Tierarzt eröffnete ein Restaurant

Die Gastronomie verlässt die «Rössli»-Überbauung in Sulgen. Eine über hundertjährige Geschichte geht zu Ende.

Monika Wick
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Das «Rössli» musste 1994 einer Überbauung weichen.

Das «Rössli» musste 1994 einer Überbauung weichen.

(Bild: PD)

Vor 25 Jahren zog Edgar Ehrbar mit seiner Bäckerei aus dem Oberdorf in die neue «Rössli»- Überbauung. Seither betrieb er an diesem Standort an der Bahnhofstrasse neben der Bäckerei ein Verkaufslokal samt Café. Doch damit ist seit kurzer Zeit Schluss. Um die Produktionsstätte vergrössern zu können, entschloss sich Edgar Ehrbar schweren Herzens dazu, den Laden und das Café zu schliessen. Sein Entschluss bedeutet auch, dass eine 110-jährige Tradition zu Ende geht.

«Einige Sulger mögen sich sicher noch gut an das Restaurant Rössli erinnern, das vor 25 Jahren der ‹Rössli›-Überbauung weichen musste», sagt Dorfchronist Erich Hungerbühler. In einer Abhandlung lässt er die Geschichte rund ums «Rössli» aufleben. Erbaut wurde das Wohnhaus mit Scheune im Jahr 1898 durch die Baufirma von Jakob Schenk.

Den Auftrag erteilte der damalige Tierarzt Ferdinand Keller. «Die Tierarztklinik war eines der ersten Häuser an der 1878 erbauten Westumfahrung (heutige Bahnhofstrasse) von Sulgen», berichtet Erich Hungerbühler. Neben seiner Tätigkeit als Tierarzt war Ferdinand Keller damit beauftragt, die neue technische Errungenschaft, das Telefon, einzuführen. Dadurch wurde nach der Fertigstellung der Liegenschaft einer der ersten Telefonapparate Sulgens installiert. Rund zehn Jahre später wichen dann auch die Petrollampen den elektrischen Glühbirnen.

Das «Rössli» wird 1910 zur Wirtschaft

1910 registrierte Ferdinand Keller einen Wirtschaftsbetrieb mit Gartenwirtschaft. «Das Restaurant Rössli und vor allem die schöne Gartenwirtschaft waren damals recht begehrt unter den Gästen», berichtet Erich Hungerbühler. Die Gartenwirtschaft zierte ein runder, hellblauer Zierbrunnen, der mit einer eigenen Wasserquelle vom Postberg gespiesen wurde.

Im Jahre 1926 übernahm der 1891 in Mogelsberg geborene Hans Züblin die Praxis mit der dazugehörigen Wirtschaft von Tierarzt Keller. Aufgrund seines guten Ansehens wurde ihm bald auch das Amt des Bezirkstierarztes anvertraut. Zudem gehörte Hans Züblin während 26 Jahren der Ortskommission Sulgen an, die letzten sechs Jahre sogar als Vizevorsteher. Seine Frau, mit der er rund fünfzig Jahre verheiratet war, kümmerte sich liebevoll um den Wirtschaftsbetrieb, die zwei Söhne und die Tochter. Nach der Generalmobilmachung der Armee am 2.September 1939 waren auch Truppen in Sulgen stationiert. «Das ‹Rössli› war unter den Soldaten begehrt. Auch wegen des Telefons, mit dem die Armeeangehörigen mit ihren Liebsten in Verbindung treten konnten, herrschte reger Betrieb», sagt Erich Hungerbühler.

In den Fünfzigerjahren fuhren auch die LKW-Chauffeure nicht am «Rössli» vorbei. Vor allem Lastwagenfahrer und Beifahrer der damaligen Teigwarenfabrik in Kradolf machten morgens um halb sechs beim «Rössli» Halt und tranken den ersten «Römer», bevor sie nach Zürich weiterfuhren. Ende der Sechzigerjahre nutzten die Zimmerschützen das «Rössli» als neues Vereinslokal, nachdem sie im Restaurant Freihof die alte Kegelbahn, in der sie auch Vereinsschiessen durchführten, aufgeben mussten.

Rege Bautätigkeit in den letzten 50 Jahren

An der Bahnhofstrasse, die bis 1966 als Hauptstrasse in Richtung Bischofszell diente, herrschte in den letzten fünfzig Jahren rege Bautätigkeit. 1965 wurde der überteuerte Neubau der Druckerei Bircher erstellt. Später folgten die Geschäftshäuser der Raiffeisen- und der Thurgauer Kantonalbank, der Neubau des Sulgerhofs und die Geschäftsräume von Elektro Walter. (mwg)

Nachdem Tierarzt Züblin und seine Frau altershalber ins Seniorenheim nach Kreuzlingen zogen, herrschte im «Rössli» ein stetiger Wirtewechsel. «Mir bekannte Wirtsleute waren der Bündner Christoffel oder Billeter, mit dessen Tochter Yolanda ich noch die erste Schulklasse im Oberdorf besuchte», erinnert sich Ernst Hungerbühler.

Später folgten das Wirtepaar Felix, das im Anschluss die «Linde» in Wigoltingen übernahm, Gänsezüchter Fuchs und am Schluss Trudi Soler mit ihrem Hund sowie Taglöhner und Kellermeister Röbi Sutter. Zuvor wirtete Trudi Soler im «Hirschen» in Sulgen. Das legendäre Restaurant Rössli wurde schliesslich im April 1994 abgebrochen und musste der Überbauung weichen, die ebenfalls den Namen ‹Rössli› trägt.