Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Statt in Australien landete er in Arbon: Hermann Bresch wurde als Kind von den Polen vertrieben und fand in der Schweiz sein Glück

Mit seinem Chef hat er das Stahlküchen-Konzept bei der Firma Forster entwickelt. Die erste Stelle in seiner neuen Heimat fand er blind.
Tanja von Arx
Hermann Bresch mit Therapiehündin Aveline im Pflegehiem Sonnhalden in Arbon. (Bild: Andrea Stalder)

Hermann Bresch mit Therapiehündin Aveline im Pflegehiem Sonnhalden in Arbon. (Bild: Andrea Stalder)

Vor etwas mehr als 87 Jahren kam ich in Schmarse zur Welt. Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs hatte ich eine unbeschwerte Kindheit. Nach Kriegsende wurde das Gebiet rechts der Oder-Neisse-Linie - und damit auch Schmarse - polnisches Territorium, und alle Deutschen mussten das Land verlassen. Meine Mutter hatte noch Teig an den Händen, als uns polnische Reiter-Milizen in Richtung Frankfurt an der Oder trieben.

Hermann Bresch als Kind in einer Tuba. (Bild: PD)

Hermann Bresch als Kind in einer Tuba. (Bild: PD)

Unser Treck umfasste 50 bis 60 Personen. Mitnehmen konnten wir nur Handgepäck. Wenn es durch Regen nass und schwer wurde, blieb es einfach am Strassenrand stehen, denn wir mussten weiter. In Frankfurt angekommen, blieben unsere polnischen Begleiter vor der Oderbrücke zurück, und wir wurden in die überfüllte sowjetische Besatzungszone ausgesiedelt.

Es kam doch nicht alles gut

Glücklicherweise hatten wir eine Tante in Wernigerode am Harz, die uns Unterkunft gewährte. Ich konnte wieder zur Schule gehen, die ich wegen des Krieges ein Jahr lang ausgesetzt hatte. Anschliessend machte ich eine Lehre als Mechaniker. Weil ich ein guter Lehrling war, schlug man mir vor, wie es damals in den volkseigenen Betrieben üblich war, die Matura zu machen, um dann an der Uni Halle zu studieren.

Das Haus in Wernigerode. (Bild: PD)

Das Haus in Wernigerode. (Bild: PD)

Als im Juni 1953 der Arbeiterstreik ausbrach, dachte man, alles würde besser werden. Doch ich flog von der Uni und stand auf der Strasse. Ich fand keine Arbeit und fragte mich, was ich denn jetzt machen solle. Da reiste ich mit dem Zug Richtung Berlin. Im Stadtzentrum bin ich vorzeitig ausgestiegen, was damals verboten war. Die Mauer gab es damals noch nicht. Täglich flohen rund 2800 Personen von der DDR nach West-Berlin. Deutsche, französische, englische und amerikanische Behörden verhörten alle Flüchtlinge, um Spione zu erkennen.

Der Traum platzt in letzter Minute

Ich durfte bleiben und reiste zu einem Verwandten nach Köln. Dort fand ich eine Stelle als Werkzeugmacher in einer Fabrik für Büromaschinen. Nach zwei Jahren wollte ich mich verändern und auswandern. Allen erzählte ich, dass ich nach Australien gehe. Doch zwei Wochen, bevor mein Schiff ablegte, erfuhr ich, es gebe keinen Platz mehr - ausser ich würde ein paar Tausend Mark auf den Tisch legen. Mit einem Lohn von 300 Mark war das nicht möglich.

So beschloss ich, meiner damaligen Freundin Maria, eine italienische Eisdielenverkäufern, nach Zürich zu folgen, wo ihr Bruder lebte. Dort angekommen, kaufte ich die NZZ, die etwa drei Zentimeter dick war. In der Zeitung hatte es unglaublich viele Stellenanzeigen, was mich überforderte. Also fuhr ich mit dem Finger und geschlossenen Augen über die Seiten und stoppte irgendwo. Es war eine Anzeige der Gebrüder Bühler in Uzwil. Zwei Wochen später hatte ich den Job, die Aufenthaltsbewilligung und einen Reiseplan in der Tasche.

