Sulgen
«Schaden verhindern, nicht behandeln»

Im Rahmen ihres Präventionsplans behandelt die Sekundarschule Befang mit den Zweitklässlern das Thema «Förderung der sexuellen Gesundheit». Am Donnerstag berichteten drei Personen der Organisation «GLL» von ihren Erfahrungen.

Monika Wick
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Gaby, Carolina und Peter (v. l.) von der Organisation "GLL" im  Workshop mit den Schülern.

Gaby, Carolina und Peter (v. l.) von der Organisation "GLL" im
Workshop mit den Schülern.

Bild: Monika Wick

Die Augen der Schüler der zweiten Oberstufenklasse der Sekundarschule Befang hängen förmlich an den Lippen von Carolina. Die junge Frau erzählt den Schülerinnen und Schülern, wie es sich anfühlte, als sie als Teenager bemerkte, dass sie homosexuell ist. «Es hat mir Angst gemacht. Ich getraute mich nicht, mich jemandem anzuvertrauen und habe nach Entschuldigungen für meine Neigung gesucht», erklärt sie.

Carolina gehört zum Team von «GLL». Die Organisation besucht seit zwanzig Jahren Schulklassen und thematisiert in ihren Workshops die vielfältigen sexuellen Orientierungen und das damit einhergehende Coming-out.

Selbstverletzung während Selbstfindungsphase

«Uns ist es wichtig, Schaden zu verhindern, als ihn nachträglich zu behandeln», erklärt Barbara Dudli, Schulsozialarbeiterin der Volksschulgemeinde Region Sulgen. Aus diesem Grund bildet der Präventionsplan an der Sekundarschule Befang einen festen Bestandteil des Lehrplans.

Während sich die Erstklässler mit dem Schwerpunktthema «Soziale Kompetenzen» und die Drittklässler mit dem Schwerpunktthema «Häusliche Gewalt» beschäftigen, arbeiten die Zweitklässler am Projekt «Förderung der sexuellen Gesundheit», in dessen Rahmen auch die Auseinandersetzung mit den verschiedenen sexuellen Orientierungen behandelt wird.

Mithilfe eines "Gender-Bread" lernen die Schüler die verschiedenen  Formen der sexuellen Identität kennen.

Mithilfe eines "Gender-Bread" lernen die Schüler die verschiedenen
Formen der sexuellen Identität kennen.

Bild: Monika Wick

Zum Team von «GLL» gehören neben Carolina auch Gaby und Peter. Gaby ist Mutter einer homosexuellen Tochter, welche sich während des Findens ihrer sexuellen Identität selber verletzt hatte, wechselnde sexuelle Kontakte pflegte und Drogen konsumierte. «Ihr Outing hat vieles er- und geklärt», sagt sie.

Gaby ist es auch, die die Jugendlichen mittels «Ja- oder Nein-Fragen» in Gruppen einteilt. So bemerken sie, dass das Erstellen eines Instagram-Profils eine freie Entscheidung ist, während ihre Rechts- oder Linkshändigkeit willkürlich entstanden ist. Gaby gibt zu Bedenken:

«Es gibt Dinge, die man nicht selber entscheidet, sie passieren einfach.»

Die sexuelle Orientierung ist laut Gaby nur eine Facette des Themas. «Dazu gehören auch körperliche Geschlechtsmerkmale, die Geschlechtsidentität sowie das Erscheinungsbild. Es gibt 1000 Formen davon», erklärt sie.

«Homosexuelle sind ganz normale Menschen»

In Rollenspielen schlüpfen die Jugendlichen nun in Rollen von Paaren, die sich vor Kollegen, Eltern oder Schulkameraden als homosexuell outen. Gemeinsam mit dem Team von «GLL» reflektieren sie das Erlebte. «Für mich sind Homosexuelle ganz normale Menschen», sagt ein Mädchen, während sich ein Junge unumwunden eingesteht, Mühe mit der gleichgeschlechtlichen Liebe zu haben. «Das dürfte aber auch mit der Erziehung oder dem Umfeld zu tun haben», fügt er hinzu.

Schülerinnen und Schüler während der Rollenspiele.

Schülerinnen und Schüler während der Rollenspiele.

Bild: Monika Wick

Carolina gibt den Schülerinnen und Schülern Tipps, wie sie reagieren sollen, wenn sich ihnen eine Kollegin oder ein Kollege outet. «Nehmt sie ernst, zeigt Verständnis, habt keine Angst, unterstützt sie und bleibt ihnen gute Kollegen», empfiehlt sie.

«Es gibt verschiedene Menschen»

Zu guter Letzt erzählt auch Peter seine Geschichte. Als junger Mann hatte der heute 66-Jährige noch Vorstellungen «wie ein richtiger Mann sein soll» und wollte nicht auffallen. Sein Gedanke, dass seine Gefühle sicher nur eine Phase sind, bewahrheiteten sich nicht. Trotzdem heiratete Peter eine Frau und wurde Vater von zwei Töchtern. Nach dreissig Jahren trennte er sich von seiner Frau, die seine sexuelle Orientierung kannte. Er sagt:

«Die Scheidung war für uns beide schmerzhaft und befreiend zugleich.»

Heute lebt Peter mit einem Mann in einer eingetragenen Partnerschaft.

Die spezielle Unterrichtsstunde hat Angymara sehr gut gefallen. «Es ist wichtig, dass das Thema behandelt wird. Man muss wissen, dass es verschiedene Menschen gibt», sagt die 15-jährige Schülerin, bevor sie mit ihren Klassenkameraden und ohne Beisein von Erwachsenen das Team von «GLL» mit Fragen löchern kann.

Schüler und Schülerinnen reflektieren die Rollenspiele.

Schüler und Schülerinnen reflektieren die Rollenspiele.

Bild: Monika Wick