Swiss League
Geduld ist das neue Gold: Wie der HC Thurgau die Kaderplanung neu definiert

Der HC Thurgau hat für die Saison 2021/22 erst eine Handvoll Spieler unter Vertrag. Und es ist nicht zu erwarten, dass die Ostschweizer die Zusammenstellung ihres künftigen Kaders zum jetzigen Zeitpunkt forcieren - abgesehen von einem festen Kern.

Matthias Hafen
Drucken
Teilen
Interimscaptain Dominic Hobi (rechts) bleibt dem HC Thurgau zwei weitere Jahre erhalten.

Interimscaptain Dominic Hobi (rechts) bleibt dem HC Thurgau zwei weitere Jahre erhalten.

Mario Gaccioli (Weinfelden, 16.Februar 2021)

Pünktlich zu Jahresbeginn läuft im Schweizer Eishockey die grosse Peepshow. Dann, wenn die Klubs ihre ersten Transfers und Vertragsverlängerungen für die kommende Saison bekanntgeben, drücken Trainer und Sportchefs die Nase an den Lattenzaun. Schauen interessiert und nicht selten auch neidisch durchs Guckloch, was der andere in seinem Gärtchen so treibt. In dieser Peepshow hat der HC Thurgau in den vergangenen Jahren unter Trainer Stephan Mair und auch mit Sportchef Gody Kellenberger eine gesunde Gelassenheit gefunden. Den Stress, als Erste auf den Buzzer hauen zu müssen, um einen Topspieler an Land zu ziehen, sparen sich die Ostschweizer. Aus gutem Grund.

Primär werden sie durch ihr knappes Budget dazu gezwungen. Finanziell kann der HCT gegen Konkurrenten wie Kloten, Olten, Ajoie oder Visp nicht mithalten. Zuletzt verloren die Thurgauer das Feilschen um Goalie Nicola Aeberhard gegen La Chaux-de-Fonds. Eine gestandene Nummer eins zwischen den Pfosten stellt Trainer Mair auch für 2021/22 nicht in Aussicht. Eine solche kostet in der Swiss League gut und gerne 70000 Franken. Dem HCT stehen geschätzt nicht einmal für beide Torhüter zusammen so viel Geld zur Verfügung. Es reicht aus, um mit Bryan Rüegger (Vertrag bis 2022) ein junges Gespann zu bilden.

Nach Saisonstart bekommt man oft mehr fürs Geld

Aus seiner Budgetnot hat der HC Thurgau eine Tugend gemacht. In den vergangenen Jahren verpflichtete er jeweils nur noch den Stamm frühzeitig. Darunter fallen die Vertrags­verlängerungen mit Captain Patrick Parati und Dominic Hobi. Daneben sparte der Swiss-League-Klub aus Weinfelden Budget auf, für das er zu einem späteren Zeitpunkt oft den besseren Gegenwert bekam. Der Dynamik des Marktes sei Dank. Denn oft war er so, dass sich kurz vor Saisonbeginn – oder in einigen Fällen sogar erst nach Saisonstart – Möglichkeiten ergaben, talentierte Spieler zu verpflichten, die irgendwo durchs Netz gefallen waren. Genau darauf setzt der HCT, um sein vorgeformtes Kader zu komplettieren – und Langzeitverletzungen zu kompensieren. Thurgaus Fans jedenfalls sind sich gewohnt, dass Ende Saison qualitativ ein anderes Team auf dem Feld steht, als es noch ins Sommertraining einrückte. Und das nicht erst seit Corona.

Die Auswirkungen der Coronapandemie aber wird diese ­Dynamik noch verstärken. Davon ist Thurgaus Headcoach Stephan Mair überzeugt. Vor ­allem, wenn auch die Saison 2021/22 nicht mit voller Zuschauerkapazität durchgeführt werden kann. «Corona macht vieles schwieriger», sagt der 53-jährige Südtiroler. «Deshalb ist es mehr denn je angebracht, vorsichtig zu agieren und die Finanzen im Auge zu behalten.» Schon für 2020/21 war zu erkennen, dass Thurgaus Kaderplanung in der Swiss League Schule macht. Und Mair würde es nicht überraschen, wenn in diesem Jahr noch mehr Spieler aus den höchsten zwei Ligen aus finanziellen Gründen durch die Maschen fallen würden. Ein gefundenes Fressen für den HCT, der zudem im Normalfall auch noch von der gut funktionierenden Partnerschaft mit dem NLA-Klub Rapperswil-Jona profitieren kann.