Swiss League
Wenn das nur gut geht zwischen den Pfosten! HC-Thurgau-Trainer Stephan Mair steht vor seiner schwierigsten Saison

In der Meisterschaft 2021/22 ist für den HC Thurgau zwischen Halbfinal und Absturz alles möglich. Lebten die Ostschweizer sportlich zuletzt über ihren Verhältnissen, könnte es in diesem Winter zur Korrektur kommen. Vieles hängt von den drei jungen Goalies und dem Ausländerduo ab. Das erste Spiel bestreitet der HCT am Freitag in Winterthur.

Matthias Hafen
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Trainer Stephan Mair muss mit der Kaderbildung in dieser Saison fast von vorne anfangen.

Trainer Stephan Mair muss mit der Kaderbildung in dieser Saison fast von vorne anfangen.

Mario Gaccioli (Weinfelden, 6. August 2021)

Der HC Thurgau ist ein Swiss-League-Phänomen. Jahr für Jahr verlieren die Ostschweizer ihre besten Skorer, besten Verteidiger und zuletzt auch ihren besten Torhüter an die Konkurrenz. Dennoch schaffte es das Trainerduo Stephan Mair/Beni Winkler immer wieder, das Optimum aus dem neu zusammengewürfelten, unbesungenen Kollektiv zu holen. Nüchtern betrachtet spielte Thurgau in den vergangenen Jahren stets über seinen Verhältnissen, klassierte sich besser als man es aufgrund des Kaders hätte erwarten können.

Auch in der Saison 2021/22, die für den HCT am Freitag in Winterthur beginnt, vertraut die Klubführung auf Mairs Magie. Dabei stellt sich die Frage, ob in diesem Winter der Bogen nicht überspannt wird. Zwar holte Thurgau für sein Prunkstück, die Verteidigung, zwei wichtige Pfeiler: Marco Forrer und Kevin Kühni. Doch gilt es hinten auch Joel Scheidegger (zu Olten), den Amerikaner T.J. Brennan (zu Salzburg/AUT) und David Wildhaber (Rücktritt) zu ersetzen.

Bryan Rüegger muss in diesem Winter deutlich mehr Verantwortung übernehmen als noch das Jahr zuvor als Backup von Nicola Aeberhard.

Bryan Rüegger muss in diesem Winter deutlich mehr Verantwortung übernehmen als noch das Jahr zuvor als Backup von Nicola Aeberhard.

Mario Gaccioli (Kreuzlingen, 28. August 2021)

Mit 18 Swiss-League-Spielen bereits der Routinier im Tor

Auf der wichtigsten Einzelposition, zwischen den Pfosten, wagt der HC Thurgau gar ein Experiment. Die letztjährige Nummer eins Nicola Aeberhard wurde nicht adäquat ersetzt. Man machte die Nummer zwei Bryan Rüegger mit der Erfahrung von 18 Ligaspielen flugs zum neuen «Routinier» und sichert sich mit den Zuzügen von Jan Rutz und Luis Janett (beide zusammen nur sechs Swiss-League-Einsätze) vermeintlich ab. Keiner des HCT-Goalietrios ist älter als 21 Jahre. Trainer Mair spricht von einem «Risiko», das der Klub budgetbedingt eingehe. Man könnte es in einer immer besser werdenden Swiss League auch Himmelfahrtskommando nennen. Für den HCT spricht, dass alle drei Goalies überdurchschnittlich talentiert sind und mit dem neuen schwedischen Torhütertrainer Karl Malmquist ein Profi täglich mit dem Trio arbeitet.

