Thurgauer muss in ganz Europa Velos einsammeln, um seine Schulden zu bezahlen

Der Märstetter Firat Kutal betreibt eigentlich ein Umzugsunternehmen. Doch derzeit reist er durch ganz Europa, um Velos zu verkaufen. Damit muss er Schulden bezahlen, die ein anderes Unternehmen anhäufte.

Sabrina Bächi
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Die gelben O-Bikes standen in vielen Schweizer Städten. Der Märstetter Firat Kutal muss sie nun einsammeln, um seine Schulden zu bezahlen. (Bild: Benjamin Manser)

Die gelben O-Bikes standen in vielen Schweizer Städten. Der Märstetter Firat Kutal muss sie nun einsammeln, um seine Schulden zu bezahlen. (Bild: Benjamin Manser)

Hamburg, Strassburg – dann wieder Hamburg. Firat Kutal jettet derzeit durch halb Europa. Das aber nicht zum Spass, sondern um seine eigene Haut zu retten. Er ist Unternehmer. Geschäftsführer der Zügelfirma Umzug 24 mit Sitz in Märstetten. Ihn dort anzutreffen oder überhaupt einen Termin mit ihm zu vereinbaren, ist im Moment jedoch ein Ding der Unmöglichkeit. Zu sehr lasten die Schulden auf ihm, die er verzweifelt zu begleichen versucht. Dabei trifft ihn gar keine Schuld, dass er nun Gläubiger in ganz Europa hat.

Steiler Aufstieg und tiefer Fall

Kutals Schuldenfalle steht in Zusammenhang mit der chinesischen Firma Shi Yi. 2016 gründete diese in Singapur die Firma O-Bike. Das Ziel: Die Welt mit gelben Ein-Gang-Velos fluten. Die Idee dahinter ist simpel. Per App können Benutzer die Velos aufschliessen und damit überall hinfahren und sie auch überall stehen lassen. Denn die O-Bikes haben einen GPS-Tracker, weshalb jeder App-Besitzer das nächste O-Bike orten kann. Doch statt auf Begeisterung, ist die Idee in der Praxis vor allem auf Ablehnung gestossen. Die Velos sind absichtlich zerstört und fast nicht benutzt worden.

Knapp ein Jahr nach dem sagenhaften Aufstieg musste das chinesische Unternehmen diesen Sommer Insolvenz anmelden. Im Thurgau gab es die gelben Velos nicht. In Winterthur, St. Gallen oder Zürich jedoch schon. Doch was hat eine Thurgauer Umzugsfirma mit gelben Velos aus China zu tun? Firat Kutal hat sich den grossen Deal erhofft, in dem er für O-Bike die kaputten Velos reparierte. «Ich habe über ein Jahr als lokaler Partner für O-Bike gearbeitet», sagt er. Angestellt war er, um kleinere Reparaturen zu erledigen oder den Transport der Velos in andere Lagerhallen zu gewährleisten.

Als die Firma pleite ging, zahlte sie die Aufträge Kutals nicht mehr, konnte dann aber auch die Schulden bei ihm nicht erstatten. Stattdessen haben sie ihm einen Gegendeal angeboten: O-Bike schenkte ihm alle neuen Velos in Lagerhallen in ganz Europa, die Kutal nun verkaufen soll. Der Betrag der verkauften Velos, so der Plan von O-Bike, begleicht die Schulden bei Kutal. «Die O-Bikes habe ich erhalten im Gegenzug zu den offenen Rechnungen, die sie bei mir haben.»

Ein Fass ohne Boden

Doch genau dieses Angebot stürzt Kutal vollends in die Krise. Schätzungsweise 25000 O-Bikes – verteilt in ganz Europa – gehören nun dem Märstetter Unternehmer. Die Krux an diesem Deal ist, dass die anfallenden Lagerkosten ebenfalls Kutal begleichen muss.

«Soweit ich weiss, gibt es Lagerräume in Österreich, Deutschland, Holland, Frankreich, Spanien, Tschechien und Polen.»

sagt Kutal. Sein Problem: «Mit den Velos habe ich auch die Schulden auf mich genommen, die O-Bike hat. Bei manchen Lagern sind seit fünf bis sechs Monaten Beträge offen, die ich nun versuche zu bereinigen», sagt er.

Zusätzlich dazu gehören ihm alle O-Bikes in der Schweiz, die er zuerst aber noch einsammeln muss. Das wiederum gestaltet sich schwierig, da die GPS-Tracker oft kaputt sind. Die Schuldenrückzahlung von O-Bike in Form der geschenkten Velos ist für Kutal ein Fass ohne Boden: «O-Bike hat eine Menge Schulden, die nun mir gehören. Das Problem ist, dass sich jeden Monat durch die Lagerkosten neue Schulden anhäufen.» Von seinen privaten Schulden habe er einen kleinen Teil zurückzahlen können. Die Schulden von O-Bike sei er bemüht zu bezahlen.

Über 1000 Velos aus der Schweiz verkauft

In der Schweiz hat Kutal bis heute 1500 Velos eingesammelt. Über 1000 davon in Zürich. Von den 9000 europäischen O-Bikes, die er bisher in den Lagern gefunden hat, habe er 6000 verkauft. Wie hoch die Schulden noch sind, möchte Kutal nicht sagen. Als ob das nicht genug wäre, kommen weitere Schwierigkeiten hinzu.

«Eine St. Galler Garage hat hinter meinem Rücken O-Bikes eingesammelt und verkauft. Ich habe Anzeige erstattet.»

Allgemein sei es ziemlich chaotisch, da ihn viele Personen reinlegen wollen.

Auch im Ausland gibts Probleme. «Österreich meint, dass ich mit dem Verkauf der Velos einen hohen Gewinn erzielt habe. Aus diesem Grund möchten sie mir eine hohe Strafe auferlegen», klagt Kutal. Er sei jedoch gar nicht für das Zusammenbringen der Velos in der Stadt verantwortlich. Denn für das Einsammeln der zum Teil schrottreifen Velos im Ausland müsste ihm O-Bike zunächst den Auftrag erteilen und im Voraus bezahlen. Ansonsten verwaltet und verkauft er nur die neuen Velos in den Lagerhallen. «Bis heute habe ich von O-Bike keinen Auftrag erhalten, die Velos einzusammeln, aus diesem Grund habe ich nicht angefangen.»

Kutal bleibt optimistisch

Seit einigen Monaten kämpft Kutal nun schon gegen den Negativstrudel an Schulden. Täglich erreichen ihn Dutzende Telefonanrufe. Es gebe Zeiten, in denen er wochenlang irgendwo in Europa unterwegs ist – womit hohe Ausgaben verbunden sind. «Ich muss mich versichern, dass die Lager leer und gereinigt sind, aber auch, dass die Lagerschulden beglichen worden sind», sagt Kutal. Seine Umzugsfirma leidet unter dem Velostress. Immer noch erhalten sie einige Aufträge. Zeit, sich darum zu kümmern, hätten sie aber nicht.

Trotz allem bleibt er optimistisch: «Ich glaube immer noch fest daran, dass ich die O-Bike-Geschichte bald abschliessen kann», sagt er. Wenn dann endlich alle Schulden bezahlt sind, will er mit seiner Zügelfirma weiterarbeiten. Von Velos wird er sicher die Finger lassen. «Aber ich möchte endlich mal zur Ruhe kommen, und mit meiner Familie Zeit verbringen», sagt Firat Kutal erschöpft.