel Oers.

«Unsere Heimat existiert nicht mehr. Dies ist ein wesentlicher Grund, weshalb wir einen so starken Zusammenhalt in der Diaspora haben», sagte Oers zum Abschluss seines Referates.