Interview

Trainer Stephan Mair: «Connor Jones wird nicht mehr zum HC Thurgau zurückkehren»

Stephan Mair, Headcoach des HC Thurgau, erklärt die Tücken der Spielersuche zu Coronazeiten, sagt, weshalb Kellen Jones auch nächste Saison eine Option ist und warnt vor voreiligem Aktionismus im Schweizer Eishockey.

Matthias Hafen
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Stephan Mair glaubt, mit dem HCT im August in einen einigermassen normalen Trainingsbetrieb übergehen zu können.

Stephan Mair glaubt, mit dem HCT im August in einen einigermassen normalen Trainingsbetrieb übergehen zu können.

Bild: Donato Caspari (Weinfelden, 4. September 2019)

Praktisch im letzten Moment überschritt Stephan Mair die Grenze. Wenig später hätte der italienische Headcoach des HC Thurgau wegen der Coronapandemie nicht mehr problemlos in seine Heimat zurückreisen können. Nun bereitet er sich aus der Ferne auf die Eishockeysaison 2020/21 vor.

Stephan Mair, Sie reisten zu einer Zeit nach Italien, in der viele das Land verlassen wollten. Wie lebt es sich zur Zeit in Südtirol?

Stephan Mair: Danke, ganz gut. Die Situation hat sich mittlerweile eingependelt. Zwar ist es noch immer nicht erlaubt, ins nächste Dorf zu reisen. Und es besteht Maskenpflicht, sobald wir das Haus verlassen. Aber im Dorf können wir problemlos zirkulieren und für den täglichen Gebrauch ist eigentlich alles zu Genüge vorhanden.

Was fehlt Ihnen trotzdem?

Es liegt in der Natur der italienischen Seele, dass die geschlossenen Restaurants und Cafés am meisten schmerzen. Dort, wo normalerweise so viel Leben herrscht.

Glauben Sie, dass der HC Thurgau die Zeit schadlos überstehen wird?

Im Nachhinein war es vielleicht ein Glück, dass wir im Playoff-Viertelfinal gegen Visp ausgeschieden sind. So hatten wir kaum Verluste aus der frühzeitig beendeten Saison und müssen uns nicht mit der Problematik von allfälligen Ticket-Rückforderungen herumschlagen. Vieles wird davon abhängen, wie lange die aktuelle Situation andauern wird. Wir müssen alle den Gürtel enger schnellen in Zukunft. Aber beim HC Thurgau sind wir gut gerüstet.

Weshalb?

Der HCT ist ein Eishockeyclub, bei dem das Geld schon vor der Krise mit Bedacht ausgegeben wurde. Wir haben keine überteuerten Strukturen. Und so wie wir kadermässig aufgestellt sind, könnten wir die Kosten mit jungen und eigenen Spielern noch tiefer halten.

In der National League wird diskutiert, künftig mehr Ausländer spielen zu lassen, in der Hoffnung, dass dadurch die Spielerlöhne sinken. Was halten Sie davon?

Ich finde es gewagt, jetzt von einer Aufstockung der ausländischen Spieler zu sprechen. In einer Zeit, in der uns im täglichen Leben gerade bewusst wird, wie wichtig es ist, regional verankert zu handeln. Aber auch aus sportlicher Sicht bin ich absolut dagegen, die Anzahl Ausländer im Schweizer Eishockey zu erhöhen. Ich finde, die Ausländer sollen den Unterschied ausmachen. Auf der anderen Seite müsste man alles daran setzen, dass die jungen Schweizer Spieler National-League-Niveau erreichen. Dafür muss man gezielter mit den jungen Spielern arbeiten, es braucht aber auch mehr Engagement von Seiten der jungen Spieler, es wirklich zu wollen.

Und die sinkenden Lohnkosten?

Vielleicht würde man es mit mehr Ausländern schaffen, die Löhne der Schweizer Spieler der dritten und vierten Linien etwas zu drücken. Das ist aber ein zweischneidiges Schwert. Wo bleibt dann der Platz für das junge Talent? Im Grunde genommen kassieren die Ausländer in der Schweiz für ihre Leistung ab und gehen wieder. Wenn man aber junge Schweizer Spieler einsetzt, ist das für den Club eine Investition. Kommt dazu: Die Schweizer Topcracks werden durch mehr ausländische Spieler nicht weniger verdienen.

Was halten Sie davon, zwischen National League und Swiss League zukünftig einen direkten Auf- und Abstieg einzuführen?

Auf Grund der aktuellen Situation müssen wir offen sein für kreative Wege. Und wenn die Vorgaben für einen Aufstieg in die National League bleiben, was die Infrastruktur oder das Budget betrifft, wieso nicht? Andererseits würde ich mich jetzt mit Aktionismus zurückhalten, was Ligareformen angeht. Zum Beispiel steigt Biasca aus dem Konstrukt Ticino Rockets aus. Wer weiss, wozu das im Hinblick auf die nächste Saison noch führt?

Gibt es in der Schweiz überhaupt eine Eishockeysaison 2020/21?

Ich glaube nicht, dass wir im kommenden Winter gar nicht spielen werden. Es könnte aber gut sein, dass die Saison später als geplant beginnt. Ich gehe derzeit davon aus, dass die Vorbereitungsspiele unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden werden.