Seine Frau liess ihn zuerst zappeln

Im September 1955 machte ich mich auf den Weg in die Ostschweiz. Bei Bühler lernte ich einen Deutschen kennen. Wir kamen beide aus Köln und hatten dort sogar in der gleichen Firma gearbeitet. Wir wurden gute Freunde. Als er nach Österreich zog, wollte ich mit, aber die Fremdenpolizei war damit nicht einverstanden. Ich musste ein ganzes Jahr in Uzwil bleiben. Danach zog ich ins Rheintal, wo ich meinem Freund näher war. Bei der Wild in Heerbrugg fand ich eine neue Stelle. Und dort traf ich auch meine Frau.

Hermann Bresch mit seiner Frau Helga kurz vor der Heirat. (Bild: PD)

Hermann Bresch mit seiner Frau Helga kurz vor der Heirat. (Bild: PD)

Eines Tages ging sie an mir vorbei, als ich an der Drehbank arbeitete. Ich sah sie nur noch von hinten. Als sie zurück kam, hatte ich nur noch Augen für sie und vergass mein Werkstück. Plötzlich machte es peng, und es flog in weitem Bogen durch die Luft. Die Frau, die mir so gefiel, hiess Helga Jäger. Ich wusste sofort: Das ist sie. Nicht so Helga. Sie sah in mir nicht von Anfang an den Mann fürs Leben. Sie liess mich ein bisschen zappeln. Ich habe sie richtig gehend angeschmachtet, sie ausgeführt und schliesslich ihr Herz gewonnen. Sie war sehr schüchtern und kam aus bescheidenen Verhältnissen.

Ausbildung eröffnet neue Möglichkeiten

Am 1. August 1958 haben wir geheiratet. Wir zogen nach Widnau, bald darauf nach Balgach. In dieser Zeit kamen unsere beiden Kinder Wolfgang und Jürgen zur Welt. Nach acht Jahren bei der Firma Wild hatte ich genug. Ich wollte mich beruflich nochmals verändern. In St. Gallen machte ich eine Weiterbildung zum Maschinenkonstrukteur. Und so ergab das eine das andere.

Bei der Firma Forster in Arbon fand ich eine neue Stelle als Kühlschrankonstrukteur. Wir zogen nach Arbon, wo bald unser dritter Sohn Mario zur Welt kam. Alle fragten uns, wie wir auf einen italienischen Namen gekommen seien. Es war, weil wir uns im Spital innerhalb einer Stunde entscheiden mussten. Später arbeitete ich auch in der Küchenkonstruktion. Das Konzept der Stahlküche stammt von meinem Chef und mir und hat bis heute Bestand.

Jammern hilft nicht weiterer

Arbon wurde unsere Heimat. Ich wechselte nochmals die Stelle und ging zur Air Fröhlich AG. Dort konstruierte ich bis zu meiner Pensionierung Wärme-Rückgewinnungs-Anlagen für Grossbetriebe. Meine Frau Helga hat zeitlebens an verschiedenen Stellen viel gearbeitet. Leider erkrankte sie mit 76 Jahren schwer. Zuerst ging sie ins Egnacher Pflegeheim «Seerose», dann ins «Sonnhalden» nach Arbon, wo sie bald verstarb. Wir hatten eine gute Ehe, haben immer füreinander gesorgt.

Seit einem Spitalaufenthalt im Dezember des letzten Jahres kann ich nicht mehr selbständig leben. Aber Jammern hilft auch nicht. Ich lebe jetzt auch im «Sonnhalden» und geniesse hier bei guter Pflege den Rest meiner Tage.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.