Glosse

Trau nicht deinem Velolicht - oder wie ich Blätter vor dem sicheren Tod retten wollte

Räbeblatt: Im Herbst wenn es früh dunkel wird und nur das fahle Licht des Velos Helligkeit auf die Strasse bringt, scheint so manches gruslig und täuschend echt zu sein. Etwa tote Tiere, die keine sind.

Sabrina Bächi
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Am Tag einfach Blätter - in der Nacht und bei Nebel nehmen sie jedoch eine zuweilen sonderbare Gestalt an.

Am Tag einfach Blätter - in der Nacht und bei Nebel nehmen sie jedoch eine zuweilen sonderbare Gestalt an.

Bild: PD

Des Nachts, wenn ich durch die einsamen und dunklen Strassen kurve, gibt es nur mich und das Velolicht. Was romantisch klingt, kann zuweilen ganz schön Furcht einflössend sein.

Denn manchmal, da sehe ich in weiter Ferne, nur halb im fahlen Lichtkegel, ein totes Tier. Mitten auf der Strasse. Es liegt gekrümmt am Boden. Reglos.

Sabrina Bächi, Leiterin Ressort Weinfelden.

Sabrina Bächi, Leiterin Ressort Weinfelden.

Bild: Andrea Stalder

Mein Gott – was soll ich jetzt nur tun? Was wenn es ein Büsi ist? Oder nein, es ist kleiner. Eine Maus vielleicht? Zu klein! Ein Marder? Ein Igel?

Nebel und Schatten überall, ich sehe nicht klar, aber weiss genau: Da ist etwas! Auf der Strasse liegen lassen und das nächste Auto fährt darüber? Nein, lieber nicht. Was, wenn dieses Tier noch gar nicht richtig tot ist? Doch durch das nächste Auto plattfahren lassen? Es wäre ein Gnadenakt der schrecklichsten Art.

Ich bremse ab, kneife die Augen zusammen. Versuche es zu erkennen. Stelle mich auf das Schlimmste ein. Und dann: Es sind Blätter. Ein Ästchen mit Blättern dran. Es hat mich getäuscht. Nur Blätter. Ich fahre weiter. Für Blätter reicht meine Empathie dann doch nicht sehr weit.

Und die Moral von der Geschichte? Was von weitem schrecklich ist, muss es bei genauerem Hinsehen gar nicht sein.

Oder: Traue nie nur deinem Velolicht. Es lügt.