HC Thurgau Kader 2021/22

Goalies
35 Luis Janett (neu/Leihe/Kloten)
39 Bryan Rüegger
72 Jan Rutz (neu/Zug U20)
Verteidiger
27 Bernhard Fechtig
33 Marco Forrer (neu/EVZ Academy)
18 Kevin Kühni (neu/La Chaux-de-Fonds)
97 Misha Moor
51 Patrick Parati
5 Silvio Schmutz (neu/Basel)
19 Valentin Senn (neu/HCT Young Lions)
68 Sebastiano Soracreppa
Stürmer
10 Jonathan Ang (CAN)
11 David Baumann
88 Dominik Binias (neu/Leihe/Fribourg)
70 Cyrill Bischofberger
47 Ian Derungs (neu/Langenthal)
21 Jason Fritsche
24 Dominic Hobi
81 Fabio Hollenstein
16 Nico Lehmann (neu/Kloten U20)
90 Janik Loosli
91 Rickard Palmberg (SWE/neu/Oskarshamn)
86 Jan Petrig (neu/Visp)
23 Adam Rundqvist
34 Justin Salamin (neu/HCT Young Lions)
61 Patrick Spannring
44 Daniel Woger (neu/Dornbirn)
Trainer
Stephan Mair (ITA/Headcoach)
Beni Winkler (Assistent)
Karl Malmquist (SWE/neu/Goalietrainer)
Abgänge
Nicola Aeberhard (La Chaux-de-Fonds), T. J. Brennan (USA/Salzburg), Joel Scheidegger (Olten), Florian Schmuckli (Olten), Terry Schnyder (Chur/MSL), David Wildhaber (Rücktritt), Patrick Brändli (Trainer Thurgau U20), Mattia Hinterkircher (Kloten), Derek Hulak (CAN/Assistenzcoach University of Saskatchewan), Jérôme Lanz (Basel/MSL), Joel Moser (Wil/1.), Jan Mosimann (Olten), Darcy Murphy (CAN/Belfast Giants), Frantisek Rehak (Langenthal), Adrian Wetli (vertraglos).

Ausländer haben Potenzial, stehen aber unter Druck

Dennoch steht Headcoach Mair in seiner sechsten Saison mit Thurgau vor seiner grössten Herausforderung. Wegen der guten Arbeit aus den vergangenen Jahren ist die Messlatte hoch. Das Umfeld des HCT wird nur noch bedingt Freude haben, wenn die Mannschaft den Umweg über das Pre-Playoff nehmen sollte. Doch genau das droht Thurgau im Frühjahr – wenn nicht die beiden Ausländer Jonathan Ang und Rickard Palmberg in eindrücklicher Manier harmonieren. Der Erfolg des HC Thurgau hängt zu einem grossen Teil von ihren Skorerpunkten ab. Für sie gab der Klub auch mehr Geld aus als eigentlich geplant. Der österreichische Neuzuzug Daniel Woger und das von Fribourg ausgeliehene Talent Dominik Binias sind weitere potenzielle Skorer.

Der HCT muss nicht viele Tore machen, aber in den entscheidenden Momenten die richtigen. Denn die Spielanlage der Thurgauer wird die gleiche bleiben. Sie müssen ihre Partien mit ihrer Defensive gewinnen. Fallen viele Tore, dürfte das für den HCT meist eine Niederlage bedeuten. Tipp: 7. Platz.

EHC Kloten: Ist Tomlinson das fehlende Puzzleteil?

Mit der Verpflichtung von Trainer Jeff Tomlinson (bei Rapperswil-Jona nicht mehr erwünscht) könnte den topbesetzten Flughafenstädtern der entscheidende Durchbruch auf der «Mission Wiederaufstieg» gelungen sein. Tomlinson führte 2018 schon Rappi zurück in die höchste Spielklasse, gewann mit den St.Gallern im gleichen Jahr den Cup und erreichte zuletzt sensationell die Playoff-Viertelfinals in der National League. Tipp: 1. Platz.

EHC Visp: Dank Lonza ein ernstzunehmender Aufstiegskandidat

Die Walliser sind die Transfersieger dieses Sommers, steigen mit einem eindrücklichen Kader in die Saison (u. a. mit WM-Bronzegewinner Linus Klasen). Sportlich sind sie der grösste Herausforderer von Kloten – doch nicht nur das. Dank der grosszügigen Unterstützung des Pharmariesen Lonza hat Visp auch finanziell mindestens so viel Potenzial wie die Zürcher. Tipp: 2. Platz.

HC La Chaux-de-Fonds: In der Offensive eine Wucht

Die Neuenburger haben besonders im Angriff um die Norweger Mathias Trettenes und Sondre Olden wieder mehr Potenzial als zuletzt. Nicht zuletzt dank Toms Andersons (von Langnau). Der Ex-Thurgauer war ebenso vom HCT umworben wie Andreas Döpfner (zuletzt EVZ Academy). Fragt sich, wie Goalie Nicola Aeberhard die Umstellung vom HC Thurgau zum deutlich offensiver eingestellten HCC meistert. Tipp: 3. Platz.

