«Uns unterstützt man nicht, wir sind nicht relevant»: Der Amriswiler Kleinzirkus Rodolfo kämpft ums Überleben – einmal mehr

Der Kleinzirkus Rodolfo aus Amriswil muss womöglich schon bald schliessen. Die Coronapandemie ist nicht der einzige Grund, weshalb sich die Besitzern Rosmarie und Rudolf Langjahr Sorgen machen.

Sheila Eggmann
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Die Schausteller haben auch Grund zur Freude: Rudolf Langjahr zeigt das neu erlangte STS-Pferdelabel.

Die Schausteller haben auch Grund zur Freude: Rudolf Langjahr zeigt das neu erlangte STS-Pferdelabel.

Bild: Donato Caspari

Trüffel ist ein schlaues Schwein. Ständig sucht er sich neue Schlupflöcher in seinem weitläufigen Gehege. Er bricht aus, um an die Äpfel zu gelangen, die auf der nahe liegenden Weide mittlerweile so reif sind, dass sie auf den Boden fallen.

Trüffel lebt auf dem Hof des Kleinzirkus Rodolfo in Amriswil. Die Zeitung ist zu Besuch, weil die Besitzer, Rosmarie und Rudolf Langjahr, kürzlich einen Preis vom Schweizerischen Tierschutz erhalten haben: das STS-Pferdelabel für eine besonders vorbildliche Haltung ihrer Ponys und Esel. «Darüber freuen wir uns sehr. Das bestätigt, dass wir etwas richtig machen», sagt Rudolf Langjahr. Doch die erfreuliche Nachricht rückt rasch in den Hintergrund. Denn «Rodolfo» kämpft um seine Existenz – einmal mehr.

«Wir sind immer irgendwie durchgekommen»

Seit 34 Jahren sind Langjahrs mit ihren Tieren als Schausteller unterwegs. Die beiden bieten etwa Ponyreiten, Säulirennen und Streichelzoos an. Dafür reisen sie auch an Messen und Jahrmärkte. Damit Geld zu verdienen, ist schwer. Rudolf Langjahr sagt:

«Unsere Einnahmen kamen schon immer in Wellenbewegungen. Wenn es an einem Markt nur regnet, dann lohnt sich die Arbeit kaum. Aber wir sind immer irgendwie durchgekommen.»

Dieser Frühling hätte eigentlich ein besonders guter sein können. «Wir waren fast ausgebucht». Doch dann kam der Lockdown. Alle Termine wurden abgesagt.

Stattdessen haben sich Langjahrs etwas Neues überlegt: Nun können Kinder auf ihrem Hof die Ponys striegeln, mit ihnen durch den Wald reiten und im Gehege der zutraulichen Kleintiere (Schweine und Ziegen) Schlangenbrot braten. Doch dieses Angebot kann die Ausfälle der abgesagten Märkte nicht kompensieren, die Einnahmen sind nur ein Tropfen auf den heissen Stein.

Bei «Rodolfo» dürfen Kinder mit den Ponys ausreiten.

Bei «Rodolfo» dürfen Kinder mit den Ponys ausreiten.

Bild: Donato Caspari

Die Auswirkungen von Corona wären schon schlimm genug. Doch es gibt noch ein weiteres Problem. Wer Tiere an Veranstaltungen mitnimmt und damit Geld verdient, muss beim Veterinäramt eine Bewilligung dafür einholen. Wie jedes Jahr haben Langjahrs diese im Februar beantragt.

In diesem Jahr haben sie statt der Bewilligung einen Brief erhalten mit der Aufforderung, 12000 Franken zu hinterlegen. Dies für den Fall, dass das Amt die Tiere bei vernachlässigter Haltung beschlagnahmen müsste. Die Schausteller haben das Geld hinterlegt, doch die Bewilligung lässt bis heute auf sich warten.

Veterinäramt braucht Zeit für Abklärungen

Das Veterinäramt schreibt auf Anfrage, dass Abklärungen eine Verzögerung mit sich bringen würden. Man sei jedoch darum besorgt, die Bewilligung zu erteilen, bevor die bewilligungspflichtige Tätigkeit aufgenommen werden soll. «Im Fall ‹Rodolfo› wurde von der Gesuchstellerschaft mitgeteilt, dass alle Veranstaltungen bis Ende August abgesagt worden seien und die Tätigkeit demnach erst ab September aufgenommen werden soll.» Und: Wer noch eine gültige Bewilligung habe, werde erst bei deren Erneuerung um das Depot gebeten.

Langjahrs finden diese Regelung unverständlich: «Eigentlich müssten bei einer Gesetzesänderung doch alle, also auch die laufenden Bewilligungen, neu aufgesetzt werden.» Es gehe ihnen um die Gleichbehandlung. Sie hätten sich bei Freunden erkundigt, die ebenfalls Ponyreiten anbieten würden. Keiner scheine das gleiche Problem zu haben. Rudolf Langjahr sagt:

«Man kann nicht einfach eine Gruppe herauspicken und diese bezahlen lassen.»

Das Ehepaar geht zum Gehege der Esel und Ponys. Die Tiere nähern sich sofort und holen sich Streicheleinheiten. «Sie vermissen die Kinder, deshalb sind sie zurzeit besonders anhänglich», sagt Rosmarie Langjahr. Die Tiere sind ihr und ihrem Mann ans Herz gewachsen. Deshalb wollen beide weitermachen. «Aber wenn es im Herbst nicht besser wird...», beginnt der 65-Jährige einen Satz, bricht ab und schüttelt den Kopf.

Sie wollen keinen Covid-Kredit

«Mir gibt das schon zu denken», sagt seine Frau. «Sicher würden wir einen Covid-Kredit erhalten. Aber den könnten wir doch gar nicht mehr zurückbezahlen.» Ihr Betrieb sei jetzt schuldenfrei, und das soll er auch bleiben. Mit einer anderen Unterstützung vom Staat rechnen sie nicht.

«Uns unterstützt man nicht, wir sind nicht relevant.»

Falls also im Herbst die Schliessung droht, müssten die älteren Tiere wohl eingeschläfert werden. «Wir können ein 25-jähriges Pony nicht einfach umplatzieren. Die gehen uns ein, wenn wir sie aus der Herde nehmen.» Doch das würde ihnen das Herz brechen.

Deshalb kämpfen sie weiter. Und hoffen darauf, dass sich ihnen irgendwo, wie bei Trüffel, ein Schlupfloch auftut.

Hinweis: Bei «Rodolfo» kann man eine Patenschaft für die Tiere übernehmen.

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