Streit vor Gericht
«Wir sind kein Bastelbetrieb und müssen auch aufs Geld schauen»: Romanshorner Sozialfirma kämpft vor Gericht gegen Kündigung des Mietvertrags

Die neuen Besitzer des ehemaligen Hydrel-Areals am See haben Brüggli den Mietvertrag für Lager und Produktion auf einer Fläche von 6000 Quadratmetern gekündigt. Am Mittwoch trafen sich die beiden Parteien deswegen vor dem Bezirksgericht Arbon. Es ging um die Frage der Zumutbarkeit, Zeitdruck und viel Geld.

Markus Schoch
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Auf dem ehemaligen Betriebsgelände der Hydrel will die M.U.T. Areal Lakeside AG Wohnungen bauen.

Auf dem ehemaligen Betriebsgelände der Hydrel will die M.U.T. Areal Lakeside AG Wohnungen bauen.

Bild: Reto Martin

Die M.U.T Areal Lakeside AG hat es eilig. Die Investmentfirma mit Sitz in Zug hat im Mai 2019 das ehemalige Betriebsgelände der Firma Hydrel von der Firma Schaeffeler Schweiz GmbH gekauft. Die neuen Besitzer wollen auf dem 11'400 Quadratmeter grossen Gelände direkt am See Eigentumswohnungen bauen. Die Abbruchbewilligung für einen Grossteil der Fabrikationshallen hat die M.U.T. bereits in der Tasche. Für den Abrisse von zwei der drei übrigen Gebäude will das Unternehmen demnächst ein Gesuch bei der Stadt stellen, nachdem die Frage der Schutzwürdigkeit geklärt zu sein scheint. Stehen bleiben soll nur das Haus direkt neben der einstigen Fabrikantenvilla, die heute eine Alters-WG ist.

Die M.U.T. ist unter Zeitdruck. Denn die Firma Schaeffeler hat sich vertraglich verpflichtet, etwa die Hälfte der voraussichtlichen Kosten für die Altlasten-Sanierung zu übernehmen. Weil die Beträge Geschäftsgeheimnis sind, ist es der «Thurgauer Zeitung» auf Antrag der M.U.T. gerichtlich verboten, sie zu nennen. Die Gutsprache ist zeitlich befristet: Schaeffeler zahlt nur innerhalb von vier Jahren nach Vertragsabschluss. Die M.U.T. will deshalb so schnell als möglich vorwärtsmachen und die bestehenden Mietverhältnisse auflösen. Davon betroffen ist auch die Sozialfirma Brüggli, die aktuell 6'000 Quadratmeter an der Badstrasse als Lager und für die Produktion nutzt. Sie erhielt auf Ende September des letzten Jahres die Kündigung, die das Sozialunternehmen mit insgesamt 850 Mitarbeitern als missbräuchlich anficht und eine Erstreckung um vier beziehungsweise sechs Jahre verlangt. Am Mittwoch trafen sich die beiden Parteien deswegen vor Bezirksgericht Arbon. Die Auseinandersetzung füllt Hunderte von Seiten Akten.

Neuer Standort steht Brüggli noch nicht zur Verfügung

Gleich neben dem Hauptsitz will sich Brüggli in die Liegenschaft der Firma Sidler einmieten.

Gleich neben dem Hauptsitz will sich Brüggli in die Liegenschaft der Firma Sidler einmieten.

Bild: Reto Martin

Das Problem: Brüggli braucht mehr Zeit. Die Verantwortlichen haben zwar gleich neben dem Hauptsitz im Industriegebiet einen neuen Standort gefunden. Es geht um die Liegenschaft der Firma Sidler, die das Grundstück unlängst der Hof Industrie AG von Rolf Beerli verkauft hat, der Brüggli einen langfristigen Mietvertrag mit einer Kaufoption anbietet. Doch die Räumlichkeiten sind nach Angaben von Brüggli frühestens Mitte 2023 verfügbar, möglicherweise aber auch erst Anfang 2024. Brüggli-Geschäftsführer Rainer Mirsch sagte vor Gericht:

«Das ist für uns eine einmalige Chance, die wir uns nicht entgehen lassen können.»