SC Langenthal: Weiterhin klangvolle Namen im Kader

Nicht erst seit Kulttrainer Kevin Schläpfer als Sportchef fungiert ist mit den Oberaargauern in der Swiss League stets zu rechnen. Zwar hat Langenthal ein letztes Mal ein Aufstiegsverbot, weil es 2019 als Meister die Ligaquali ausgeschlagen hat. Doch Namen wie Caminada, Elo, Kummer, Kämpf, Tschannen und Rehak sorgen für die Qualität, um einen Spitzenplatz zu erreichen. Tipp: 4. Platz.

Verteidiger Joel Scheidegger, vergangene Saison Topskorer des HC Thurgau, spielt neu für den EHC Olten.

Verteidiger Joel Scheidegger, vergangene Saison Topskorer des HC Thurgau, spielt neu für den EHC Olten.

Urs Lindt/Freshfocus (Pruntrut, 24. August 2021)

EHC Olten: Wieder Flickwerk oder endlich eine Einheit?

Einmal mehr kauften die Solothurner im Sommer wie die Grossen ein, holten alleine vom HC Thurgau Scheidegger, Schmuckli und Mosimann. Fragt sich nur, ob die Oltner auch wissen, was sie tun. Denn in der Vergangenheit stellte sich ihr Team öfter als Flickwerk heraus denn als funktionierende Einheit. Das Kader an sich macht aber zweifelsfrei auch in diesem Jahr Eindruck. Tipp: 5. Platz.

GCK Lions: Die Junglöwen müssen wieder ins Playoff

Das Farmteam des NLA-Klubs ZSC Lions hat genug von verpassten Playoffs. Deshalb investierten die Zürcher aussergewöhnlich viel in das GCK-Kader. Den Schweden Victor Backman schnappten sie dem HCT vor der Nase weg. Bei Vincenzo Küng (von Langenthal), dem Ostschweizer Talent Kyen Sopa (von Bern) und anderen Grössen weiss man einfach nie, ob sie am Ende öfter für den ZSC oder GCK spielen werden. Tipp: 6. Platz.

HC Sierre: Der Beste wechselte zu Ajoie in die National League

Die Unterwalliser waren vergangene Saison mit Rang vier die positive Überraschung in der Swiss League. Doch der Abgang von Topskorer Guillaume Asselin (CAN) zu Aufsteiger Ajoie wiegt schwer. Zudem werden die Teamstützen Goran Bezina (41), Eric Castonguay (33/CAN), Tomas Dolana (36), Thibaut Monnet (39) und Rémy Rimann (32) auch nicht jünger. Tipp: 8. Platz.

Ticino Rockets: Das Farmteam muss der Liga etwas beweisen

Das Multi-Klub-Farmteam aus dem Tessin hat sich sehr darum bemüht, um auch künftig in der Swiss League mitspielen zu können. Das Team von Trainer Eric Landry ist der Liga sportlich deshalb etwas schuldig. Das Kader deutet jedoch nicht auf einen Quantensprung hin. Nelson Chiquet (von den GCK Lions) könnte sich aber noch als geschickter Transfer herausstellen. Tipp: 9. Platz.

EVZ Academy: Zum Abschluss einfach nicht Letzter sein

Die EVZ Academy gibt ihre Abschiedsvorstellung in der Swiss League, wird der eigenständigen Liga in der Saison 2022/23 nicht mehr angehören. Entsprechend klein und wenig aussagekräftig ist das Kader, mit dem die Zuger in die Meisterschaft steigen. Das Farmteam des NLA-Klubs EVZ kann deshalb nur ein Ziel haben: Sich nicht als Tabellenletzter zu verabschieden. Tipp: 10. Platz.

EHC Winterthur: Selbst das Erreichen des Pre-Playoffs wird zur Herausforderung

Die Zürcher sind mittlerweile die erste Adresse für die letzte Chance. Wenn man nirgends mehr einen Swiss-League-Vertrag erhält, unterschreibt man bei Winterthur, so macht es oft den Anschein. Weder sportlich noch finanziell noch in der Wahrnehmung ist der Klub weitergekommen. Spannender Transfer: Der Thurgauer Jan Zwissler, der im Frühjahr mit Ajoie aufgestiegen ist. Tipp: 11. Platz.

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