Welche Form der Anpassung wäre für Sie zu viel des Guten?

Eine ganze Meisterschaft ohne Zuschauer wäre sehr mühselig.

Wie schwierig ist es eigentlich, in der aktuellen Phase die Mannschaft für den kommenden Winter zusammenzustellen?

Wir merken schon, dass durch die Coronakrise immer mehr Clubs im gleichen Teich fischen wie wir, weil sie weniger Geld ausgeben wollen. Kostengünstige, talentierte Spieler sind gefragter denn je. Gerade auch, was die Ausländer angeht.

Connor Jones (links) wird seine Karriere in Nordamerika weiterverfolgen. Die Zukunft seines Zwillingsbruders Kellen (rechts) ist noch offen, eine weitere Saison beim HC Thurgau nicht ausgeschlossen.

Connor Jones (links) wird seine Karriere in Nordamerika weiterverfolgen. Die Zukunft seines Zwillingsbruders Kellen (rechts) ist noch offen, eine weitere Saison beim HC Thurgau nicht ausgeschlossen.

Reto Martin (Weinfelden, 8. August 2019)

Wie gross sind die Chancen, dass die kanadischen Zwillinge Connor und Kellen Jones auch nächste Saison das Ausländerduo des HC Thurgau bilden?

Connor Jones wird nicht mehr zum HCT zurückkehren. Er bleibt aus persönlichen Gründen in Nordamerika. Bei Kellen Jones ist noch alles offen.

Können Sie sich eine Zukunft mit Kellen Jones vorstellen?

Ende Saison waren viele mit der Punktausbeute der zwei Kanadier unzufrieden. Aber ich hatte noch nie zwei so mannschaftsdienliche Ausländer im Team. In den wesentlichen Werten wie Penaltykilling, geblockte Schüsse, gewonnene Zweikämpfe oder erspielte Torchancen waren sie den anderen Spielern meilenweit voraus.

Aber es mangelte an den Toren.

Deshalb legen wir den Fokus darauf, zumindest einen ausländischen Skorer zu verpflichten. Mit Niki Altorfer (zu Ligakonkurrent Kloten, Red.) verlieren wir auch einen unserer besten Schweizer Skorer. Seine Punkte zu ersetzen, wird schwer sein.

Es fällt auf, dass der HC Thurgau noch keine Verpflichtung eines Spielers bekannt gegeben hat, der nicht schon vergangene Saison für Ihr Team gespielt hat.

Gerade in der Besetzung des Angriffs sind uns derzeit etwas die Hände gebunden, weil bei unserem NLA-Partnerteam Rapperswil-Jona zur Zeit keine Transfers getätigt werden. Vor Ausbruch der Coronakrise standen wir kurz vor einem Abkommen, das festgelegt hätte, mit welchen Spielern oder welcher Qualität von Spielern wir von ihnen hätten rechnen können.

Diese Spieler hat der HC Thurgau unter Vertrag

Torhüter
Nicola Aeberhard (Vertrag bis 20/21)
Janick Schwendener (20/21)

Verteidiger
Bernhard Fechtig (21/22)
Patrick Parati (20/21)
Joel Scheidegger (20/21)
Florian Schmuckli (neu, 21/22)
Claude Schnetzer (20/21)
David Wildhaber (20/21)

Stürmer
Cyrill Bischofberger (neu/20/21)
Patrick Brändli (20/21)
Dominic Hobi (20/21)
Fabio Hollenstein (neu, 20/21)
Janik Loosli (20/21)
Melvin Merola (20/21)
Joel Moser (20/21)
Mica Moosmann (22/23)
Adam Rundqvist (20/21)
Patrick Spannring (21/22)

Abgänge
Franco Collenberg (Rücktritt), Nico Engeler (Winterthur), Simon Seiler (Kloten), Niki Altorfer (Kloten), Lars Frei (Ajoie), Connor Jones (Nordamerika), Lars Kellenberger (Basel/MSL), Joel Steinauer (Dübendorf/MSL), Gianluca Zanzi (Dübendorf/MSL)

Sind vom HC Thurgau gar keine Neuzuzüge mehr zu erwarten?

Das Grundgerüst schaut bereits gut aus. Wir haben das Glück, dass uns Topskorer Melvin Merola dank weiterlaufendem Vertrag erhalten bleibt. Damit haben wir schon eine wichtige Konstante. Viel müssen wir am Kader ohnehin nicht ändern. Aber durch die Abgänge der Verteidiger Franco Collenberg, Simon Seiler und Joel Steinauer fehlen uns noch zwei Verteidiger. Und auch im Sturm werden wir uns punktuell verstärken. Es laufen Gespräche mit interessanten Spielern.

Wie trainiert Ihr Team derzeit?

Diese Woche wollten wir eigentlich mit dem gemeinsamen Sommertraining loslegen, das Fitnesscoach Lars Habermacher geleitet hätte. Nun warten wir aber die konkreten Exit-Pläne des Bundesrats für den Sport ab. Derzeit trainieren alle Spieler nach individuell für sie angefertigten Plänen. In unseren Räumlichkeiten dürfen sich nie mehr als vier Spieler miteinander fit halten. Ich gehe davon aus, dass wir mit dem Eistraining ab August wieder in einen einigermassen normalen Trainingsbetrieb übergehen können.