Die M.U.T. Areal Lakeside AG will diesen Sachzwang nicht akzeptieren und wirft Brüggli vor, sich nicht rechtzeitig um schneller verfügbare Ausweichmöglichkeiten bemüht zu haben, die es ihrer Meinung nach durchaus gegeben hätte. «Sie haben einfach nichts gemacht», sagte der Anwalt der M.U.T. vor Gericht. Brüggli habe sich nicht einmal die Mühe genommen, die beiden Angebote in Arbon und Kreuzlingen zu prüfen, die ihr die M.U.T vorgeschlagen habe. Und das obwohl sie den Ansprüchen von Brüggli genügen müssten. Den Angestellten sei ein Arbeitsplatz in einer anderen Stadt zumutbar, sagte der Anwalt mit Verweis auf die teils langen Anfahrtswege des auswärts wohnenden Personals. Mit dem öffentlichen Verkehr brauche man von Arbon zum Brüggli-Hauptsitz an der Hofstrasse nur unwesentlich länger als von dort zu Fuss zum ehemaligen Hydrel-Areal, rechnete der Anwalt vor. Brüggli bleibe die Erklärung schuldig, warum ein Standort in einer Nachbargemeinde nicht in Frage kommen könne.

Brüggli fühlt sich missverstanden

Diesen Vorwurf liess Brüggli-Geschäftsleiter Rainer Mirsch nicht auf sich sitzen. Sie könnten nicht einfach irgendwo eine Aussenstelle eröffnen.

«Wir brauchen kurze Wege.»

Brüggli sei nicht eine Firma wie jede andere. Sein Betrieb biete Jugendlichen Ausbildungsplätze in einem geschützten Rahmen und mit enger Betreuung an. «Zu uns kommen junge Menschen mit psychischen Problemen wie Angststörungen oder Phobien.» Auch die IV weise ihnen Personen zu. Aktuell würden im ehemaligen Hydrel-Gebäude rund 150 Angestellte arbeiten, davon viele Lehrlinge im Bereich Logistik.

«Eine Filiale in Arbon würde bedeuten, dass wir unser agogisches Konzept für drei Jahre komplett ändern und zusätzliches Fachpersonal einstellen müssten», sagte Mirsch. Denn wenn einer der Mitarbeiter eine Krise habe, was immer wieder vorkomme, müsste jemand vor Ort sein, der ihm helfe.

«Es ist undenkbar, dass wir der betreffenden Person in einer solchen Situation sagen, sie solle den Zug oder Bus nach Romanshorn nehmen und sich dann bei einem Betreuer am Hauptsitz melden. Er oder sie würde nie dort ankommen.»

Also brauche es doppelte Strukturen, die teuer seien und für deren Finanzierung niemand aufkommen werde. «Ich habe keine Ahnung, wie wir es machen sollten, wenn wir an der Badstrasse jetzt raus müssen», sagte Mirsch. «Wir sind kein Bastelbetrieb und müssen auch aufs Geld schauen.»

M.U.T. wirft Brüggli Untätigkeit vor

Der Anwalt der M.U.T. tat die Erklärungsversuche von Mirsch als Ausreden für Untätigkeit ab. Er sehe den Unterschied nicht zwischen einer Aussenstelle in Arbon und einer in Romanshorn an der Badstrasse. Und er sei sicher, Brüggli hätte zeitnah auch etwas in Romanshorn gefunden, wenn die Verantwortlichen nur entschlossen danach gesucht hätten, was Mirsch in Abrede stellte.

Das Gericht fällte am Mittwoch noch kein Urteil. Die Parteien trafen sich im Anschluss an die Verhandlung unter vier Augen zu Vergleichsgesprächen. Der Projektleiter der M.U.T. brachte die Möglichkeit einer Etappierung der Altlasten-Sanierung in die Diskussionen ein, sodass Brüggli Zeit gewinnen würde. Allerdings nur etwa acht Monate.